Eine neue Variante des Aids-Virus wurde in Blutproben aus dem Kongo gefunden. (Symbolbild)
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MissouriWissenschaftler aus der Pharmaindustrie und von der University of Missouri in den USA haben einen neuen Subtyp von Aidsviren nachgewiesen. Er gehört zur Gruppe M der HIV-1-Viren und trägt die Bezeichnung L. Die Gruppe M ist von großer Bedeutung, weil auf sie die globale HIV-Pandemie zurückzuführen ist. Über die Entdeckung des Subtyps berichten die Forscher der Firma Abbott und ihre Kollegen im Fachblatt Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes

Wie bei anderen Viren hat sich das Erbgut von HIV im Laufe der Zeit verändert und es sind neue Subtypen entstanden. Diese zu kennen ist wichtig – um sicherzustellen, dass Tests anschlagen und Medikamente wirken. Bei dem neu entdeckten Subtyp L gibt Anthony Fauci, Direktor des US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases, Entwarnung. Die aktuellen Arzneimittel seien dagegen wirksam, sagte er dem Nachrichtensender CNN.

Drei voneinander unabhängige Fälle müssen nachgewiesen werden

Dass es neben den bisher identifizierten neun Subtypen der Gruppe M einen weiteren gibt, wurde schon länger angenommen. Um seine Existenz zu belegen, müssen Forscher jedoch drei voneinander unabhängige Fälle nachweisen. Die ersten Funde gab es bereits 1983 und 1990 in der Demokratischen Republik Kongo. Die dritte Probe, die die Abbott-Forscher nun untersucht haben, stammt ebenfalls aus dem Kongo – aus dem Jahr 2001.

Lange Zeit war es aufgrund der geringen Virusmenge jedoch nicht möglich, das Genom zu sequenzieren. Man habe neue Techniken entwickelt, um die Analyse vorzunehmen, teilte Abbott mit. Die Firma macht nun den Subtyp der Forschungsgemeinschaft zugänglich, damit sein Einfluss auf diagnostische Tests, Behandlungen und potenzielle Impfstoffe bewertet werden kann.

„Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die derzeit zugelassenen Tests auch den neuen Subtyp L identifizieren“, sagt Norbert Bannert, der das Fachgebiet HIV und andere Retroviren am Robert-Koch-Institut in Berlin leitet. Trotzdem seien die Hersteller dazu aufgerufen, dies zu überprüfen. Für extrem wahrscheinlich hält es der Experte, dass auch die gängigen antiviralen Mittel den neuen Subtyp bekämpfen können.

„Allerdings ist die Frage, wie verbreitet der Subtyp L ist - beziehungsweise ob es ihn überhaupt noch gibt“, sagt Bannert. Alle Viren der Gruppe M des HIV-1-Virus gingen auf eine Erstübertragung des Erregers vom Schimpansen auf den Menschen zurück. „Das war in den 1920er-Jahren. Bei den ersten, frühen Übertragungen entstanden dann die Subtypen“, erläutert der Experte. Diese unterscheiden sich jeweils in etwa 15 Prozent ihrer Erbgutsequenz. Am häufigsten ist Subtyp C. Jede zweite HIV-Infektion ist ihm zuzurechnen. „Da die Proben, in denen Subtyp L gefunden wurde, schon Jahrzehnte alt sind, könnte es sein, dass dieses Virus gar nicht mehr zirkuliert oder nur lokal in der Demokratischen Republik Kongo“, sagt Bannert.

Allerdings ist die Frage, wie verbreitet der Subtyp L ist - beziehungsweise ob es ihn überhaupt noch gibt

Norbert Bannert, Experte des Robert-Koch-Instituts in Berlin

Weltweit leben zurzeit fast 38 Millionen Menschen mit HIV. Seit Beginn der Aids-Pandemie haben sich 75 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. HIV steht für Human Immunodeficiency Virus, auf Deutsch: humanes Immunschwäche-Virus. Denn die Viren dringen in Zellen des Immunsystems ein uns lassen sie absterben, sodass die Abwehrkräfte geschwächt werden und die Aids-Krankheit sich entwickeln kann. Mit Medikamenten, die sich gegen die Viren richten, der antiretroviralen Therapie, lässt sich die Infektion in Schach halten.

Die Einteilung von HIV in Gruppen und Untergruppen ist recht komplex. Zunächst werden die Viren unterschieden in HIV-1 und HIV-2. HIV-2 ist sehr selten und kommt vorwiegend in Westafrika vor. HIV-1 teilt man in vier Gruppen ein: M,N,O und P. Darunter ist die Gruppe M mit Abstand die bedeutendste. Zu ihr zählte man bisher neun Subtypen. Nun ist mit dem Subtyp L also ein zehnter bestätigt. RKI-Experte Bannert zufolge ist seine Entdeckung vor allem wichtig, um die Evolution der HI-Viren nachzuvollziehen. Er geht davon aus, dass künftig womöglich noch weitere Subtypen entdeckt werden.