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BerlinAlle zwei Stunden erkrankt – statistisch gesehen – in Deutschland eine Frau an Gebärmutterhalskrebs. Pro Jahr sind es fast 4400 solcher Diagnosen. Mehr als 1500 Frauen hierzulande sterben pro Jahr daran. „Das müsste nicht sein“, klagt Immunologe Andreas Kaufmann. Er leitet an der Klinik für Gynäkologie der Charité das Labor für Tumorimmunologie und beschäftigt sich intensiv mit dieser häufigen Erkrankung. „Es ist im Vergleich zu anderen Tumoren jedoch eine Krebsart, deren Risiko und Vorstufen besonders früh entdeckt und ein Ausbrechen dadurch verhindert werden kann. Doch leider nehmen viel zu wenig Frauen diese Möglichkeiten wahr.“

Möglich ist die Früherkennung durch einen ganz besonderen Umstand. Denn es sind fast immer bestimmte Viren, die den Gebärmutterhalskrebs auslösen. Diese sogenannten humanen Papillomaviren (HPV) werden vorwiegend beim Geschlechtsverkehr übertragen. Der Muttermund, wo diese Bestandteile dieser Viren zu finden sind, ist für den Frauenarzt bei einer Untersuchung gut zugänglich. Er kann dort relativ einfach Abstriche entnehmen und sie im Labor nicht nur auf entartete Zellen, sondern jetzt auch auf Virusbestandteile testen lassen.

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Quelle: RKI

Die Vorsorgeuntersuchung mit dem Abstrich kennen die meisten Frauen bereits. Seit fast 50 Jahren bieten Gynäkologen den jährlichen Pap-Test an. Allein dank dieser Methode ging die Zahl der Krebserkrankungen seit den 70er-Jahren bereits um 70 bis 80 Prozent zurück. „Es ist unser erfolgreichstes Krebsvorsorge-Programm“, sagt Kaufmann, doch es habe auch Nachteile. „Erstens lassen sich nur etwa 50 Prozent aller Frauen regelmäßig untersuchen. Und zweitens ist der Pap-Test nicht besonders genau.“ Wenn die Patientinnen jedoch, wie empfohlen, jedes Jahr zur Untersuchung gehen würden, dann würde der Test nach drei Jahren immerhin bis zu 80 Prozent der gefährdeten Frauen herausfiltern.

Doch trotz dieser letztlich guten Trefferquote kann bei etwa jeder vierten Frau dennoch eine Gebärmutterhalskrebs-Vorstufe entstehen. Um diesen Zustand weiter zu verbessern, gibt es seit einiger Zeit ein zweites Test-Verfahren, das nach den auslösenden HP-Viren sucht. „Es funktioniert so ähnlich wie der Pap-Test“, erklärt der Charité-Wissenschaftler. „Der Gynäkologe entnimmt Zellabstriche und lässt sie im Labor auf Virusbestandteileuntersuchen. Dieser Test hat eine viel höhere Erkennungsrate von rund 95 Prozent.“

Bisher wurde dieser HPV-Test immer dann durchgeführt, wenn die Pap-Untersuchung ein unklares Ergebnis lieferte. Zu diesen fragwürdigen Zellabstrichen kommt es jedoch häufig, weil die Zellgewinnung und die Beurteilung der Zellproben unter dem Mikroskop schwierig ist. „Die Spezialisten in den zytologischen Labors, die so etwas durchführen, sollten pro Jahr mindestens 20.000 Zellabstriche untersuchen, um die nötige Erfahrung zu erlangen und Zellveränderungen möglichst sicher feststellen zu können“, fordert Kaufmann. „Manche Ärzte machen das aber selbst und erreichen vielleicht nur 5000 Proben pro Jahr. Da kommt es häufiger zu Fehlern. Unter anderem deshalb liegt die Trefferrate des Pap-Tests so niedrig.“

Seit Januar wurde das offizielle Vorsorgeprogramm für Frauen geändert. Ab 2020 gilt: Für Frauen zwischen 20 und 34 Jahren bezahlt die Kasse nach wie vor eine jährliche Pap-Untersuchung. Frauen ab 35  brauchen jetzt aber nur noch alle drei Jahre zur Untersuchung gehen. Dafür zahlt die Kasse dann den Pap-Test und zusätzlich eine HPV-Untersuchung. Bei jüngeren Frauen ist der vorsorgliche HPV-Test noch nicht nötig, weil 40 bis 50 Prozent von ihnen HP-Viren in der Schleimhaut tragen. „Das ist aber nicht krankhaft, sondern ganz normal“, beruhigt Kaufmann. „In den allermeisten Fällen heilen diese Infektionen von selbst wieder ab, das Immunsystem macht die Viren wieder unschädlich.“ Ab einem Alter von 30 bis 35 lebten die meisten Frauen in einer festen Partnerschaft und infizierten sich nicht mehr neu. Deshalb sei dann nur noch etwa jede zehnte Frau HPV-positiv.

Diese Patientinnen will der HPV-Test entdecken. Sie sind gefährdet, bei ihnen kann Krebs auftreten. „Deshalb sind hier weitere Kontrolluntersuchungen nötig. Erst wenn sich eine Krebsvorstufe nicht von selbst nach ein paar Monaten zurückbildet, was aber nur selten vorkommt, muss sie entfernt werden. Man muss aber zur Beruhigung auch wissen, dass es mindestens sieben Jahre dauert, bis aus einer HPV-Infektion ein Krebs entsteht“, sagt Kaufmann.

Bei diesen Kontrolluntersuchungen der HPV-positiven Patientinnen entnimmt der Frauenarzt im Rahmen einer Gebärmutterhalsspiegelung – Fachleute sagen Kolposkopie – mit einer kleinen Zange Gewebeproben (Biopsien) zur genaueren Untersuchung. Dieser zusätzliche HPV-Test ist aber immer noch nicht optimal. „Denn er kann meist nicht unterscheiden, welche der 14 verschiedenen Risiko-HP-Viren vorliegen“, so Andreas Kaufmann. „Alle Virus-Varianten können vorkommen. Doch besonders gefährlich sind nur die beiden HPV-Typen 16 und 18. Sie verursachen etwa 70 Prozent aller Gebärmutterhals-Krebserkrankungen.“

Wenn sich auffällige Gewebeveränderungen auch nach mehreren Kontrolluntersuchungen nicht von selbst zurückgebildet haben und wenn auch noch ein positiver HPV-Test vorliegt, entfernt der Gynäkologe die vermeintliche Krebsvorstufe mit einem kleinen operativen Eingriff. Dabei schneidet er ein kegelförmiges Stück des verdächtigen Gewebes aus dem Muttermund. Ärzte bezeichnen das als Konisations-OP. Viele dieser Operationen finden allerdings zu früh statt oder sind unnötig. Denn nur bei einer Infektion mit den HPV-Typen 16 und 18 besteht eine erhöhte Krebsgefahr.

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Quelle: Bertelsmann-Stiftung

Das ist nur bei einem Drittel der Frauen über 35 der Fall, die HPV-positiv sind. Um dieses Problem zu lösen, wenden Kaufmann und seine Mitarbeiter an der Charité jetzt ein ganz neues Testverfahren an: „Mit dem neuen Onko-E6-Test suchen wir im Abstrich aus dem Gebärmutterhals gezielt nach spezifischen Eiweißen der HPV-Typen 16 und 18, die die Zellen in ein unkontrolliertes Wachstum stürzen. Der Test kann genau diese beiden gefährlichen Virus-Arten nachweisen. Erst wenn dieser Test positiv ausfällt, würde ich mit einer Operation nicht mehr länger warten.“ Falls der Onko-E6-Test negativ verlaufe, könnten die Frauen abwarten, ob sich die Krebsvorstufen nicht von selbst zurückbilden. Eine Konisations-OP wäre dann noch nicht nötig.

Kaufmann hält den neuen Test gerade jetzt für wichtig, seit alle Frauen über 35 routinemäßig auf HPV getestet werden: „Das führt zu vielen positiven Befunden auch bei Patientinnen, die eigentlich gar nicht von Krebs bedroht sind, weil bei ihnen andere HPV-Typen vorliegen oder die Infektionen mit HPV 16 oder 18 noch von alleine ausheilen. Ihnen kann der Onko-E6-Test viel Angst, Biopsien und Operationen ersparen.“ Der Onko-E6-Test kostet etwa 90 Euro und wird noch nicht von den Kassen bezahlt. Er kann nach Rücksprache mit der Charité von niedergelassenen Gynäkologen als Ergänzung zu Pap- und HPV-Tests durchgeführt werden.