Charité: Warum nicht Spaß haben während der Chemo? 

Die Charité hat ihre Krebsambulanz für Frauen neu eröffnet: in Pink, mit vielen Specials. Initiatorin ist eine Angehörige, die damit ihrer Mutter gedenkt. 

Die beiden Initiatoren der neuen Krebsambulanz: die Berliner Grafikerin Tina Müller und Klinikdirektor Prof. Jalid Sehouli.
Die beiden Initiatoren der neuen Krebsambulanz: die Berliner Grafikerin Tina Müller und Klinikdirektor Prof. Jalid Sehouli.Sabine Gudath

Die Sitze erstrahlen in frischem Pink, wer darauf Platz nimmt, sieht über sich ein Blumenmeer an der Decke. Neben jeder Liege ist ein moderner Bildschirm angebracht, auf dem sich bequem Filme schauen lassen. Auch Platz ist ausreichend vorhanden, von draußen scheint helles Tageslicht herein. Wer das Umfeld nicht kennt, könnte meinen, er befinde sich in einem Wellnessstudio – und nicht in der Krebsambulanz der Charité. Und genau das ist auch das Ziel.

Es war 2009, als Roswitha Müller mit 58 Jahren die Diagnose erhielt: Krebs. Unheilbar. Ihre Tochter Tina begleitete sie damals zur Chemotherapie, um sie zu unterstützen. Um zu tun, was noch möglich war. „Weißt du, es ist alles so trist und so kühl hier, dem Ort fehlt so viel Wärme“, sagte die Mutter damals zu ihrer Tochter. „Aber das, was mir in diesen Stunden die Angst genommen hat, war immer das Aquarium.“ Das ist der Tochter bis heute in Erinnerung geblieben. Wenig später ist Rosi gestorben. Es war Heiligabend.

Am Donnerstag nun steht Tina Müller (47) am Virchow-Standort der Charité in Berlin und strahlt bis über beide Ohren: Die Krebsambulanz wird neu eröffnet. Und zwar genau so, wie es ihrer Mutter Rosi damals gefallen und gutgetan hätte. Und wie es nun Patientinnen zugute kommen soll, die wie damals Rosi hier Stunden über Stunden verbringen müssen, in der Hoffnung auf Heilung oder auch nur Linderung oder Aufschub ihrer schweren Erkrankung.

Eine Chemotherapiesitzung kann zwei bis zwölf Stunden dauern

Eine Chemotherapiesitzung könne zwei Stunden dauern, sie könne aber auch acht bis sogar zwölf Stunden dauern, erklärt Jalid Sehouli, Direktor der gynäkologischen Klinik und des Zentrums für onkologische Chirurgie an der Charité Berlin zur Neueröffnung. In dieser Zeit sollen die Patientinnen hier nun nicht mehr wie bisher auf sich selbst zurückgeworfen sein und in engen, fensterlosen, kahlen Räumen an die weißen Wände starren, ständig an ihre Erkrankung denken – und an die Folgen.

Stattdessen ermöglicht ihnen das neue Konzept, trotz der unangenehmen Behandlung, bei der Chemie durch ihre Körper fließt, um das Krebswachstum zu hemmen, ihre Aufmerksamkeit auf weitaus erfreulichere Dinge zu lenken. Etwa um sich abzulenken, wie es auch teils in begleitenden Psychotherapien den Patienten geraten wird, gerade bei Krebserkrankungen. Oder um einfach die Seele baumeln zu lassen, während der Körper hart arbeiten muss.

„Wir haben uns zum Ziel gemacht“, erklärt Sehouli, „dass die Umgebung einer Frau, die eine Krebstherapie bekommt, sich verändern muss. Und dass auch die Inhalte einer Krebstherapie vielleicht mehr dem Leben als der Krankheit zugewendet werden“, so der Professor im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Das klingt ganz banal, aber die Krebstherapie ist eine Behandlung, wo Infusionsständer am Metallstangen hängen. Wo Schwestern vorbeikommen und Tropfenzähler anmontieren und das Medikament in einen hineinfließt und Nebenwirkungen macht. Wir haben uns überlegt: Was kann man denn tun in den vier, fünf, sechs Stunden dieser Behandlung?“

Sehouli erklärt, welche Überlegungen bei der Konzeption der neuen Ambulanz eine Rolle gespielt haben: „Muss man sich nur passiv bewegen oder darf man das vielleicht auch als Lebenszeit nehmen? Das bedeutet zum Beispiel: Wenn ich Kraft und Interesse habe, warum kann ich nicht Spanisch lernen während einer Chemothereapie?“

Deshalb gibt es nun jene blitzblanken neuen Bildschirme neben jeder Liege, auf denen nicht nur eine Patientenbibliothek auf die Anwenderinnen wartet, die dort etwa die neuesten Bestseller lesen können. Sie können sich auch aktuelle Kinofilme anschauen, um die Wartezeit erträglicher zu gestalten.

„Wir haben uns außerdem überlegt“, so der Arzt, „dass das Licht viel heller sein sollte.“ Vorher waren es teils dunkle oder sogar fensterlose Räume. „Dann haben wir überlegt, dass die Stühle weicher sein sollten. Die Decken sollten Kaschmir-Anteile haben. Wieso sollte das alles immer nur so künstlich gestaltet sein und nicht mit Naturmaterialien?“

„Je lauter, desto mehr Stress, desto mehr Übelkeit, desto mehr Schmerzen“

Auch die Lautstärke in den Räumen sollte insgesamt heruntergefahren werden, dafür musste der Boden verändert werden. Denn: „Je lauter, desto mehr Stress, desto mehr Übelkeit, desto mehr Schmerzen“, weiß der Arzt.

Holz sei eigentlich ein Tabu in Kliniken – des Brandschutzes wegen. Doch der Professor hat in der langen Planungsphase der Neugestaltung gelernt und möchte diese Erkenntnis auch weitergeben: „Dies ist ein Appell, wenn jemand etwas verändern will: Glauben Sie nicht immer, dass es nicht geht. Es geht alles. Man muss aber etwas verändern wollen und man muss auch Kompromisse eingehen. Das hier ist auch ein Kompromiss. Man darf nicht aufgeben.“

Schließlich habe man sowohl mit dem Brandschutz als auch mit dem Arbeitsschutz und mit der Hygiene eng zusammenarbeiten müssen, in einem Großbetrieb wie der Charité alles eigene Abteilungen. Doch am Ende habe es funktioniert. Die Krebsambulanz wurde bei laufendem Betrieb umgestaltet. Ein Kraftakt? Darauf antwortet der Professor ausweichend, aber eindeutig: „Sie kennen ja den Berliner Flughafen. Auch der hat irgendwann funktioniert.“

Ganze acht Jahre hat das Projekt gedauert, erklärt Tina Müller – von ihrer ersten Idee, die Trauer über den Tod ihrer Mutter in etwas Positives zu verwandeln, in etwas Kraftvolles, das auch anderen hilft. Bis zur Eröffnung am Donnerstag. Vor allem die Planungsphase dauerte lange, auch weil dazu die Patientinnen befragt wurden und das Personal. Was sie sich wünschen, was sie brauchen. Um entspannen und sich – trotz des unangenehmen Ereignisses, möglicher Schmerzen und der Zukunftsängste – wohlfühlen zu können.

Dann musste Geld beschafft werden. Eine erste Crowdfunding-Kampagne hat Tina Müller selbst auf die Beine gestellt und rund 80.000 Euro eingesammelt. Es folgte eine berlinweite Plakataktion unter dem Motto „Deine Mutter“, „um eine Awareness dafür zu schaffen, dass jeder jemanden mit Krebs kennt. Ob das jetzt die Cousine ist oder die Schwester oder eben die Mutter“, erklärt Tina Müller. Diese Aktion brachte noch mal etwa dieselbe Summe. Das restliche Geld für die insgesamt 600.000 Euro teure Aktion steuerte die Charité bei. Doch nun würden noch einmal rund 80.000 Euro benötigt, um weitere Projekte innerhalb der neuen Krebsambulanz zu finanzieren.

Unter anderem eine „medizinisch-literarische Visite“, wie Sehouli erklärt: „Ein Arzt und ein Schriftsteller oder jemand, der Literatur liebt, werden die Patienten gemeinsam konsultieren. Und während ich zum Beispiel über Übelkeit spreche, geht es danach etwa um einen Weltroman zum Thema Glück – um dann mit dem Menschen in den Dialog zu gehen.“

Neuer Duft, bessere Stühle – und eine medizinisch-literarische Visite

Und noch etwas wurde hier verwirklicht, was im Sinne der Namensgeberin, Tina Müllers Mutter Rosi, auf keinen Fall fehlen durfte: „Wir haben erst vorgestern noch die Fische in das Aquarium gesetzt“, erzählt Tina Müller stolz.

Aber wer kommt nun in den Genuss dieser Vorzugsbehandlung?  „Wir sind für alle Frauen, die eine Krebstherapie brauchen, grundsätzlich offen“, sagt Sehouli. Eine Warteliste gebe es nicht, bei Interesse müsse man sich in der Ambulanz anmelden. Weitere Infos zu dem Projekt gibt es unter www.fuer-rosi.de.

Warum aber sollten ausschließlich Krebspatientinnen diese schöne neue Welt genießen, wäre es nicht angemessen, auch Patienten anderer Bereiche mehr in den Mittelpunkt der Behandlung zu stellen, anstatt sie immer nur als Kostenfaktor zu sehen? Der aktuelle Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) etwa plant gerade eine große Klinikreform, um das ständig schwindende Personal mit dem stetig wachsenden Patientenaufkommen zu vereinen – unter anderem, indem Klinikpatienten früher nach Hause geschickt werden als bisher. Was ist mit geriatrischen Patienten oder solchen mit anderen schweren Krankheiten, hätten diese nicht auch eine deutlich bessere Behandlung verdient, als sie sie bisher viel zu oft vorfinden, gerade seit Corona?

Initiatorin Tina Müller findet: durchaus. „Ich selbst hatte nun mal den Bezug zu Krebs wegen der Erkrankung einer Mutter. Aber ich habe extra die Charité gewählt, damit das Projekt eine Strahlkraft hat über die Klinik hinaus und auch in andere Länder – und auch auf andere medizinische Bereiche, warum nicht?“ Strahlt sie und wendet sich wieder der Einweihungsparty in der Krebsambulanz zu, auf der Mitinitiator Sehouli gerade verkündet, dass die Charité wohl die erste und einzige Klinik weltweit sei, die extra zu diesem Anlass eine „Duftmaschine“ entwickelt habe: Alle paar Sekunden werde in den Räumen der Ambulanz und auch auf der Station ein entspannender Duft auf der Basis von biologischen Duftölen versprüht. Damit es nicht rieche wie im Krankenhaus. 

Zu diesem Zweck sei auch extra ein eigener Duft entwickelt worden, der dabei helfen soll, wieder besser riechen und auch schmecken zu können. Denn 20 Prozent der Patientinnen verlieren bei der Chemo ihre Fähigkeit zu riechen. Der Name dieses Zauberduftes lautet: Rosi.