Als der Hurrikan „Sandy“ 2012 über New York hinweg fegte, standen die Uferpromenaden der Stadt unter Wasser – das könnte dereinst der Normalfall sein.
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New YorkIm Herbst 2013 lud sich New York einen Experten aus den Niederlanden ein, um eine langfristige Strategie zum Schutz gegen Überflutung zu entwickeln. Die Stadt stand noch ganz unter dem Eindruck der Katastrophe: Rund ein Jahr zuvor hatte der Supersturm „Sandy“ hier einen Schaden von 19 Milliarden Dollar angerichtet sowie das Leben von 40 New Yorkern gekostet. 

Jeroen Aerts, der zum Thema Wasser- und Klima-Risiko-Management an der Universität Amsterdam forscht, brauchte nicht lange, um zu einem ersten Urteil zu gelangen: „Dass eine Stadt wie New York, wo so viele Menschen von einer Flut betroffen wären, kein Schutz-System hat, ist wirklich erstaunlich.“

Ingenieurkorps der US-Armee empfiehlt Schutzwall

In seinem Abschlussbericht empfahl Aerts für die Stadt, die beinahe 1000 Kilometer an Fluss- und Meerufern besitzt, eine großangelegte langfristige Investition, deren Kern ein System an Schutzwällen nach dem Vorbild der Niederlande bildet. Die Ausgaben dafür, so Aerts, wären zwar erst einmal enorm. Wenn man jedoch die steigenden Meerespiegel mit einberechnet, dann käme New York auf Dauer günstiger davon als mit lokaleren Maßnahmen wie Befestigungen wichtiger Infrastruktur innerhalb der Stadt. New York wählte trotz dieser Kalkulation erst einmal den kurzsichtigeren, günstigeren Weg. Doch nun ist die große Lösung trotz allem wieder auf dem Tisch.

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In der vergangenen Woche veröffentlichte das Ingenieurkorps der US-Armee – zu deren wichtigsten Aufgaben der Schutz vor Naturkatastrophen gehört – die Ergebnisse ihrer eigenen Untersuchung der Bedrohung der Ostküste durch steigende Meerespegel und durch immer intensivere Stürme. Zu den empfohlenen Maßnahmen der Ingenieure gehört ein gigantischer, zehn Kilometer langer Flutschutzwall, der im Fall einer Sturmflut die komplette Bucht von New York abriegeln würde. Das Projekt würde sich vom Südzipfel der Halbinsel Far Rockaway bis an die Küste von New Jersey ziehen und 120 Milliarden Dollar kosten.

Die Finanzierung für ein solches Megaprojekt ist freilich alles andere als gesichert, zumal ein großer Teil der Mittel von der Bundesregierung kommen müsste. Und Investitionen, die dem Klimawandel Rechnung tragen, sind von der derzeitigen Regierung kaum zu erwarten. Doch der Vorschlag des Armeekorps hat erneut die Debatte in New York befeuert, wie der Bedrohung der Stadt durch das Wasser in den kommenden 100 Jahren zu begegnen ist.

Das Projekt würde sich vom Südzipfel der Halbinsel Far Rockaway bis an die Küste von New Jersey ziehen und 120 Milliarden Dollar kosten.
Grafik: BLZ/Galanty

Computersimulationen von Forschern der Universität Princeton zeigen, dass New York mit seinen vielen umgebenden Gewässern selbst im günstigsten Fall bedroht ist. Selbst wenn das Klima sich nur um zwei Grad erwärmt – eine eher konservative Schätzung – sind bis zum Jahr 2100 große Teile des unteren Manhattan und ganze Viertel von Brooklyn unter Wasser. Der eher pessimistische deutsche Geophysiker Klaus Jacob, der an der New Yorker Columbia University forscht, glaubt, dass New York sich innerhalb der nächsten 100 Jahre in ein Atlantis verwandelt.

Erste Schutzmaßnahmen hatte die Stadt bereits nach dem Hurrikan „Sandy“ im Jahre 2012 eingeleitet. Der damalige Bürgermeister Bloomberg bewilligte 20 Milliarden dafür, kritische Infrastruktur wie Tunnel, Trafo-Stationen und U-Bahn-Stationen zu befestigen. In gefährdeten Sozialbauten und Krankenhäusern wurden die Eingangsbereiche und Keller geschützt und Notstromaggregate eingebaut.

Einkaufsviertel am Wasser würden Meerespiegelanstieg nicht überstehen

In Staten Island, dem Stadtteil, der am schlimmsten von „Sandy“ betroffen war, hat man in gefährdeten Gebieten den Anwohnern großzügige Summen dafür geboten, an anderem Ort neu aufzubauen. Und Bürgermeister Bill de Blasio bewilligte 2018 immerhin 10 Milliarden für ein Projekt, das ringförmig das untere Manhattan schützen soll. Dazu gehören Parkanlagen, die geflutet werden können, Deiche und Wälle sowie eine Geländeaufschüttung nahe der Wall Street, welche die Insel um 200 Meter verlängert.

Woran die Stadt sich jedoch bislang noch nicht herantraut, ist, das Bauen an den Flüssen und Stränden einzuschränken und zu regulieren. New York hat erst in den vergangenen 15 Jahren seine Ufer wiederentdeckt, die oft zu Industriebrachen verkommen waren, seit der kommerzielle Schiffsverkehr sich nach dem Krieg aus der Stadt heraus nach New Jersey verlagert hat.

Seitdem sind die Ufer ein beliebter Tummelplatz für Immobilieninvestoren. Vom East River in Brooklyn bis zum Hudson im nördlichen Manhattan schießen neue Wohn-, Arbeits- und Einkaufsviertel am Wasser aus dem Boden wie Pilze. Viele von ihnen, wie etwa das gesamte neu bebaute Ground-Zero-Gelände, werden die steigenden Meerespiegel der kommenden 50 Jahre vermutlich nicht überstehen.

Vermitteln Sturmwälle ein falsches Gefühl von Sicherheit?

Nun fragt man sich, ob das vom Armeekorps vorgeschlagene Megaprojekt am Eingang der New Yorker Bucht diese Probleme lösen würde. Kritiker sind da überaus skeptisch. So sagt Daniel Zarrilli, der Beauftragte des Bürgermeisters für Resilienz und Wiederaufbau: „Die Sturmwälle sind eine Falle. Sie vermitteln ein falsches Gefühl der Sicherheit.“ Im Fall eines großen Hurrikans, so Zarrilli, würden die Wälle vielleicht das Schlimmste verhindern. Aber gegen die langfristigen Folgen des Klimawandels hätten sie nichts auszurichten. Davon abgesehen könnten die ökologischen Folgen solcher Wälle für das Ökosystem des Hudson verheerend sein.

Die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes, die einen dystopischen Sci-Fi Roman mit dem Titel: „2393 – Der Untergang der westlichen Zivilisation“ geschrieben hat, formuliert die Lage so: „Wenn ich die jüngsten Zahlen sehe, dann erscheint unser Szenario noch als viel zu optimistisch.“ In dem Buch ist New York zu einer verstreuten Gruppe von Inseln zusammengeschrumpft. Wirklich bewohnbar sind diese nicht mehr.