Hamburg/Düsseldorf - Eine Gruppe kranker Menschen sind Patienten – so männlich will es die Grammatik. Patientinnen sind da natürlich mitgemeint, heißt es dann. Doch allzu oft zeigt sich in der Gesundheitspraxis, dass Frauen zwar mitgemeint, aber nicht mitgedacht sind. Die Schieflage zeigt sich auf mehreren Feldern: Viele Krankheiten werden bei Frauen später erkannt als bei Männern, viele Arzneimittel sind vor allem in ihrer Wirkung auf Männer untersucht.

Oft beginnt das Problem schon früher, erklärt Ingrid Mühlhauser, Professorin für Gesundheitwissenschaften an der Universität Hamburg und Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit. „Wir haben in den Machtstrukturen des Gesundheitswesens einen Herrenklub“, sagt sie. „Und der bestimmt, was geforscht wird.“ Die Folge: Viele Krankheiten und Fragestellungen, die vor allem Frauen betreffen, sind kaum oder unzureichend erforscht, zum Beispiel die Endometriose.

Betroffen von der Schieflage sind aber auch Volkskrankheiten wie der Herzinfarkt. Er gilt oft als reine Männerkrankheit. Dabei stimmt das gar nicht mehr, sagt Christiane Tiefenbacher, Chefärztin für Kardiologie am Marienhospital in Wesel und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Allerdings verlaufe der Herzinfarkt bei Frauen etwas anders als bei Männern und die Symptome seien häufiger untypisch: „Bauch- und Rückenschmerzen zum Beispiel statt des klassischen Engegefühls in der Brust“, sagt Tiefenbacher. Dadurch erkennen selbst Profis einen Herzinfarkt bei Frauen oft spät oder zu spät. „Selbst wenn der Verdacht frühzeitig aufkommt, werden bei Frauen seltener aufwendige Untersuchungen vorgenommen, stattdessen beobachtet man länger.“

Frauen sollen intensive Untersuchung einfordern

Auch Diabetes Typ 2 gilt als Männerkrankheit, selbst bei Ärzten. Entsprechend früh wird er bei Männern häufig entdeckt. „Bei vielen Frauen dagegen finden wir den erst über die Komplikationen, nach dem ersten Herzinfarkt“, sagt Julia Szendrödi, stellvertretende Direktorin der Klinik für Diabetologie an der Uniklinik Düsseldorf. Oft hat die Fehldiagnose einen ganz simplen Grund. „Wenn der Hausarzt auf Diabetes Typ 2 testet, nimmt er häufig den Nüchtern-Blutzucker“, erklärt die Expertin. „Bei Frauen mit Diabetes Typ 2 ist der in der Frühphase der Krankheit aber häufig noch im Normbereich.“ Die Diagnose lautet dann: kein Diabetes – und damit keine dringend nötige Behandlung. „Männer haben zwar etwas häufiger Typ-2-Diabetes – aber Frauen verlieren mehr gesunde Lebensjahre und haben eine stärker erhöhte Sterblichkeit.“

Meist liegen psychologische Ursachen zugrunde – zum Beispiel dann, wenn es um die Behandlung geht. „Da gibt es bei Ärzten oft noch das Vorurteil, dass die Frauen sich ohnehin gut darum kümmern“, sagt Szendrödi. „Tatsächlich ist es aber so, dass viele Frauen sich noch immer zuerst um die Familie kümmern und erst danach um sich selbst.“ Daran können die Frauen und ihr Umfeld etwas tun. In der Ärzteschaft sei das Problem inzwischen präsent und spiele in der Ausbildung eine Rolle. Patientinnen sollten es im Kopf haben, meint Tiefenbacher: „Wir raten betroffenen Frauen, das Thema tatsächlich gezielt anzusprechen und eine intensive Untersuchung auch einzufordern.“