Fast jeder siebte Raucher hat schon mal zur E-Zigarette gegriffen. Oft nicht nur aus reiner Neugier – sondern in der Hoffnung, über den Umweg des elektronischen Pendants endlich von den krank machenden Tabakprodukten wegzukommen. Wie der Drogen- und Suchtbericht des Bundesgesundheitsministeriums zeigt, wollen die meisten Menschen, die E-Zigaretten probieren, entweder weniger rauchen oder ihre Nikotinsucht auf eine nicht ganz so schädliche Art befriedigen. Fast jeder Fünfte hat sich zum Ziel gesetzt, auf diese Weise komplett mit dem Rauchen aufzuhören.

Doch wie realistisch ist das? Können E-Zigaretten langjährige Tabakraucher bei einem geplanten Entzug tatsächlich unterstützen? Und sind die Dämpfe, die über die E-Zigarette inhaliert werden, wirklich gesünder als Tabakrauch? Wissenschaftler auf der ganzen Welt haben sich mit diesen Fragen bereits auseinandergesetzt und zahlreiche Studien zu dem Thema veröffentlicht. Die Qualitätsunterschiede der Untersuchungen sind allerdings groß, manche der Studien wurden gar von der Tabakindustrie gesponsert.

Aus diesem Grund macht sich eine Gruppe unabhängiger Experten – die Cochrane Tobacco Addiction Group, kurz Cochrane-TAG – regelmäßig auf die Suche nach neuen Studien zum Thema Nikotinsucht und prüft, inwieweit die Untersuchungen guten wissenschaftlichen Standards entsprechen.

Warten auf neue Studien

Das Fazit der jüngsten Cochrane-Analyse klingt durchweg positiv: Elektronische Zigaretten könnten Tabakrauchern helfen, mit dem Rauchen aufzuhören, heißt es in dem Bericht, den die Wissenschaftler um Jamie Hartmann-Boyce von der britischen University of Oxford in Radcliffe in der Cochrane Library veröffentlicht haben. Bei einem maximal zwei Jahre dauernden Gebrauch von E-Zigaretten sei man zudem auf keine ernsthaften Nebenwirkungen gestoßen, schreiben die Autoren. Hartmann-Boyce und ihre Kollegen kommen damit zu dem gleichen Schluss wie in ihrer ersten Übersichtsarbeit zu dem Thema von  Dezember 2014.

Hierzulande stößt die jüngste Publikation der Cochrane TAG allerdings nicht nur auf Begeisterung. „Dieser Review ist letztlich ein Aufguss des Artikels von 2014 mit nur geringen neuen Erkenntnissen“, sagt Tobias Rüther, der Leiter der Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München.

„In den vergangenen zwei Jahren wurden zur Entwöhnung mittels E-Zigarette keine neuen hochwertigen Studien veröffentlicht“, sagt Rüther. Allerdings seien zahlreiche Untersuchungen zu diesem Thema am Laufen. „Insofern kommt die neue Übersichtsarbeit der Cochrane-TAG meines Erachtens zu früh“, kritisiert der Suchtmediziner.

Ähnlicher Ansicht ist Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum  (DKFZ) in Heidelberg. „In den aktuellen Review konnten lediglich ein paar Beobachtungsstudien neu eingeschlossen werden, die jedoch nur eine geringe Aussagekraft haben“, sagt die Epidemiologin. Zwar könne daraus  immerhin abgeleitet werden, dass bei Rauchern, die E-Zigaretten zum Rauchstopp genutzt haben, während der Beobachtungszeit keine nennenswerten Nebenwirkungen aufgetreten seien. Mons: „Die Autoren  halten aber auch fest, dass es zur Langzeitsicherheit von E-Zigaretten weiterhin keine Daten gibt.“

Verwunderlich ist das nicht: Immerhin sind die kleinen Verdampfungsmaschinen erst seit dem Jahr 2006 weltweit erhältlich. Drei Jahre zuvor waren die ersten Exemplare in China auf den Markt gekommen. Schon bald allerdings wurden die elektronischen Zigaretten von Wissenschaftlern untersucht.

Für ihre erste Übersichtsarbeit konnten Hartmann-Boyce und ihr Team bereits 13 Studien aus den Jahren 2004 bis 2014 heranziehen – darunter jedoch nur zwei von hoher Qualität. In diesen beiden Untersuchungen aus Neuseeland und Italien mit insgesamt 662 Teilnehmern waren Forscher zu dem Schluss gekommen, dass der Gebrauch von E-Zigaretten mit nikotinhaltigen Liquids gegenüber nikotinfreien Pendants die Chance erhöht, dass Raucher mindestens sechs Monate lang auf Tabakzigaretten verzichten. In der Gruppe, die Liquids mit Nikotin erhielt, schafften dies immerhin neun Prozent der Raucher, während es in der nikotinfreien Vergleichsgruppe nur vier Prozent waren.

In den neuen Review sind nun noch zusätzlich die Daten aus elf Beobachtungsstudien eingeflossen. Diese liefern zwar keine neuen Informationen darüber, inwieweit E-Zigaretten einen geplanten Rauchstopp unterstützen. Immerhin, so schreiben Hartmann-Boyce und ihre Kollegen, deuteten diese Untersuchungen aber darauf hin, dass es bei einem höchstens zweijährigen Gebrauch von E-Zigaretten zu keinen ernsthaften Nebenwirkungen komme. Am häufigsten berichteten die Probanden demnach über Irritationen im Mund und Hals – die jedoch in der Regel nach einiger Zeit wieder verschwanden.

„Der Dampf der in den E-Zigaretten enthaltenen Liquids gilt, abhängig von der Untersuchungsmethode,  als zehn- bis sechshundertmal weniger giftig als der Rauch einer Tabakzigarette“, sagt der Münchner Suchtmediziner Rüther. Das liegt vor allem daran, dass bei der Verbrennung von Tabak Tausende gesundheitsschädigende, oft krebserregende Stoffe entstehen.

„Raucher greifen zwar vor allem wegen des Nikotins zur Zigarette“, sagt Rüther, „aber sie sterben an den Verbrennungsprodukten.“ Verglichen mit Tabakrauch ist die Zahl der Substanzen, die einer E-Zigarette entströmen, eher gering.

Der Dampf besteht in der Regel aus einem Gemisch von Propylenglykol und/oder Glyzerin, diversen Aromastoffen und zumeist Nikotin in verschiedenen Konzentrationen. Allerdings gelten auch diese Inhaltsstoffe als wenig gesund. Propylenglykol kann die Atemwege reizen. Manche der Aromastoffe sind bekannt dafür, Allergien auszulösen. Nikotin macht süchtig, fördert das Wachstum von Tumoren, schädigt ungeborene Kinder, beeinflusst bei Jugendlichen die Reifung des Gehirns und kann in hohen Konzentrationen zu Vergiftungen führen.
„Meines Erachtens sind andere Entwöhnungsmittel wie beispielsweise Nikotinpflaster oder -kaugummis sicherer als E-Zigaretten“, sagt die DKFZ-Expertin Mons. Welche Methode bei einem geplanten Rauchstopp besser hilft, konnten die bisherigen Untersuchungen jedoch nicht zeigen. „Wie E-Zigaretten im Vergleich zu Nikotinpflastern abschneiden, wurde nur in einer der beiden qualitativ hochwertigen Studien untersucht“, erläutert Mons. Und diese habe keinen signifikanten Unterschied in der Wirksamkeit beider Entwöhnungsmittel feststellen können. Darüber hinaus sei, so berichtet die Cochrane-Gruppe, die Zahl der Probanden zu gering gewesen, um eine eindeutige Antwort auf diese Fragestellung zu finden.

Die positive Nachricht sei, dass zurzeit mehrere methodisch sehr gute Studien  laufen, sagt Mons. Die Cochrane-TAG ist  bereits auf 15 noch nicht abgeschlossene Untersuchungen gestoßen, die für eine weitere Version ihres Reviews geeignet zu sein scheinen.
Der Kick bleibt aus

„Im Moment sieht es jedenfalls so aus, und das entspricht auch meiner täglichen klinischen Erfahrung, als ob die E-Zigarette durchaus Entwöhnunspotenzial besitzt“, sagt der Suchtmediziner Rüther. Das könnte unter anderem daran liegen, dass das Nikotin beim Inhalieren des Dampfes wesentlich langsamer ins Gehirn gerät als beim Rauchen. „Der Kick, wie wir ihn von der Tabakzigarette kennen, bleibt bei der E-Zigarette aus“, erklärt Rüther. Und das wiederum könne dazu führen, dass der Griff zu dieser mit der Zeit immer unattraktiver werde.

Etwas anders bewertet die Heidelberger Expertin Mons die Situation: „Für mich gilt weiterhin die Einschätzung der bestehenden Leitlinie, der zufolge E-Zigaretten als Entwöhnungsmittel nicht bedenkenlos empfohlen werden können“, sagt sie. Verteufeln will Mons die Verdampfungsgeräte jedoch auch nicht: „Ich würde keinem Raucher, der andere Methoden bereits erfolglos probiert hat und nun überlegt, mithilfe von E-Zigaretten aufzuhören, von diesem Plan abraten.“ Einen Versuch sind die kleinen Maschinen offenbar allemal wert.