Berlin - Erst geht ein motivierter Ruck durchs Land, dann folgt ein beherztes Zack – und weg sind der Lockdown und das Virus. So in etwa stellt sich eine Wissenschaftlergruppe den Weg Deutschlands, besser noch ganz Europas aus der zermürbenden Lockdown-Serie vor. Ihr Anspruch ist es, die Pandemie nachhaltig zu bewältigen. „No Covid“ haben sich die 14 Wissenschaftler auf die Fahnen geschrieben, #YesToNoCovid lautet das Stichwort in den sozialen Medien.

Erstmals vorgestellt hat die Gruppe ihr Strategiepapier am 18. Januar kurz vor dem letzten Bund-Länder-Gipfel. Nun, pünktlich zum nächsten Treffen zwischen Kanzleramt und Ministerpräsidenten, bei dem über die künftigen Corona-Maßnahmen verhandelt wird, ist eine überarbeitete Version fertig geworden. Sie enthält einen zweiten Teil: Handlungsoptionen, in dem 26-seitigen Papier Toolboxen genannt. Sie erläutern, wie die Strategie in der Praxis umgesetzt werden könnte, und sind als Entscheidungshilfe für die Politik gedacht.

„No Covid“ – das klingt im Winter 2021 mit seinen hohen Infektionszahlen, den schleppend anlaufenden Impfungen, der Pandemiemüdigkeit und einer drohenden Zusatzwelle durch die ansteckenderen Virusvarianten so gut wie unmöglich. „No Covid“ ist aber keine Träumerei, sondern eine von Wissenschaftlern vieler Disziplinen durchdachte Strategie. Und es ist eine Taktik, die so ähnlich anderswo schon praktiziert wird und sich bewährt hat, etwa in Taiwan, Australien und Finnland. Sie erlaube eine weitestgehende Rückkehr in die Normalität und sei auch für Deutschland und andere europäische Länder möglich und richtig, ist die Autorengruppe um die Virologin Melanie Brinkmann, den Ökonomen Clemens Fuest, den Mediziner Michael Hallek, den Physiker Michael Meyer-Herrmann und die Politikwissenschaftlerin Elvira Rosert überzeugt.

Das Prinzip

Grundsätzlich plädieren die Forscher für eine Abkehr von der bisherigen Strategie der Schadensminimierung. Stattdessen soll die Gesellschaft proaktiv die Kontrolle des Virus anpeilen, es so weit wie möglich unterdrücken – und zwar nachhaltig. Man müsse endlich wegkommen von den Stotter- oder Jo-Jo-Lockdowns, sagt der Internist Michael Hallek von der Universität Köln. Sein Aufruf lautet: „Lasst es uns jetzt endgültig in den Griff bekommen.“ 

Um diese Kontrolle zu erlangen, skizzieren die Forscher drei Kernelemente:

  • Durchhalten: Die Lockdown-Maßnahmen bleiben, bis eine Inzidenz von zehn neuen Fällen pro 100.000 Einwohner und Woche erreicht ist. Das ist weitaus ambitionierter als die bisher angepeilten Inzidenzen von 50 oder 35, aber nicht unmöglich. Bei einer Reproduktionszahl von 0,7 (zurzeit sind es gemittelt über sieben Tage 0,82) halbiert sich die Zahl der Neuinfektionen binnen einer Woche. Das Ziel von zehn könnte nach Angaben der Forscher im März erreicht sein. Die Inzidenzen europaweit bis auf zehn abzusenken wird im Übrigen auch in einem im Fachmagazin Lancet veröffentlichten Statement gefordert, das von Hunderten Wissenschaftlern unterstützt wird.

  • Differenzieren: No Covid hat bundesweit einheitliche Regeln, ist aber lokal konzipiert. Kleine Regionen, Landkreise etwa, die es geschafft haben, werden zu grünen Zonen und lockern die Beschränkungen. Sie müssen nicht auf die roten Zonen mit hohem Infektionsgeschehen warten, in denen es strenge Beschränkungen gibt. Ausgeweitete Testung, rasche Quarantäne und praktikable Mobilitäts-Kontrollen sollen die Wiedereinschleppung des Virus in grüne Zonen verhindern. Die Idee dahinter: Anstrengungen der lokalen Gemeinschaft werden direkt belohnt, das motiviert. Eventuell entsteht auch ein beflügelnder Wettbewerb der Regionen. Wenn 14 Tage lang keine unerwarteten Fälle aufgetreten sind, können sich grüne Zonen vernetzen. „So weiten sich grüne Zonen zu größeren zusammenhängenden Regionen aus, im Idealfall über ganz Europa“, schreibt das Team. Grenzschließungen seien dabei nicht vorgesehen.

  • Detektivarbeit: Treten in den grünen Zonen Infektionen auf, werden diese rigoros nachverfolgt. Dabei konzentriert man sich auf die Fälle, die für das Infektionsgeschehen relevant sind, etwa weil ihr Ursprung unbekannt ist. Bei niedriger Inzidenz haben die Gesundheitsämter gute Chancen, Ausbrüche im Keim zu ersticken. Von höchster Bedeutung sei es, die Zeit zwischen der Ansteckung und der Quarantäne zu verkürzen, heißt es in dem Papier. Dazu müssten auch die Prozesse in den Gesundheitsämtern verbessert werden.

Der Anfang

Zusammengefunden haben die 13 „No Covid“-Akteure völlig zeitgemäß über das Internet. Sie seien einander zuvor noch nie persönlich begegnet, berichtet die Politikwissenschaftlerin Elvira Rosert von der Universität Hamburg. Es war der Physiker Matthias Schneider von der Technischen Universität Dortmund, der die erste E-Mail in dieser Angelegenheit schrieb – und zwar im Herbst, als sich abzeichnete, dass die Pandemielage wieder schlimmer wird. Er nahm Kontakt zu dem US-Forscher Yaneer Bar-Yam auf, einem theoretischen Physiker, der das Konzept der grünen und roten Zonen erdacht hat, das unter anderem in Australien äußerst erfolgreich ist.

„Die beiden begannen, eine andere, neue Strategie für Deutschland zu entwickeln. Mit der Zeit haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammengefunden, die das Konzept einleuchtend fanden und mit in die Öffentlichkeit tragen wollten“, berichtet Elvira Rosert. Inzwischen unterstützen etliche Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen die Initiative. An den Toolboxen haben neun weitere mitgearbeitet, externe Berater sind außer Yaneer Bar-Yam auch Experten aus Australien und Neuseeland.

Die Strategiepapiere erarbeitete das Team in hochproduktiven Online-Meetings. Freiwillig, ohne Auftrag, ohne zusätzliche Geldgeber. Wie eine Guerilla-Denkfabrik. Es gehe ihnen um eine grundsätzliche Haltung, sagt der Kölner Medizin-Professor Hallek – nämlich um Freiheit und Gesundheit. „Wir wollen die Demokratie aktivieren mit ihren Möglichkeiten, gegen das Virus wieder gemeinsam vorzugehen mit einem klaren Ziel. Und das klare Ziel ist, die Infektionslast selbst so weit runterzukriegen wie nur irgend möglich, damit wir so schnell wie möglich wieder raus können.“

Die Dringlichkeit

Es sind vor allem die jüngst aufgetauchten neuen Linien von Sars-CoV-2, etwa B.1.1.7 aus Großbritannien, die die Forschergruppe zusätzlich motivieren, für die Idee zu werben. Denn es zeigt sich, dass die neuen Linien deutlich ansteckender sind als die bisherigen Virusvarianten. Das bereitet den Wissenschaftlern Sorgen, weil es die Pandemiebekämpfung klar erschwert.

„Bereits mit den noch geltenden, zum Teil halbherzig befolgten Verboten kommen wir dann nicht mehr klar“, sagte Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, kürzlich in einem Spiegel-Interview. „Wir geraten wieder in ein exponentielles Wachstum und werden noch rigoroser infektiöse Kontakte verhindern müssen.“ Die Frage sei nur, ob „wir es einmal richtig tun, hart, konsequent. Oder ob wir in eine Dauerschleife von kurzem Öffnen und langem Schließen gehen“. Bei „No Covid“ ist man für den kurzen Prozess. Man darf eben nur nicht verfrüht lockern. Brinkmann: „Das ist, als würde man sich ein Pflaster quälend langsam abziehen – oder einmal schnell, zack, und weg ist es.“

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Eine von 14 aus dem „No Covid“-Team: Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

In Großbritannien dominiert B.1.1.7 inzwischen. In fast 90 Prozent aller untersuchten Proben wurde dort zuletzt die Variante nachgewiesen, in London sind es bereits 97 Prozent, zeigt ein Bericht der nationalen Gesundheitsbehörde Public Health England. In Deutschland steht man erst am Anfang, einen Überblick über die Varianten zu haben. Einer ersten Auswertung des Robert-Koch-Instituts zufolge hat das mutierte Virus einen Anteil von 5,8 Prozent aller Infektionen mit Sars-CoV-2. Doch das kann sich schnell ändern – in Ländern wie Dänemark hat sich der Anteil teils im Wochentakt verdoppelt.

Wird den infektiöseren Linien nicht vehement Einhalt geboten, beginnt ein – zunächst verstecktes – exponentielles Wachstum. Berechnungen der Süddeutschen Zeitung zeigen, wohin das führen könnte: Bleiben die Maßnahmen gleich und die neue Variante ist um 40 Prozent ansteckender, würde Deutschland im Mai die Inzidenz von 300 überschreiten, sind die neuen Linien 50 Prozent ansteckender, lägen wir dann schon über 1000. Zum Vergleich: Kurz vor Weihnachten, als die Corona-Stationen voll und voller wurden, lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 197, im Sommer war sie mal bei 2,5.

Die Einwände

Wie zu Beginn der Pandemie hat Deutschland also die Chance, früh gewarnt zu sein und durch beherztes Agieren eine fatale Entwicklung zu unterbinden. Anders als im März ist die Entschlossenheit und Einigkeit hierzulande zurzeit jedoch, gelinde gesagt, fraglich. Wie sehr um die Frage der besten Pandemiebekämpfung gerungen wird, zeigt auch die Kritik an der Idee von „No Covid“.

Zum Teil wurde das Konzept einfach falsch verstanden – nämlich als Plan, das Virus ganz und gar auszurotten. Das ist natürlich nicht möglich angesichts der weltweiten Verbreitung. „No Covid“, so die Idee der Gruppe, sei als Ziel zu verstehen, das man klar vor Augen haben müsse. Es gehe um einen gesellschaftlichen Konsens, dass wir nicht mit dem Virus leben wollen und können, sondern es besiegen.

Zu den Kritikern gehören aber auch Pandemie-Experten wie Klaus Stöhr, der bei der WHO das Influenza-Programm geleitet hat, die Forschung zu Sars-1 koordinierte und danach von 2007 bis 2011 in der Impfstoffentwicklung des Pharmakonzerns Novartis tätig war. Er vertritt so etwas wie die klassische Schule des Pandemie-Denkens. Demnach lassen sich Pandemien nicht ersticken, sondern man muss sich mit ihnen arrangieren. In einer Pandemie gelte es stets, zwischen zwei Übeln zu wählen, man müsse schwere Erkrankungen und Todesfälle minimieren, aber auf null drehen könne man sie nicht, sagte Stöhr kürzlich in einem Podcast der Ärztezeitung. Sein Urteil:„‚No Covid‘ ist wünschenswert, aber unter unseren mitteleuropäischen Bedingungen nicht erreichbar.“ Er hält es im Winter sogar für „illusorisch“ und „reines Wunschdenken“, die Inzidenz unter 50 zu halten.

Michael Hallek sieht das anders: „Eindämmung, mit dem Virus leben – das hat sich bei diesem Virus nicht als praktikabel erwiesen. Das mussten wir als pandemieunerfahrene Menschen schmerzhaft lernen, das funktioniert eben nicht.“ Sars-CoV-2 sei dazu ein bisschen zu schnell ansteckend, ein bisschen zu sehr krankmachend. „Und das alles in einer so ungünstigen Mischung, dass es außerdem noch junge Menschen infiziert, ohne dass man es merkt. Und das macht es für die Gesellschaft zu einer Bedrohung“, sagt er. „Wir haben in der aktuellen Situation das Schlechteste aus zwei Welten: Wir fahren die Wirtschaft an die Wand, um es mal etwas plakativ zu formulieren, und wir haben hohe Kranken- und Todeszahlen.“

Das „No Covid“-Konzept erfordert ein Umdenken. Schließlich wurde hierzulande auch vonseiten der Regierung wohl nie ernsthaft erwogen, das Virus nahe null zu drücken. „Flatten the Curve“ war die Devise in der ersten Welle. Argumentiert wurde vor allem damit, das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen. 

Ein häufiger Kritikpunkt ist auch die Tatsache, dass es sich bei den Ländern, die so etwas wie „No Covid“ erfolgreich umgesetzt haben, oftmals um Inseln handelt: Australien, Neuseeland, Taiwan. Und in der Tat sind Inseln leichter abzuschotten und zu kontrollieren. Die Gruppe um Brinkmann, Rosert und Hallek hält das Konzept trotzdem für auch auf Deutschland übertragbar, da zum Beispiel in Australien auch große urbane Ballungsräume von Covid-19 befreit wurden. Besser wäre es natürlich, wenn der Plan zur europäischen Sache würde.

Die Konzepte der Anderen

Die Initiative „No Covid“ ist nicht zu verwechseln mit einer anderen namens Zero Covid, die sich für einen „solidarischen europäischen Shutdown“ ausspricht und bereits mehr als 95.000 Unterzeichner hat. Zwar setzen beide das gleiche Ziel: die Null. Zero Covid will das jedoch mit einem Shutdown erreichen, der alle gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft eine Zeit lang stilllegt. „Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen müssen geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden“, heißt es auf der Website. Diese Pause muss so lange dauern, bis die Ansteckungen bei null sind.

„No Covid“ fordert weniger drastische Einschnitte. Durch eine Kombination von so viel Homeoffice wie möglich und verbesserten Schutzkonzepten in den Unternehmen des produzierenden Gewerbes gehen die Forscher davon aus, dass ein kompletter Wirtschafts-Shutdown nicht erforderlich ist. Im Übrigen betonen die Akteure, dass die Interessen der Gesundheit und Wirtschaft sich keinesfalls entgegenstehen. Maßnahmen zur schnellen Bewältigung der Pandemie würden nicht auf Kosten, sondern auch im Interesse der Wirtschaft ergriffen. „Der Großteil der verlorenen Wirtschaftsleistung ist auf die vielen Ansteckungen zurückzuführen, die erheblich zum Konsumrückgang beitragen“, heißt es in dem Papier.

Mittlerweile gibt es auch vonseiten der Politik Ideen für eine langfristige Strategie: Schleswig-Holstein, Niedersachen und Thüringen haben Stufenpläne vorgelegt, die bestimmte Lockerungsmaßnahmen an Inzidenzwerte knüpfen. Schleswig-Holstein will schon ab einer Inzidenz unter 100 Friseure, Kitas und Grundschulen öffnen. In Thüringen könnten – unter Auflagen – Gaststätten und Einzelhandel bei Werten von unter 100 öffnen. Am strengsten und der „No Covid“-Idee am nächsten ist der niedersächsische Sechs-Stufenplan. Bei einem Wert von unter zehn sind private Zusammenkünfte unbegrenzt möglich, in den Schulen findet Präsenzunterricht statt. Auch Geschäfte und Hotels dürfen mit Hygienekonzept öffnen. Liegt der Inzidenzwert zwischen 25 und 50, greifen jedoch schon strengere Kontaktregeln und etwa Zugangsbeschränkungen für Geschäfte – und Schulen gehen im Falle von Corona-Nachweisen in den Wechselunterricht.

Die Chancen auf Umsetzung

Nun ist die große Frage, ob sich die Politik auf den kühnen Plan von „No Covid“ einlässt. Ohne einen gewichtigen Fürsprecher wie den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) oder Armin Laschet (CDU) aus Nordrhein-Westfalen sind die Chancen wohl eher gering. Doch wer weiß. „Wenn man ein bisschen länger Zeit hat, mit Politikern zu reden, dann finden sie diese Idee ehrlich gesagt ziemlich gut. Sie müssen ein bisschen zuhören“, berichtet Michael Hallek.

Klar ist: Ein Strategiewechsel könnte der Bevölkerung einen Motivations-Push geben. Das bestätigt zum Beispiel die Gesundheitspsychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt, die mit der sogenannten Cosmo-Umfrage regelmäßig die psychologische Lage in der Bevölkerung während der Pandemie erkundet. Wird ein Ruck durchs Land gehen? Hallek formuliert es so: „Wir würden jetzt gerne diese Entschlossenheit wieder zurückholen und nicht diese nebelartige, tränensusige Lethargie weiter pflegen, die wir zurzeit in der Pandemie haben – weil die uns alle fertigmacht.“