Berlin/StockholmDie Medaille vom Sekretariat des schwedischen Botschafters in der Tüte überreicht zu bekommen, hätte ihn dann doch etwas enttäuscht, sagte Reinhard Genzel vor einer Woche in einem Interview. Ganz so ist es nicht gekommen. Der Astrophysiker, der für seine Forschungen zu Schwarzen Löchern in der Milchstraße in diesem Jahr den Nobelpreis für Physik bekommt, erhielt die Auszeichnung am Dienstag in der Bayerischen Staatskanzlei in München. Im nahen Garching leitet er nämlich das Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik. Der ganz angemessen Ruhmeshalle genannte Saal, unter dessen mächtiger Kuppel Genzel dann stand, strahlte sogar ziemlichen Pomp aus.

Die kleine Zeremonie, durchgeführt vom schwedischen Botschafter Per Thöresson und einem von seiner Rolle als Nobelpreis-Mitverleiher sichtlich angetanen Ministerpräsidenten Markus Söder, wird am Donnerstag in Stockholm per Video zu sehen sein. Ein Video im Video, denn die gesamte Feier gibt es in diesem Jahr wegen der Pandemie nur als Online-Event. Alle Preisträger haben die Auszeichnung in dieser Woche in kleinem Rahmen in den Ländern bekommen, in denen sie leben und arbeiten.

In Stockholm wird auch die kleine Feier gezeigt werden, die es am Montag in der schwedischen Botschaft in Berlin gab. Dort holte sich die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier die schmale Schachtel mit der Nobelpreis-Medaille sogar selbst von einem kleinen Tischchen, Botschafter Thöresson stand in gebührendem Corona-Abstand dabei.

Foto: Nobel Prize Outreach/Bernhard Ludewig
In München statt in Stockholm – aber trotzdem freudig: Nobelpreisträger Reinhard Genzel am Dienstag in der Bayerischen Staatskanzlei.

Charpentier ging es am Ende wahrscheinlich wie Reinhard Genzel: Der sagte, die Freude über den Preis, der in diesem Jahr zweimal nach Deutschland ging, überwiege die Enttäuschung darüber, auf die glanzvolle Feier im Konzerthaus von Stockholm verzichten zu müssen. Die 51-jährige Französin, die in Berlin die Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene leitet, galt seit Jahren als Kandidatin für die Auszeichnung. Zusammen mit ihrer US-Kollegin Jennifer A. Doudna, die in Kalifornien lebt, bekam sie sie für die Mitentwicklung der Genschere Crispr/Cas9. Seit Anfang der 2000er-Jahre hatte Charpentier beharrlich daran geforscht.

Die Entdeckung der Genschere beruht auf einem Mechanismus, den viele Bakterien nutzen, um sich vor Viren zu schützen. Charpentier und Doudna gelang es, ihn so anzuwenden, dass Erbinformationen gezielt verändert werden, also etwa einzelne Gene aus dem Erbgut herausgeschnitten oder hinzugefügt werden können. Die Hoffnung ist, dass so künftig Erkrankungen geheilt werden können, die auf einem defekten oder fehlenden Gen basieren. Weil sich mit ihm das Erbgut von Eizellen und Embryonen verändern lässt, wirft das Verfahren aber auch ethische Fragen auf.

Auch Reinhard Genzel teilt sich den Nobelpreis: Der 68-Jährige hat zugleich mit der US-Forscherin Andrea Ghez ein supermassereiches Schwarzes Loch im Zentrum der Milchstraße entdeckt, dafür bekamen die unabhängig voneinander arbeitenden Wissenschaftler beide den Preis – zur Hälfte. Die zweite Hälfte bekam der Brite Roger Penrose ebenfalls für seine Forschung zu Schwarzen Löchern.

Weil die Ausgezeichneten in diesem Jahr nicht nach Stockholm reisen können, kämen die Medaillen zu ihnen, steht auf der Nobelpreis-Internetseite. Wenigstens die Teilnahme am traditionellen Bankett ist nur aufgeschoben: An dem dürfen die Preisträger im kommenden Jahr teilnehmen.