Im März 2018 wurde das Nervengift Nowitschok erstmals in der Öffentlichkeit bekannt: Da stellte sich heraus, dass der Ex-Doppelagent Skripal und dessen Tochter damit vergiftet worden waren. Hier Ermittler in Schutzanzügen im britischen Salisbury, wo beide bewusstlos auf einer Parkbank entdeckt wurden.
Andrew Matthew (dpa)

BerlinDie Gifte heißen „Neuling“, Nowitschok, und in den 70er- und 80er-Jahren waren sie das auch: Da entwickelten russische Chemiker die Serie von Nervengiften, die inzwischen zu den tödlichsten je erfundenen Kampfstoffen gezählt werden. Die Forschung geschah im Geheimen, internationale Waffenabkommen untersagten eigentlich die Entwicklung solcher Nervenkampfstoffe.

Zu Nowitschok, das es in etwa hundert Varianten gibt, sind entsprechend wenige Details bekannt. Vermutlich besteht es aus zwei an sich ungiftigen Komponenten, die auch nicht allzu schwer zu bekommen sind. Die giftige Wirkung soll sich erst beim Mischen entfalten. Dieses Mischen braucht allerdings Fachkenntnis und ein Labor mit hohen Sicherheitsstandards. Oft findet Nowitschok in Form eines extrem feinen Pulvers Verwendung. Es gelangt über die Haut oder die Atemwege in den Körper und kann binnen weniger Stunden zum Erstickungstod führen. Einige Nowitschok-Varianten sollen fünf- bis zehnmal stärker wirken als der Kampfstoff mit der bündigen Bezeichnung VX. Mit diesem war im Februar 2017 der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un in Malaysia ermordet worden.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: IPW, Uni Graz, dp

Eine Substanz aus der Nowitschok-Gruppe wurde im März 2018 auch im Blut des früheren russischen Doppel-Agenten Sergej Skripal gefunden. Skripal war mit seiner Tochter bewusstlos auf einer Parkbank im britischen Salisbury entdeckt worden, beide überlebten. Die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) stellte eigene Untersuchungen zu dem Fall an und bestätigte die Befunde britischer Experten. Die OPWC teilte damals mit, dass Russland nie Bestände des Nervengiftes Nowitschok deklariert habe. Im Laufe der Untersuchung wurde eine Verbindung zwischen dem Angriff auf Skripal und dem russischen Staat indes immer wahrscheinlicher.

Der Befund des Bundeswehr-Labors im Fall Nawalny präzisiert die Erkenntnis der Charité von vergangener Woche, dass der Kreml-Kritiker mit einer Substanz aus der Gruppe der Cholinesterase-Hemmer vergiftet wurde. Zu diesen zählt Nowitschok. Die Gifte hemmen im Körper unter anderem das Enzym Acetylcholinesterase, das den Botenstoff Acetylcholin spaltet und damit abbaut. Dieser wichtige Neurotransmitter ist unter anderem dafür verantwortlich, einen elektrischen Impuls vom Nerv zum Muskel zu übertragen. Ist diese Funktion blockiert, kommt es zur Ansammlung des Botenstoffes zwischen Nervenzellen und zur Überaktivierung von Teilen im Nervensystem, die unter anderem die Erholungsfunktionen im Körper steuern. Konkret heißt das, dass das Herz langsamer schlägt, der Blutdruck sinkt, es zu Spasmen und Krämpfen kommt und, da die Atmung eingeschränkt ist, zu Bewusstlosigkeit.

Als Gegenmittel wird unter anderem Atropin verabreicht, das auch in der stark toxischen Tollkirsche, Atropa belladonna, vorkommt. Je später Gegenmaßnahmen ergriffen werden, desto gravierender können die Langzeitschäden sein. Dazu gehören laut dem Charité-Professor und Toxikologen Ralf Stahlmann Gedächtnisstörungen, Einschränkungen im Sprachvermögen, aber auch psychische Folgen wie Depressionen. (mit dpa)