Alles so schön gelb hier: Am Rand der sechsspurigen Heerstraße leuchten die Blüten der Färberkamillie.
Foto: Dirk Vegelahn

BerlinFrank Koch ist jemand, der genau hinschaut. Seit 50 Jahren erforscht der Wissenschaftler die Insektenwelt. Viele Jahre war er vor allem in Afrika und der Mongolei unterwegs und betreute als Kustos 36 Jahre lang die Insektensammlungen im Museum für Naturkunde in Berlin. Doch auch ein so erfahrener Entomologe wie Koch kann sich mal verschätzen. Als er 2017 gefragt wurde, ob er bereit sei, für ein Forschungsprojekt der Humboldt-Universität einen Blick auf begrünte Straßenmittelstreifen zu werfen, ahnte er nicht, worauf er sich einließ. „Ich dachte, die vier Ameisenarten, die ich hier finde, mache ich schnell mal so nebenbei“, erinnert er sich. Es kam aber anders.

Als die Gartenbauwissenschaftler Armin Blievernicht und Stefan Irrgang im Jahr 2017 mit ihrem Projekt „Stadtgrün“ begannen, ahnten sie wohl ebenso wenig wie Koch, dass zwischen viel befahrenen Straßen inmitten der Großstadt ein besonders wertvoller Lebensraum entstehen könnte. „Die Bedingungen hier sind extrem“, erklärt Blievernicht. „Die Bodendecke ist meist dünn, Asphalt und Beton heizen die Umgebung im Sommer auf, im Winter wird Salz gestreut, und es gibt viele Abgase.“ Blievernicht und Irrgang wollten herausfinden, welche einheimischen Blühpflanzen robust genug sind, um sich auf diesen Standorten zu behaupten. Ihre Vision: ein von Frühjahr bis Herbst blühender Streifen, der gut aussieht, wenig Pflege benötigt und gleichzeitig ökologisch wertvoll ist.

25 verschiedene Pflanzenarten in drei unterschiedlichen Mischungen säten die Wissenschaftler auf vier verschiedenen Straßenrand- und Mittelstreifen inmitten von Berlin aus – an der Heerstraße, der Frankfurter Allee, am Adlergestell und etwas später auf dem Steglitzer Damm. Auf einer Hälfte der Versuchsflächen trugen die Forscher die oberste Bodenschicht ab und ersetzten sie durch ein nährstoffarmes Sandgemisch. Denn viele Pflanzen, die besonders robust gegen Trockenstress und Hitze sind, gedeihen gerade auf solch armen Böden hervorragend und können sich hier erfolgreich gegen andere Arten durchsetzen. Alle 14 Tage sind die beiden Forscher vor Ort und dokumentieren, wie sich die Pflanzengemeinschaft entwickelt.

Inzwischen sind aus den vormals unscheinbaren Grünstreifen, die mehrmals im Jahr gemäht wurden, kleine, blühende Oasen geworden. Nach drei Jahren zeigt sich nun, welche Pflanzen das Zeug zur echten Berliner Pflanze haben: An der Heerstraße leuchten die gelben Köpfe der Färberkamille neben den blauen Blütenständen des Natternkopfes. Die Sandstrohblume fühlt sich auf den Flächen ebenso wohl wie Grasnelke und Schafgarbe. Sie breiten sich aus und erobern nach und nach weiteren Lebensraum auf dem Mittelstreifen. Ab und zu sind lilafarbene Thymianblüten und leuchtendrote Heidenelken zu sehen. Sie alle sind sogenannte gebietsheimische Pflanzen und stammen von wilden Vorfahren ab, die seit Generationen in der Region vorkommen. Solche Pflanzen sind gut an das Klima und die Bodeneigenschaften angepasst und wichtiger Baustein der Lebensgemeinschaft aus Insekten und Bodenlebewesen.

Die Gartenbauwissenschaftler Stefan Irrgang (li.) und Armin Blievernicht haben 2017 das Projekt „Stadtgrün“ ins Leben gerufen.
Dirk Vegelahn

Auf der Heerstraße herrscht Hochbetrieb – und so ist es auch auf dem knapp sieben Meter breiten, blühenden Streifen nebenan: Hummeln und Bienen saugen Nektar und sammeln Pollen, räuberische Grabwespen buddeln Niströhren in den Boden. Später werden sie ihre gelähmte Beute hier hineinstopfen und Eier darauf ablegen. Der Nachwuchs ist damit bestens versorgt. Frank Koch beobachtet das Treiben mit Kennerblick. „Die Insekten mussten den neuen Standort erst einmal entdecken und besiedeln“, erklärt er. Nun sind viele neue Arten etabliert – und jedes Jahr werden es mehr. Gerade auf den nährstoffarmen Sandböden findet Frank Koch eine zunehmende Vielfalt – darunter viele Arten, die in Berlin noch nie gefunden wurden. Insgesamt hat er in den letzten drei Jahren 216 Arten von Sechsbeinern dokumentiert. Einige davon stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten. „Mit dieser enormen Vielfalt hätte ich nie gerechnet“, erklärt der erfahrene Forscher, der in den vergangenen Monaten schon wieder zehn weitere Arten aufgespürt hat.

Alle zwei Wochen steht Frank Koch mit einem großen Insektenkescher auf den Mittelstreifen und untersucht von April bis Oktober alles, was ihm dort ins Netz geht. Allein 50 verschiedene Wildbienenarten hat er schon beobachtet. Sein spektakulärster Fund aber ist eine Heuschreckensandwespe, die er an der Heerstraße gefangen hat. Das vor allem in Nordafrika und Südeuropa vorkommende Insekt ist in Deutschland sehr selten zu finden. Seit den 50er-Jahren galt es hier sogar als verschollen – bis es um die Jahrtausendwende zuerst in Süddeutschland und im letzten Jahr schließlich mitten in Berlin wiederauftauchte. „Bei der Bestimmung musste ich mehrmals hinschauen, um wirklich sicherzugehen“, beschreibt Koch den Sensationsfund.

Sandiger Boden, extrem trocken und sehr heiß – das sind die Ansprüche der Heuschreckensandwespe, die der Standort an der Heerstraße zur Genüge zu erfüllen scheint. „Gerade diese extremen Standorte sind häufig ganz wichtige Lebensräume“, betont Insektenforscher Koch. Statt üppig und dicht ist der Bewuchs hier eher locker und luftig. Zwischen den Pflanzen wird der Sandboden sichtbar – Sonnen- und Nistplätze für Insekten.

„Die Pflanzen hier haben es nicht leicht“, betont Stefan Irrgang. Nicht nur Klima und Luft, sondern auch die Menschen sind eine Herausforderung: „Im letzten Jahr haben die Leute während der Biermeile auf der Versuchsfläche in der Frankfurter Allee ihre Decken ausgebreitet“, beschreibt Irrgang die Großstadtbedingungen. Ab und zu fährt auch mal ein Auto über die Streifen. „Die Pflanzen hier müssen das aushalten können“, sagt Irrgang. Zumal die Berliner ihre neuen Grünstreifen lieben: „Wir werden jedes Mal angesprochen, wenn wir vor Ort sind. Viele finden es einfach schön, einige wollen mitmachen und die Blühmischungen für ihren Hinterhof haben“, freut sich Armin Blievernicht. Von den 25 getesteten Arten haben es einige auch nicht geschafft: Das zartblau blühende Berg-Sandglöckchen und die Rundblättrige Glockenblume konnten sich nicht etablieren. Nach zwei Dürrejahren sind die Wissenschaftler aber sehr zufrieden mit dem Wachstum auf ihren Flächen. „Es ist das, was wir uns erhofft haben“, sagt Blievernicht.

Am Ende des Jahres endet das vom Landwirtschaftsministerium geförderte Forschungsprojekt. Dann werden die Versuchsflächen aus den Händen der Wissenschaft wieder an die Stadt übergeben. Die Grünflächenämter werden die Flächen mit einer geänderten Pflegeroutine übernehmen. Statt mehrmals im Jahr soll hier auch künftig nur noch einmal jährlich im Spätsommer gemäht werden, erzählen die Forscher. Die Pflanzen können Samen bilden und sich vermehren. Und auch für die Insekten ist diese Pflegeform optimal. „Wenn dieses Konzept konsequent durchgesetzt wird, könnten in der Stadt ganze Korridore für Insekten entstehen“, sagt Stefan Irrgang.

Frank Koch sieht unterdessen noch großen Forschungsbedarf: „Wir wissen noch viel zu wenig über die Biologie der Arten. Ob die Artenvielfalt dauerhaft so hoch bleibt, welche Insekten kommen und vielleicht wieder gehen – all das muss man über lange Zeiträume beobachten.“ Koch legt dafür schon einmal den Grundstein: Seine Sammlung der Mittelstreifeninsekten wird als einmaliges stadtökologisches Zeitdokument im Museum für Naturkunde erhalten bleiben.