Berlin/Potsdam - Eines ist klar: Solange man noch nichts genaues über die Motive weiß, warum eine 51-jährige Pflegerin vergangene Woche vier Bewohnerinnen und Bewohner einer Behinderteneinrichtung in Potsdam getötet und eine weitere schwer verletzt hat, verbietet sich jede Spekulation. Was man aber sehr wohl beurteilen kann, ist der Umgang mit diesem spektakulären Fall. Denn er folgt, wie es scheint, ehernen Gesetzen.

Es ist immer dasselbe Spiel: Sobald in einer Pflegeeinrichtung ein Verbrechen passiert, und diese Fälle gibt es leider viel zu oft, setzt in der privaten wie öffentlichen Diskussion ein Schutzmechanismus ein. Es heißt dann sofort: Aber die Pflegekräfte sind auch wirklich überfordert. Aber sie haben auch so anstrengende Arbeit zu leisten, wir sollten stolz auf sie sein. Aber die armen Pflegekräfte, die jetzt darunter leiden, dass sich ein schwarzes Schaf in ihren Reihen befand ... Ein Reflex, der mittlerweile mit tödlicher Sicherheit erfolgt, noch bevor die Leichen kalt oder die Wunden getrocknet sind. Und er wird langsam unerträglich, weil er die Fehler im System zudeckt und manifestiert, die oft genug zu genau diesen schrecklichen Taten führen.

Der Behindertenverband fordert nun Eignungstests: „Künftig sollte es Eignungstest für Pflegekräfte bei der Einstellung geben, mit deren Hilfe man herausfindet, ob diese die nötige Berufung für die Arbeit mit Behinderten oder schwer Erkrankten mitbringen oder nicht“, sagte Marcus Graubner, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland (ABiD), der Berliner Zeitung. Und weiter: „Die Verantwortlichen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie wirklich im Vorfeld alles richtig gemacht haben und ihnen wirklich nichts aufgefallen ist. Denn die Mitarbeiterin hat ja nicht von heute auf morgen zu einer Waffe gegriffen, um Heimbewohner zu töten.“

Das ist leider wahr und richtig. Doch viele Deutsche - auch Medien - schwadronieren lieber davon, dass man in solchen Momenten die Pflegeeinrichtungen und Pflegekräfte schützen und verteidigen müsse. Eine verhängnisvolle Täter-Opfer-Umkehr.

Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek berichtet seit Jahrzehnten aus dem Bereich der Pflege, sein Büro ist voll mit Akten über solche und ähnliche Fälle, täglich melden sich unzählige Angehörige und Pflegekräfte bei ihm, um von den Zuständen in der deutschen Pflege zu berichten. Allein: Er kann ihnen nicht helfen. Er kann höchstens zuhören – und ihre Geschichten weitergeben. In diversen Büchern, Talkshows, politischen Gremien. Doch er hat mittlerweile den Eindruck: Die Deutschen wollen das alles nicht wissen, sie schauen lieber weg. Und viele Pflegekräfte – bis auf wenige Mutige, die sich öffentlich äußern, und einige, die das anonym tun – schützen sich lieber gegenseitig, als auf die ewigen Missstände im System aufmerksam zu machen. Fussek ist inzwischen dazu übergegangen, ihnen zu sagen, auch wenn er damit eine sehr unbequeme Haltung einnimmt: Ihr seid keine Opfer, ihr seid die Täter. Solange ihr euch nicht gegen dieses System der menschenunwürdigen Pflege, die ihr selber mittragt, öffentlich wehrt.

Gefährliche Pflege ist nicht unsichtbar

Denn es ist tatsächlich in den seltensten Fällen so, dass jemand vom einen auf den anderen Moment pflegebedürftige Menschen brutal ermordet. Meist gibt es einen Vorlauf. Da wird ein Bewohner zunehmend härter angepackt. Da mehren sich Beschwerden von Angehörigen. Oder, soweit sie es noch können, von den Betreuten selbst. Da tauchen blaue Flecken, gefährliche Pflege oder unzureichend versorgte Wunden auf. Da wird nicht mehr beim Essen geholfen, gezielt psychischer Druck ausgeübt, ein Machtverhältnis zuungunsten von Patienten oder Bewohnern ausgelebt. Kleine oder auch größere Vorboten, die anderen auffallen – müssen. Doch wenn Beschwerden abgetan werden und Kolleginnen und Kollegen wegschauen, wenn keiner diesen Anfängen wehrt, dann kann das tödlich enden.

Niels Högel war auch so ein Fall. Manche werden sich noch an den Krankenpfleger erinnern, der von 1999 bis 2005 Hunderte von Patienten in zwei norddeutschen Kliniken totgespritzt haben soll und damit für die größte Mordserie in der bundesdeutschen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht wird. Erst 2019 wurde er in 85 Fällen schuldig gesprochen. Warum nicht vorher, und warum nicht in mehr der über 300 Fälle, die ihm zur Last gelegt wurden? Weil zu viele seiner Kolleg:innen – und Vorgesetzten – jahrelang weggeschaut haben. Es waren von ihnen sogar Strichlisten darüber angefertigt worden, dass die gehäuften Todesfälle genau dann auftauchten, wenn Högel Dienst hatte. Und doch wurde nicht die Polizei informiert, weil man Angst vor schlechter Presse hatte. Sie beförderten Högel lieber in die Nachbarklinik – wo das Morden weiterging. 

Man kann nun in Potsdam nicht jedem Mitarbeiter einen Vorwurf machen, der nichts davon bemerkt hat, dass er mit einem Todesengel zusammengearbeitet hat. Nicht immer mehren sich die Anzeichen in solchem Ausmaß, nicht immer lässt sich eine Eskalationsgefahr gleich erkennen. Und doch gibt es zu oft Fälle wie diese. Mutige Pfleger berichten von einer Schweigespirale, die sich in der Pflege breitmacht, weil zu oft mit Druck gearbeitet wird und mit einem längst überkommenen, stark hierarchischen bis toxischen Klima der Angst.

Dagegen hilft übrigens nicht automatisch mehr Geld für Pflegekräfte, wie allerorten gerne gefordert. Dagegen hilft nur eine Änderung des Gesundheits- und Pflegesystems, das längst vor die Wand gefahren wurde und sich so nicht mehr praktizieren lässt. Ein kleiner Schritt dahin wäre der geforderte Eignungstest für Pflegekräfte, der nicht zu noch weniger Pflegekräften führen würde – sondern auf Dauer zu mehr und vor allem zu mehr Qualität und auch Zufriedenheit auf beiden Seiten in der Pflege. Denn der Pflegekräftemängel ist hausgemacht: In dem Maße, in dem der Markt mit Billigkräften überlagert wurde, ist bei Fachkräften der Frust gestiegen über Qualitätsmängel, die sie nicht mehr ausgleichen können. Zulasten vieler Patienten und Bewohner. Das lässt sich nur durch eine Qualitätsoffensive wieder kitten, die ihren Namen verdient. Und nicht mit fragwürdigen Kontrollen, die eher Alibi-Funktionen erfüllen. So wie im Oberlinhaus, wo genau einen Tag vor den Morden noch eine offizielle Kontrolle attestiert hatte, in dem Haus sei alles in bester Ordnung und die Pflegekräfte trotz Corona angemessen aufgestellt und den Belastungen gewachsen. Wenn es noch eines Beleges bedurft hätte, dass diese Kontrollen nicht funktionieren, hier wäre er.

Behindertenfeindliche Arroganz in der Berichterstattung – oder bloß Unkenntnis?

Diese schrecklichen Mängel zu beheben, ist dringende Aufgabe der Politik. Doch auch die Bevölkerung muss lernen, das Patienten, Behinderte und Alte keine „Last“ sind, der die armen Pflegekräfte ausgeliefert sind und derer sie sich kaum erwehren können, weil sie so anstrengend sind. Es ist leider oft andersrum. Pflege muss, so sie denn professionell ausgeübt werden soll, auch endlich professionell bewertet werden. Alte, Behinderte und Kranke sind keine Bittsteller, die froh sein müssen, wenn man sie auch nur halbwegs angemessen versorgt. Die Menschenwürde muss wieder Einzug halten in die Einrichtungen, die viel zu oft aufgrund des Pflegenotstandes wie unter einem dauerhaften Notbetrieb agieren. Der Fokus muss auf den Bewohnern und Patienten liegen, sie sind die Hauptpersonen – und sie sind auch die Hauptleidenden, wenn etwas schiefgeht. Nicht die Pflegekräfte, deren Job es ist, sich um die Menschen zu kümmern, die dafür Geld erhalten, ihre Familie ernähren und abends oder morgens nach Hause gehen können. Es sind vor allen anderen die Bewohner, die zu schützen sind. Das haben viele aufgrund des allmächtigen Pflegenotstandes längst vergessen.

Zu Recht weisen nach dem Vorfall in Potsdam Behinderte und Aktivisten darauf hin, dass viele Medien ebenfalls eine unrühmliche Rolle spielen: Da werden Experten befragt, die davon reden, ein mögliches Motiv der Tat könne eine „Erlösung“ von Patienten gewesen sein. Was für eine überhebliche, anmaßende Sichtweise das ist, wird kaum reflektiert. Als ob Behinderte automatisch besser dran seien, wenn sie von ihren „Leiden“ erlöst würden. Ableismus steht hier im Raum, die Beurteilung von Menschen anhand ihrer Fähigkeiten, und damit eine behindertenfeindliche Arroganz. Ähnlich wie Frauen früher nach Vergewaltigungen oft reflexhaft vorgeworfen wurde, sie hätten sich anders zu kleiden, wird Behinderten, Kranken oder auch Alten heute unterschwellig vorgeworfen, sie seien halt eine Last, für sich selbst und andere. Solange diese Haltung in der Gesellschaft vorherrscht, wird sich in den Heimen nichts ändern – und es wird immer wieder Fälle geben wie in Potsdam, wo sich – nach dem Schock – zu oft ein verdruckstes Verständnis für die Täter breitmacht. Das ist einer Gesellschaft, die sich als modern erachtet, unwürdig.