Kenia, Sissia: Ein Junge vertreibt Wüstenheuschrecken mit einem Stock. Der Osten Afrikas wird von der schwersten Heuschreckenplage seit 25 Jahren heimgesucht.
Foto: AP/Ben Curtis

Ostafrika Dunkle Wolken am Himmel, die wie ein Sandsturm aussehen, sich aus der Nähe betrachtet jedoch als lebendig herausstellen; Millionen von Flügeltieren, die innerhalb von Minuten grüne Felder in braune Wüste verwandeln; und Flugzeuge, die notlanden müssen, nachdem sie in einen Schwarm der vierflügeligen Insekten geraten sind. 

Die Heuschreckenplage, die sich Ende vergangenen Jahres am Horn von Afrika zusammenbraute, hat sich inzwischen auch auf Kenia ausgeweitet. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) haben die Insekten bereits „Hunderttausende von Hektar“ Anbaufläche kahl gefressen: In Ostafrika seien deshalb im Lauf dieses Jahres „Millionen von Menschen“ auf Nahrungsmittel angewiesen.

Lesen Sie hier auch: UN-Ozeanbeauftragter: Bedrohung durch Klimawandel wie Kriegszustand >>

Das Verbreitungsgebiet der gefräßigen Armeen begrenzt sich in Afrika derzeit noch auf die drei Staaten Somalia, Äthiopien und Kenia: Vermutlich werden die bis zu 150 Kilometer pro Tag zurücklegenden Heuschreckenschwärme aber auf Eritrea, den Sudan und Südsudan, auf Uganda, Ruanda und Tansania übergreifen, fürchtet die FAO. Auch die arabische Halbinsel sei von der Gefahr der aus Jemen stammenden Wüstenheuschrecken nicht ausgenommen. Selbst Indien hat derzeit gegen Millionen von Fluginsekten zu kämpfen.

Insektenvernichtungsmittel aus der Luft

Werde man die Plage nicht in den Griff bekommen, könnten sich die Heuschrecken bis Juni auf das 500-fache vermehren. Während sich Kleinbauern der Plage mit Pfeifen und Plastiktrommeln erfolglos zu erwehren suchen, setzt Kenias Regierung inzwischen aus Flugzeugen gesprühtes Insektenvernichtungsmittel ein. Das wirkt sich allerdings auch schädlich auf die Umwelt aus und hilft nicht immer, weil die Heuschrecken oft Immunität gegen das eingesetzte Gift entwickeln.

Hungrige Heuschrecken

Die Wüstenheuschrecken, die sich im Moment über die ostafrikanischen Felder hermachen, sind sehr hungrig. Mitarbeiter der Vereinten Nationen sprechen von der schwersten Heuschreckenplage seit 25 Jahren.
Ohne Eingreifen der internationalen Gemeinschaft könnten sich die riesigen Schwärme bis Juni um das 500-fache vermehren, warnte die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft in Rom am Montag. Mitverantwortlich für die Plage sind laut Experten die Klimaverhältnisse. In den vergangenen Wochen gab es in der Region schwere Überschwemmungen. Das sind optimale Bedingungen für die Fortpflanzung der Tiere.

Experten kennen außer chemischen auch biologische Methoden im Kampf gegen die fliegende Plage: Diese sind jedoch eher zur Vorbeugung und weniger für einen bereits akuten Katastrophenfall geeignet. Nach einem 2017 veröffentlichten UN-Bericht sterben in Entwicklungsländern jährlich rund 200.000 Menschen an den Folgen einer Pestizid-Vergiftung. Manche der in Afrika eingesetzten Insektenvernichtungsmittel sind in Europa verboten. Zumindest vereinzelt wird die Plage in Kenia auch als Strafe Gottes betrachtet.

Thomas Kakala, Bischof der „Jesus Cares Centre Ministries“, macht die politische Führung des Landes für die Katastrophe verantwortlich: Sie sei lediglich durch „ernsthafte Gebete“ wieder aus der Welt zu schaffen. In Äthiopien musste unterdessen eine Boeing 737 der staatlichen Fluggesellschaft in der Hauptstadt Addis Ababa notlanden, nachdem sie in einen Heuschreckenschwarm geraten war.

Zusammenhang mit Klimawandel nicht bestätigt

Bilder zeigen die in Insekten-Mus getunkte Nase der Maschine. Heuschreckenplagen entstehen Experten zufolge vor allem nach ausgiebigen Niederschlägen, die eine Dürreperiode ablösen. In Ostafrika kam es Ende vergangenen Jahres zu heftigen Niederschlägen, die auf eine ungewöhnliche Erwärmung des westlichen Teils des Indischen Ozeans zurückzuführen sind.

Inwieweit das so genannte Dipol-Phänomen, das gleichzeitig zur Abkühlung des östlichen Teils des Ozeans und zu den katastrophalen Waldbränden in Australien beigetragen hat, mit der Klimaerwärmung zu tun hat, ist bislang noch nicht ausreichend erforscht. Ein kenianischer Insektenkenner rief unterdessen dazu auf, die Heuschrecken mit zwischen Flugzeugen gespannten Netzen einzufangen und als Futtermittel für Nutztiere zu verwenden.

Die proteinreichen Flügeltiere seien „äußerst nahrhaft“, sagte der Direktor der Entomologischen Gesellschaft des Landes, Muo Kasina. In Somalia bieten Restaurantbetreiber inzwischen Gerichte mit gerösteten Heuschrecken an: Wenigstens haben sie so keinen Engpass im Beschaffungswesen zu befürchten.