BerlinZoff und Ungemach sind in der Weihnachtszeit oft vorprogrammiert. Falsche Geschenke, zu hohe Erwartungen, der angestaute Vorweihnachtsstress – es gibt viele Fallstricke, auch für Paare. Der Berliner Paartherapeut Julian Burstedde erklärt, wie die Festzeit doch noch harmonisch laufen und ausgerechnet die Corona-Pandemie einen positiven Einfluss haben kann.

Berliner Zeitung: Herr Burstedde, Sie sind Paartherapeut: Weihnachten, Corona und jetzt der Lockdown – das klingt nach einer explosiven Mischung, besonders für Paare.

Julian Burstedde: Was Weihnachten mit Paaren dieses Jahr macht, das weiß kein Mensch – diese Kombination gab es ja so noch nie. Doch ich glaube, dass gerade Corona für ein friedlicheres Fest als sonst sorgen könnte.

Corona als Friedensstifter zu Weihnachten? Das müssen Sie erklären.

Aber ja! Sicherlich, die Pandemie ist derzeit mit Abstand die größte Herausforderung. Sie bringt uns nicht nur die Sorge, dass wir Verwandte infizieren könnten, sondern auch jede Menge Veränderung. Schließlich können wir gerade nicht mehr im ganz großen Kreis feiern, Paare müssen die Zahl ihrer Gäste beschränken. 

Also sagen Sie es uns: Was soll dann an Corona gut sein?

Eben gerade das. Weil alles so anders ist, darf auch die Erwartung ein Stück weit kleiner sein. Schließlich ist genau das sonst die Crux an Weihnachten: Wir laden das Fest alljährlich mit einer irren Anspruchshaltung auf – die auch die beste Feier nicht erfüllen kann. Sie darf in diesem Jahr zurücktreten. Was jetzt zählt, sind Kreativität und eine hemdsärmelige Hands-on-Mentalität.

Und das gilt dann auch für Paare?

Für sie ganz besonders. Als Therapeut erlebe ich, dass viele Paare sich momentan auf die guten Seiten ihrer Partnerschaft zurückbesinnen, vor allem seit der Lockdown verschärft worden ist. Warum? Gerade vor dem Hintergrund einer drohenden Erkrankung wird uns bewusst, was wir am jeweiligen Gegenüber haben. Corona kann Paare zusammenschweißen.

Wie feiern Sie selbst Weihnachten?

Im vergangenen Jahr waren wir am Heiligabend zu zwölft – dieses Jahr sind wir nur sechs: Meine Frau und ich, unsere beiden Kinder und meine Eltern. Die Eltern meiner Partnerin schalten wir per Skype dazu, dann wenn unsere Kinder die Geschenke auspacken. Sie wären zwar noch erlaubt, ziehen es aber vor, in Nürnberg zu bleiben – und haben dafür natürlich unser vollstes Verständnis.

Ist Corona die perfekte Möglichkeit, mit der Tradition zu brechen?

Ja. So sehr Corona uns alle einschränkt: Wir müssen aktuell lernen, damit zu leben. Deshalb sollte man versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und Corona auch als Chance zu verstehen, neue Dinge auszuprobieren. Und das Gute daran: Wenn etwas mal nicht so perfekt funktioniert, kann dafür in diesem Jahr eher die Pandemie verantwortlich gemacht werden – und nicht, wie vielleicht üblich, der Partner. So befremdlich es klingen mag: Corona gibt uns hier Rückendeckung.

Und auch die ewige Frage, ob man in die Kirche geht oder nicht, wird nicht wieder zum Zankapfel.

Diese Diskussionen gibt es häufig bei größeren Weihnachtsrunden. Tante X besteht auf dem gemeinsamen Kirchgang, Onkel Y möchte lieber auf dem Sofa fläzen. Nun wird diese Debatte ausfallen. Auch wenn Kirchgänge erlaubt sind: Jeder wird es verstehen, wenn man sie vermeiden möchte.

Foto: Lukas Schramm
Zur Person

Julian Ramin Burstedde, geb. 1979, arbeitet als Paartherapeut in Berlin. Der Heilpraktiker für Psychotherapie ist zertifizierter Prozessbegleiter. Er gehört der Fachgruppe „Systemische Paar- und Sexualberatung“ der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie an. Seine Beratungen bietet Burstedde auch auf Englisch und Italienisch an, seine Praxis befindet sich in der Akazienstr. 28 in Schöneberg, er führt jedoch auch Beratungen bei seinen Klienten zu Hause durch. (www.mobile-paarberatung.de)

Und ganz generell: Was müssen Paare in der Vorbereitungszeit beachten?

Sich hier nicht aus den Augen zu verlieren. Sie sollten gemeinsam die wichtigsten Dinge planen – dann gibt es zu Heiligabend keine bösen Überraschungen, für niemanden. So vermittelt man auch später den Gästen, dass man eine Einheit ist – und es gibt weniger Konfliktpotential.

Haben Sie noch einen Tipp?

Offener und ehrlicher Austausch im Vorfeld sind wichtig. Wenn einer die Entscheidungen des Partners stillschweigend hinnimmt, ohne damit einverstanden zu sein, kann der Unmut am Heiligabend ausbrechen. Das ist sogar wahrscheinlich – und wäre die schlechteste Variante.

Und trotzdem, sagen Sie, streiten sich gut 40 Prozent aller Paare zu Weihnachten. Warum?

Das ist ein Erfahrungswert aus meiner Praxis – er kann nicht verallgemeinert werden. Tatsache ist aber: In vielen Familien kommt es an Weihnachten zu Streit. Vieles, was sich im Vorfeld angestaut hat, inklusive dem Jahresendstress auf der Arbeit, kommt dann zur Entladung. Manchmal entsteht eine regelrechte Problemtrance – man hangelt sich von einem Problem zum nächsten. Und vergisst ganz das, worauf man sich eigentlich freuen sollte.

Was raten Sie?

Sich nicht anstecken lassen vom Stress anderer und gründlich hinterfragen: Ist das mein Thema und wie dringlich sind bestimmte Sachen wirklich? Viele Eltern stressen sich auch wegen der Kinder – sie wollen ihnen ein perfektes Weihnachtsfest bieten. Dabei sind aber gerade Kinder sehr genügsam und haben keinen Blick für Perfektion. Sie übersehen in den meisten Fällen, ob auf der Rückseite des Weihnachtsbaums genauso viele Kerzen sind wie auf der Vorderseite. Oder bemerken es zwar, aber beachten das nicht. Weil es nicht wirklich wichtig ist.

Wir sollten also von den Kindern lernen?

Ja, genau. Ihnen ist eine harmonische Stimmung am wichtigsten.

Und wenn es doch zum Weihnachtsstreit kommen sollte?

Dann bitte in einem wenig vorwurfsvollen Ton. Besser ist es, die eigenen Beobachtungen und Gefühle darzulegen und konkrete Wünsche zu formulieren. Aber das ist natürlich schwierig, wenn man emotional geladen ist. 

Stimmt es denn, dass Paare oft erst zur Beratung kommen, wenn es schon zu spät ist?

Bei einigen trifft das zu – und in der Regel ist der Leidensdruck recht hoch. Deswegen sage ich: Lieber bei Mittelgelb kommen als bei Dunkelrot. Dann ist die Chance auf eine Besserung der Beziehung höher und die Anzahl der Sitzungen geringer.

Wie erkenne ich Mittelgelb?

Gute Frage. Mittelgelb ist, wenn Sie merken, dass bestimmte Verhaltensmuster und Streitthemen gehäuft auftreten. Wenn man sich fragt: Ist das noch normal? Und wenn man anfängt, sich mit anderen Paaren zu vergleichen. Sehr spät wäre es, wenn man aufgrund der Muster schon über eine Trennung nachdenkt.

Die gute Nachricht: Jetzt steht dank Corona vielen Paaren ein entspannt(er)es Weihnachten bevor?

Das ist meine Hoffnung. Und ob wir daraus lernen, wird sich Weihnachten 2021 zeigen – wenn das Virus hoffentlich eingedämmt ist. Das ist dann der Lackmus-Test.

Das Interview führte Philipp Hauner.