Ein Straßenverkäufer bietet Spielzeug-Pferde an, während ein Staubsturm aufzieht.
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IslamabadLange Wartelisten, abgewiesene Patienten, schlechte Versorgung: Während die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Südasien explodiert, stehen die unterfinanzierten Gesundheitssysteme vor dem Zusammenbruch. Vom afghanischen Kabul bis Dhaka in Bangladesch weisen Krankenhäuser Verdachtsfälle ab, während Familien verzweifelt nach Hilfe für ihre schwerkranken Angehörigen suchen. Die Leichenhallen sind überfüllt, Friedhöfe und Krematorien dem Ansturm nicht gewachsen. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP. 

„Die Situation ist katastrophal“, berichtet der Arzt Abdur Rob vom Chittagong General Hospital in Bangladesch. „Die Patienten sterben in den Krankenwagen auf den Straßen, während sie zwischen den Krankenhäusern hin- und hergeschickt werden.“
Archie Clements von der Curtin-Universität in Western Australia glaubt, die Situation werde sich in Südasien mit nahezu einem Viertel der Weltbevölkerung weiter verschlimmern: Die Wachstumskurve befinde sich „noch immer in einer exponentiellen Phase“, betont der Gesundheitsexperte. „Wir könnten in den kommenden Wochen auf eine größere Zahl von Todesopfern zusteuern.“

Weltweit haben sich gut 8,5 Millionen Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert, mehr als 450.000 Infizierte sind gestorben. Mit mehr als 380.000 bestätigten Fällen liegt Indien auf Rang vier der weltweit am schlimmsten betroffenen Länder - wobei die tatsächliche Fallzahl angesichts der niedrigen Testquote wohl viel höher liegt. Die Zahl der Todesopfer sprang am Freitag auf mehr als 12.500.

Ende März wurde die Regierung noch gelobt, dass sie einen der strengsten Lockdowns weltweit durchgesetzt hatte. Doch Millionen Wanderarbeiter wurden dadurch arbeitslos und saßen - da sie nicht nach Hause reisen konnten - in überfüllten Notunterkünften fest, was das Ansteckungsrisiko erhöhte. Als die Behörden die Beschränkungen allmählich lockerten, stieg die Zahl der Infizierten steil an.

„In einem Land wie Indien mit seiner verbreiteten Armut und großen Migrantengemeinde kann man nicht erwarten, dass alle an Ort und Stelle Schutz suchen und warten, bis der Sturm vorüber ist“, betont Michael Kugelman vom Washingtoner Forschungsinstitut Wilson Center.
Im benachbarten Pakistan mit offiziell bisher 165.000 Infizierten und mehr als 3200 Todesfällen war Regierungschef Imran Khan von Anfang an gegen einen Lockdown: Dieser würde „die Menschen vor dem Coronavirus retten, sie aber verhungern lassen“, meint der Premier.

Viele Pakistaner ignorierten zudem die Vorsichtsmaßnahmen: „Zum Fastenbrechen (...) überschwemmten die Leute die Märkte, gingen zu Beerdigungen, es gab keine Durchsetzung der Abstandsregeln“, sagt die Chirurgin Samra Fachar mit Blick auf das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan Ende Mai. Nun muss ihr Krankenhaus in Peschawar im Nordwesten „fast täglich“ Patienten aus Mangel an Betten oder Sauerstoff nach Hause schicken.

In der Bevölkerung herrsche Wut, die manchmal in Gewalt gegen das Pflegepersonal umschlage, erzählt Fachar. Die Behörden warnten, in Pakistan könne es bis Juli bis zu 1,2 Millionen Fälle geben. Die Weltgesundheitsorganisation forderte neue Maßnahmen, was Khan ablehnte.
In Bangladesch wurden Medienberichten zufolge in den neun staatlichen Friedhöfen Dhakas und Dutzenden kleinen Grabfeldern in einer Nachbarstadt im April und Mai mindestens 1600 zusätzliche Bestattungen gezählt - die Behörden melden im gleichen Zeitraum jedoch nur 450 Corona-Todesopfer in den zwei Städten.

Ähnliche Meldungen kommen aus dem kriegszerrütteten Afghanistan. „Wir haben Berichte über eine Zunahme verdächtiger Todesfälle und darüber, dass Menschen nachts Leichen vergraben“, berichtet der Gouverneur von Kabul, Mohammed Jakub Haidari. In der afghanischen Hauptstadt gebe es wohl mehr als eine Million Infizierte: „Da wird es zu einer Katastrophe kommen.“
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