Berlin - Zur Bewertung der Pandemie-Lage bringen Experten als Orientierungswert die Zahl der Intensivstation-Neuaufnahmen binnen sieben Tagen ins Spiel. Die Inzidenz, also die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche, korreliere bereits jetzt nicht gut mit der Lage, bekräftigte der Epidemiologe Gérard Krause am Dienstag in einer Video-Pressekonferenz des Science Media Center. Der Wert könne Risiken sowohl über- als auch unterschätzen.

Benötigt würden mehrere Indikatoren, um die Lage sachgerecht abzubilden und gezielte Maßnahmen zu treffen, so der Experte vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Das Robert-Koch-Institut (RKI) liefere zwar eine Vielzahl an Daten, die aber leider nicht berücksichtig würden bei der Entscheidungsfindung, so Krause. „Wenn man gezwungen ist, sich auf nur einen Messwert zu beschränken – und das scheint so zu sein –, dann wäre die Zahl der Neuaufnahmen auf Intensivstationen das, was der Situation am ehesten gerecht wird.“

Tests und Impfungen entkoppeln den Wert

Einen Fokus auf Schwererkrankte zu setzen, werde künftig noch wichtiger, da sich die Sieben-Tage-Inzidenz zunehmend von der eigentlichen gesundheitlichen Lage entkoppele, sagte Krause. Grund seien zwei an sich erwünschte Effekte: zunehmende Tests, etwa an Schulen, und Impfungen der Risikogruppen, die hoffentlich die gesundheitliche Belastung sinken ließen. Die Zahl der Ansteckungen werde allerdings nicht in demselben Maße abnehmen. Damit sei die Sieben-Tage-Inzidenz kein guter Orientierungspunkt mehr.

Weil zwischen Ansteckung und Intensivstation einige Tage vergehen, gilt die Inzidenz als Indikator, der frühzeitig anzeigt, wie sich die Lage entwickelt. Aus Sicht von Christian Karagiannidis aus der wissenschaftlichen Leitung des Divi-Intensivregisters wären zeitliche Einbußen aber zu verschmerzen: Der Vorteil der Intensivbetten-Zahlen sei die größere Robustheit. Man sei nicht abhängig von täglichen Schwankungen und Verzögerungen im Meldewesen oder von Testfrequenzen. „Wir sehen ja wirklich das, was los ist.“ Er sprach sich für eine gemeinsame Betrachtung dieser Zahl in Verbindung mit Prognosemodellen zur Belegung der Intensivbetten aus. Man dürfe nie auf nur einen Wert blicken.

Schätzmodell mit Grenzwerten

Im Divi-Intensivregister werden Daten zur Betten-Belegung mit Covid-19-Patienten auf Intensivstationen veröffentlicht. Zu Neuaufnahmen inklusive Verlegungen wird ein Bundeswert ausgewiesen. Regionale Daten lägen noch nicht vor, daher habe man ein Schätzmodell mit Grenzwerten je nach Bundesland entwickelt, sagte Helmut Küchenhoff, Leiter des Statistischen Beratungslabors der LMU München. Laut einem Bericht von Autoren um Küchenhoff und Krause könnte mit niedrigen Grenzwerten ein etwaiger Zeitverzug kompensiert werden.

Auch die Neuaufnahmen sind aber mit Einschränkungen verbunden, wie die Wissenschaftler selbst schreiben: So sei etwa der Zeitraum, den ein Patient auf der Intensivstation liegt, nicht über längere Zeit konstant, da er auch vom Alter und veränderten Viruseigenschaften abhänge. Auch müsse bei der Zählung unterschieden werden zwischen Patienten, die ursächlich wegen Covid-19 aufgenommen werden, und solchen mit anderen Krankheiten, aber positivem Sars-CoV-2-Nachweis. Wichtig fänden die Forscher zudem Angaben auch zum Herkunftsort der Patienten – statt zum Standort der behandelnden Intensivstation.

Die Kernfrage nach dem Ziel

Schon länger wird über die Aussagekraft des Inzidenzwertes diskutiert, der in der ersten und zweiten Welle noch gut mit der zeitlich verzögert auftretenden Auslastung der Kliniken korrelierte. Nun jedoch ist mit weitgehendem Impfschutz der älteren Bevölkerungsgruppen mit einen höherem Anteil milderer Verläufe zu rechnen. Dadurch würde der Inzidenzwert die Lage mit Blick auf die Intensivstationen überschätzen.

Ist die Orientierungsmarke die Belastung der Intensivstationen, oder ist das Ziel eine niedrige Inzidenz, um das Infektionsrisiko und die möglichen Spätfolgen gering zu halten?

Viola Priesemann, Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen

Auf der anderen Seite beeinträchtigt auch die zunehmende Zahl der Geimpften den Inzidenzwert. Je höher die Impfquote, desto stärker unterschätzt der Inzidenzwert die tatsächliche Lage für die Ungeimpften. Die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen formulierte es bei Twitter kürzlich so: „Angenommen 50 Prozent sind geimpft und Impfung schützt zu 100 Prozent. Dann entspricht eine Inzidenz 100 in der Gesamtbevölkerung einer Inzidenz von 200 in der ungeimpften Gruppe plus Inzidenz 0 bei den Geimpften.“

Aus ihrer Sicht bleibt die Kernfrage: „Ist die Orientierungsmarke die Belastung der Intensivstationen, oder ist das Ziel eine niedrige Inzidenz, um das Infektionsrisiko und die möglichen Spätfolgen gering zu halten?“ Womit sie auf die „No Covid“-Strategie anspielt. Priesemann bemängelt, dass es zu dieser Frage keine klare Linie bei den Entscheidern gibt. Dadurch verpufften Maßnahmen.

Derweil stimmte am Mittwoch der Bundestag der sogenannten Bundes-Notbremse zu, am Donnerstag geht das Gesetz in den Bundesrat. Vorgesehen ist – nach derzeitigem Informationsstand – eine Koppelung von Ent- und Verschärfungen der Maßnahmen je nach Entwicklung der Sieben-Tage-Inzidenz.