Mitarbeiterinnen des US-amerikanischen Roten Kreuzes im Einsatz während der Spanischen Grippe 1918 in St-Louis, Missouri.
Foto:  Imago/United Archives International

Berlin - Im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 fällt immer häufiger das Stichwort Pandemie. Experten wollen und können nicht ausschließen, dass es zu einer weltweiten Ausbreitung des Erregers kommt. Bisher tritt die mit dem Erreger verbundene Lungenkrankheit Covid-19 aber regional begrenzt auf. Außerhalb Asiens gibt es nur Fälle, die auf Reisende zurückzuführen sind, die aus China gekommen waren.

Lesen Sie die aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Newsblog >>

Doch auch wenn sich die Infektion, die bislang mehr als 1700 Menschen das Leben gekostet hat, demnächst auch in vielen weiteren Regionen ausbreiten sollte, ist es wichtig zu wissen, dass die Menschheit heutzutage ganz anders mit derartigen Seuchen umgehen kann. Salopp gesagt: Pandemien sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Ein Blick zurück zeigt, warum die Angst so tief sitzt: Früher starben sehr viel mehr Menschen an Pandemien als heute. Die todbringenden Pest- und Influenza-Seuchenzüge früherer Jahrhunderte sind jedoch zum Glück Geschichte.

Man nimmt heute an, dass während der Pest-Pandemie des 14. Jahrhunderts in ganz Europa 25 Millionen Menschen starben – das war damals jeder dritte Europäer. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts raffte der Schwarze Tod weltweit Millionen dahin. Im 19. Jahrhundert erreichten verheerende Cholera-Epidemien aus Asien Europa. In Preußen gab es 1848/49 mehr als 85.000 Cholerafälle. In den Kriegen dieser Jahre starben mehr Soldaten an der Cholera als durch Kampfhandlungen.

Verbreitung über Handelswege

Zu dieser Zeit flogen nicht täglich Millionen Reisende mit Düsenflugzeugen um die Welt. Die Pandemien waren dennoch eine Folge früher Globalisierung. Sie breiteten sich entlang der Handelswege aus, die schon damals die Welt umspannten. Genua und Venedig wurden so zu Brückenköpfen für den Pesterreger Yersinia pestis.

Und die sogenannte Spanische Grippe, die vor hundert Jahren ein weltweites Sterben verursachte – die Schätzungen reichen von 25 bis über 75 Millionen Tote –, kam wohl während des Ersten Weltkriegs mit Truppentransporten aus den USA über den Atlantik.

Bakterielle Erkrankungen wie die Pest hat man durch Hygiene und Antibiotika in den Griff bekommen. Die Cholera verlor in Europa ihren Schrecken, als die Städte Abwasserleitungen bauten und die Trinkwasserqualität verbesserten. Gegen Pocken, Diphtherie und Polio gibt es wirkungsvolle Impfstoffe.

Grippe- und Coronaviren aber gelten immer noch als Kandidaten für gefährliche Pandemien. Gegen viele Viren ist kein Kraut gewachsen, solange es keinen Impfstoff gibt. Und der fehlt bei Sars-CoV-2. Es wird nach Einschätzung Christian Drostens, Chefvirologe der Charité, mindestens ein bis anderthalb Jahre dauern, bis ein zulassungsfähiger Impfstoff entwickelt ist.

Viren verfügen über Tricks

Viren sind im Grunde nur Knäuel aus Erbsubstanz, die von einer Eiweißhülle umgeben sind. Ihr Trick ist, die Körperzellen ihrer Wirte dazu zu bringen Viren zu vervielfältigen. Coronaviren beispielsweise übertragen ihr Erbmaterial auf menschliche Lungenzellen. Und die fungieren dann leider als Virenfabriken. Deshalb ist es schwierig, Medikamente gegen Viren zu finden. Denn eigentlich muss man die Syntheseprozesse in den menschlichen Zellen lahmlegen. Und das kann tödliche Folgen haben – und zwar für den Patienten, nicht für das Virus.

Dabei sind viele Viren eigentlich gar nicht gefährlich. Zahlreiche Arten leben in uns, ohne dass wir davon irgendetwas merken. Unser Immunsystem ist jedoch darauf programmiert, Eindringlinge zu identifizieren und zu bekämpfen. Meistens ist es die Immunreaktion, die uns krank macht: Schleimproduktion, Fieber, entzündliche Prozesse.

Bei der Spanischen Grippe war die Immunreaktion oft so heftig, dass – anders als bei anderen Grippe-Pandemien – nicht nur alte und kranke, sondern gerade junge, gesunde Menschen starben.

Verbreitung der Covid-19-Fälle
Grafik: BLZ/Hecher; Quelle: WHO

Bei Covid-19 wird zurzeit international der Versuch unternommen, die weitere Ausbreitung einzudämmen. Die Institutionen der öffentlichen Gesundheit wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin sprechen von der Containment-Phase. „Die massiven Anstrengungen verfolgen das Ziel, einzelne Infektionen so früh wie möglich zu erkennen und die weitere Ausbreitung des Virus dadurch so weit wie möglich zu verhindern“, informiert das RKI. Infizierte werden isoliert, Kontaktpersonen ermittelt, in 14-tägige häusliche Quarantäne gesteckt und überwacht. In Deutschland gelinge das sehr gut, sagt RKI-Chef Lothar Wieler.

Quarantäne ist eine klassische Containment-Maßnahme. Wahrscheinlich ist die Quarantäne auf Schiffen – wie derzeit auf den Kreuzfahrtschiffen „Diamond Princess“ oder „MV Westerdam“ – während der mittelalterlichen Pest-Pandemie erfunden worden.

Sars-CoV-2 scheint ansteckender als damals Sars zu sein, aber deutliche weniger tödlich.

Christian Drosten, Virologe, Charité Berlin

Wie ansteckend Covid-19 ist, können Experten noch nicht genau sagen. „Wir kennen die Attack Rate noch nicht“, sagt Charité-Virologe Christian Drosten. Bisher ist demnach unklar, wie viele Menschen, die mit der Krankheit in Berührung kommen, sich tatsächlich infizieren. Klar scheint, dass Sars-CoV-2 ansteckender ist als Sars, sein Coronavirus-Vetter, der 2002/2003 eine Epidemie auslöste. Insgesamt gab es viel weniger Sarsfälle als heute Covid-19-Fälle. Vermutlich ist das neuartige Coronavirus sogar noch verbreiteter als die Statistiken anzeigen. Denn das chinesische Erfassungssystem ist vermutlich vollkommen überlastet.

Christian Drosten verweist daher auf die Zahlen außerhalb Chinas, wo Infektionen und Todesfälle vollständig erfasst werden. Außerhalb Chinas gebe es bisher nur einzelne Covid-19-Tote, Kinder sind praktisch nicht betroffen, Schwangere nicht besonders gefährdet. „Das deutet darauf hin, dass das Virus deutlich weniger tödlich ist als Sars“, sagt er.

David Lheymann und Nahoko Shindobon, Berater der Weltgesundheitsorganisation WHO, halten es für ein plausibles Szenario, dass Covid-19 wie die saisonale Grippe bei den meisten Infizierten eine leichte Krankheit verursacht, die von allein ausheilt, wie sie im Fachmagazin Lancet schreiben. Schwere Erkrankungen träten eher bei älteren Menschen auf oder bei Menschen, die etwa durch Diabetes, Lungenerkrankungen und andere chronische Erkrankungen vorbelastet sind.

Falls es zu einer Pandemie komme, rechne er vorläufig mit einem Verlauf ähnlich einer normalen oder heftigen Grippewelle wie der von 1957/58, ist Christian Drostens Einschätzung. Die Pandemie der Asiatischen Grippe kostete damals weltweit wahrscheinlich ein bis zwei Millionen Menschen das Leben.

Hunderttausende Grippetote

Das sind viele. Aber die WHO beziffert die Zahl der grippebedingten Todesfälle auch in einem „normalen“ Jahr mit 290.000 bis 650.000. In der besonders schweren Saison 2017/18 starben nach Schätzungen des RKI allein in Deutschland 25.000 Menschen, in Berlin über tausend. Nur redet darüber kaum jemand.

RKI-Chef Lothar Wieler gibt zu bedenken, dass hierzulande im Winter vor zwei Jahren zehn Millionen Patienten mit Grippesymptomen Arztpraxen aufgesucht haben. Deswegen sei es nun wichtig, ein Zusammentreffen von Covid-19 mit der aktuell in Deutschland und Europa laufenden Influenzawelle soweit wie möglich zu vermeiden, „da dies zu einer maximalen Belastung der medizinischen Versorgungsstrukturen führen könnte.“

„Eine Pandemie ist ein Naturphänomen. Schuldzuweisungen sind sinnlos.

Christian Drosten, Virologe, Charité Berlin

Wenn eine Eindämmung einer Pandemie nicht mehr gelingt, beginnt nach den Empfehlungen des RKI die Protection-Phase. Menschen, die besonders gefährdeten Gruppen angehören, müssen vor einer Ansteckung geschützt werden.

Christian Drosten empfiehlt, dass jeder mitdenkt und sich informiert, wie man beispielsweise ältere Angehörige mit Vorerkrankungen schützen kann. Eine solche Schutzphase dauere nicht endlos. „Das sind nur ein paar Wochen“, sagt er. Dann verebbe eine Infektionswelle wieder. Wichtig ist aus Drostens Sicht auch, dass es keine sinnlosen Schuldzuweisungen im Fall eines Ausbruchs gibt. „Es gibt keinen Schuldigen“, sagt er. „Eine Pandemie ist ein Naturphänomen.“