Parabenhaltige Kosmetika sind bedenklich für Schwangere

Die als Konservierungsstoff eingesetzten Substanzen erhöhen beim Nachwuchs offenbar die Übergewichtsraten, warnen Berliner Forscher

Berlin/Leipzig-Schwangere sollten parabenhaltige Kosmetika meiden. Eine Studie von Forschern um Irina Lehmann von der Berliner Charité und Tobias Polte von der Universität Leipzig deutet darauf hin, dass solche Zusatzstoffe beim Nachwuchs nach der Geburt die Tendenz zu Übergewicht fördern. Das Team beschreibt im Fachblatt Nature Communications auch, auf welchem Weg Parabene den Nachwuchs beeinflussen könnten.

Parabene werden Kosmetika als Konservierungsstoff zugesetzt.
Parabene werden Kosmetika als Konservierungsstoff zugesetzt.imago images/Science Photo Library

Helmut Schatz von der Uniklinik Bochum, der nicht an der Arbeit beteiligt war, sagt, die Studie weise zwar keine Kausalität nach. Der Endokrinologe rät dennoch generell, auf natürliche Kosmetikprodukte zurückzugreifen.

Hormonell wirksame Stoffe sind allgegenwärtig

Übergewicht bei Kindern habe in den meisten Industrieländern epidemieartige Ausmaße angenommen, schreibt das Team um Lehmann und Polte. In Europa und Nordamerika sei etwa jedes dritte Kind übergewichtig oder gar fettleibig. Genetische Veranlagung und Lebensstil könnten diesen Trend nicht vollständig erklären. Möglicherweise gebe es Umweltfaktoren, die hormonell wirksam seien und während einer kritischen Entwicklungsphase besonderen Einfluss nehmen könnten.

Solche sogenannten endokrinen Disruptoren würden Produkten etwa als Konservierungsstoffe, Weichmacher oder Flammschutzmittel zugesetzt. Dazu zählen etwa Phthalate oder die oft in Plastik enthaltene Substanz Bisphenol A. Solche Stoffe seien allgegenwärtig und könnten mit der Nahrung, durch die Haut oder über die Atemwege aufgenommen werden. In der Studie konzentrierten sich die Forscher auf Parabene, die als Konservierungsstoffe in Kosmetika, Hygieneartikeln, Lebensmitteln und Medikamenten stecken und an Rezeptoren für das weibliche Sexualhormon Östrogen binden.

„Epidemiologische Studien deuten zunehmend darauf hin, dass Parabene mit der Entwicklung von Brustkrebs und Allergien zusammenhängen könnten“, schreibt das Team. Die Forscher prüften nun, ob die Stoffe Einfluss auf das Gewicht nehmen können. Dazu untersuchten sie im Rahmen einer Langzeitstudie Hunderte Mutter-Kind-Paare. Die Parabenbelastung der Frauen ermittelten sie durch Fragebögen und Urinanalysen sowie mit Hilfe der App Toxfox, die Auskunft zu Schadstoffen in Kosmetika gibt.

Veränderte Genregulation im Gehirn

Von den 414 Frauen nutzte etwa ein Viertel (26 Prozent) während der Schwangerschaft parabenhaltige Kosmetika wie etwa Hautcremes. Ihr Urin enthielt bis zu drei Mal mehr Parabenverbindungen als der Harn der übrigen Teilnehmerinnen. Die Entwicklung der Kinder bis zum Alter von acht Jahren ergab, dass Butylparaben mit einem verdoppelten Risiko für Übergewicht einherging. Bei Mädchen war der Effekt stärker als bei Jungen - vermutlich, weil Butylparaben östrogenartig wirkt. Für andere Parabene wie Methyl- und Propylparaben fand das Team diesen Trend nicht.

Im nächsten Schritt prüften die Forscher den Zusammenhang an trächtigen Mäusen, die Butylparaben in vergleichbaren Relationen aufnahmen wie vorher die schwangeren Frauen. Hier nahm der weibliche Nachwuchs ab der Geburt stärker zu - und fraß auch deutlich mehr als die Nachkommen von Tieren aus der Kontrollgruppe. Bei männlichem Nachwuchs und erwachsenen Mäusen war das nicht der Fall.

Weitere Untersuchungen ergaben, dass Butylparaben im Gehirn der Tiere ein Gen herunterreguliert, das am Sättigungsgefühl beteiligt ist. „Unter dem Einfluss von Parabenen während der Schwangerschaft entstehen bei den Nachkommen offensichtlich epigenetische Veränderungen, die die Regulation des natürlichen Sättigungsgefühls langfristig stören. Dadurch nehmen diese dann mehr Nahrung auf“, sagt Polte. „Bei der Gewichtsentwicklung spielen natürlich noch weitere Faktoren eine wichtige Rolle, wie etwa eine hyperkalorische Ernährung sowie mangelnde Bewegung. Dennoch scheinen Parabene in der Schwangerschaft einen Risikofaktor für die Entstehung von Übergewicht darzustellen.“

Wie lange der Einfluss der Parabene bei den Heranwachsenden andauert und ob er weitervererbt werden kann, ist bislang unklar. Die Kinder aus der Studie werden weiter beobachtet.

Werdende Mütter sollten während der sensiblen Phasen von Schwangerschaft und Stillzeit mit Blick auf die künftige Gesundheit ihre Kindes unbedingt auf parabenfreie Produkte zurückgreifen.

Tobias Polte, Universität Leipzig

Die EU-Kommission hatte vor etwa fünf Jahren die Höchstkonzentrationen bestimmter Parabene, darunter Butylparaben, für Anwendungen von Kosmetika im Windelbereich - etwa in Babycremes - deutlich gesenkt. Doch die Forscher raten auch Schwangeren zu Vorsicht. „Werdende Mütter sollten während der sensiblen Phasen von Schwangerschaft und Stillzeit mit Blick auf die künftige Gesundheit ihre Kindes unbedingt auf parabenfreie Produkte zurückgreifen", sagt Lehmann. „Viele Kosmetika sind bereits als parabenfrei deklariert, ansonsten hilft der Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe oder zum Beispiel die Nutzung der App Toxfox.“

Der Bochumer Experte Helmut Schatz, der dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie angehört, spricht von einer wichtigen Beobachtung an den Mutter-Kind-Paaren sowie interessanten Erkenntnissen aus Versuchen an Zellen und Tieren. Sie könnten aber keine Kausalität belegen.

Grundsätzlich sei beim Umgang mit allen Produkten, denen Chemikalien und andere Stoffe zugesetzt seien, Vorsicht geboten. „Es gibt nach dem letzten Bericht der Weltgesundheitsorganisation mehr als 800 endokrine Disruptoren, die sich gegenseitig summieren und sogar potenzieren können“, sagt Schatz. „Generell sollten Verbraucher daher möglichst naturbelassene Produkte bevorzugen.“ (dpa/fwt)