Einem Mann wird an einer Corona-Teststelle ein Abstrich entnommen.
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BerlinHandelt es sich bei Covid-19 in Deutschland nicht teils um eine Fake-Pandemie, die durch falsch-positive Tests hervorgerufen oder zumindest übertrieben dramatisiert wird? Dies behaupten nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch angesehene Wissenschaftler etwa vom Deutschen Netzwerk evidenzbasierte Medizin (EbM-Netzwerk) stellten dies als plausibel hin

Klar ist: Jeder Test – und so auch der für Covid-19 verwendete PCR-Test – kann beispielsweise durch Verwechslungen oder technische Probleme falsche Ergebnisse liefern. Sowohl falsch-positive wie auch falsch-negative. Und wenn es unter den getesteten sehr wenig infizierte Menschen gibt und die sogenannte Spezifität des Tests nicht gut genug ist, kann ein größerer Teil der positiven Ergebnisse falsch sein.

Sensitivität und Spezifität

Was sind überhaupt Sensitivität und Spezifität? Die PCR-Tests sollen feststellen, ob das Erbgut des Virus SARS-CoV-2 in einer Probe vorliegt und der getestete Mensch sich infiziert hatte. Falls es eine Ansteckung gegeben hat, kann der Test entweder korrekt-positiv sein – oder falsch-negativ, wenn er nicht anschlägt, obwohl der Mensch sich infiziert hatte. Falls er sich nicht ansteckt hatte, kann der Test entweder korrekt-negativ sein – oder falsch-positiv, wenn dieser trotzdem anschlägt. Die Sensitivität des Tests entspricht dem Anteil der infizierten Personen, bei denen der Test korrekt-positiv ist. Die Spezifität misst, ob der Test nur bei infizierten Menschen anschlägt: Sie berechnet sich als Anteil der korrekt-negativen Tests unter allen Tests, die bei nicht-infizierten Menschen durchgeführt wurden. Die Spezifität ist demnach 100 Prozent, wenn es keine falsch-positiven Testergebnisse gibt.

Ist also ein Großteil der positiv getesteten Menschen eigentlich völlig gesund? Nach einer Anfrage von MedWatch veröffentlichte das Robert-Koch-Institut (RKI) kürzlich Informationen zur Zahl der infizierten Menschen, die typische Corona-Symptome aufweisen. In den ersten Wochen von Covid-19 in Deutschland meldeten die Gesundheitsämter teils für über 96 Prozent der positiv Getesteten, für die Angaben zum Krankheitszustand vorlagen, dass sie typische Symptome aufweisen. Im Sommer waren dies teils nur für rund 75 Prozent bis 66 Prozent der Fall – doch in den vergangenen Wochen stieg der Anteil wieder auf über 80 Prozent.

Allerdings sind die Meldungen der Ämter oft nicht vollständig: Für rund jeden vierten bis jeden dritten Fall melden diese keine Informationen zum Krankheitszustand – also weder ob Symptome vorliegen noch ob keine Symptome vorliegen. Gleichzeitig werden Symptome, die erst einige Zeit nach dem Test auftreten, offenbar oftmals nicht nachgemeldet.

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Die Zahlen zeigen: Im Sommer wurden viel mehr junge Menschen ohne Symptome oder mit leichten Verläufen getestet als im Frühjahr – damals konnten viel weniger Personen getestet werden. Da sich in den letzten Monaten ältere Menschen viel seltener angesteckt haben als im Frühjahr, sind die Hospitalisierungs- und Sterberaten derzeit niedrig.

Doch wie oft sind die PCR-Tests nun falsch positiv? Umfassende Studien fehlen bislang. Wissenschaftler wie das EbM-Netzwerk oder auch der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts gingen in Publikationen teils davon aus, dass gut 98 Prozent oder gar nur 95 Prozent aller Tests bei Menschen ohne Corona-Infektionen auch negativ sind. Doch diese beiden Spezifitäts-Werte wären sehr schlecht – und widersprechen völlig der Realität: Bei den derzeit wöchentlich gut einer Millionen Tests müssten entsprechend 20.000 oder gar 50.000 Tests falsch-positiv sein, doch so viele positive Tests gab es in den letzten Wochen gar nicht. Teils waren laut RKI-Veröffentlichungen nur 0,6 Prozent aller Tests überhaupt positiv, die korrekt-positiven miteingeschlossen. Die Spezifität muss also deutlich über 99 Prozent liegen.

Tests widerlegen Behauptungen

Die PCR-Tests wurden so entwickelt, dass sie Abschnitte des Virus-Erbguts detektieren, die nur bei SARS-CoV-2 existieren – sodass die Tests tatsächlich sehr spezifisch sind. Bei Auffälligkeiten, die etwa auf Kontaminationen hindeuten, führen Labore in der Regel Kontrolluntersuchungen durch. So gehen das RKI und Laborspezialisten davon aus, dass die Spezifität über 99,9 Prozent liegt. Gregor Hörmann von der Med-Uni Wien, der auch Vereinsmanager der Österreichischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin und Klinische Chemie ist, erklärte gegenüber MedWatch, dass bei Screening-Untersuchungen nur elf von rund 16.000 Proben positiv gewesen seien – davon hätten sich zehn als richtig positiv herausgestellt. Dies entspricht einer Spezifität von gut 99,99 Prozent.

Bei freiwilligen Tests an hessischen Lehrern waren von über 46.000 Tests sechs positiv, was demselben Wert entspricht – oder gar 100 Prozent, wenn alle sechs korrekt-positiv waren. Und in Mecklenburg-Vorpommern waren laut dem dortigen Landesamt für Gesundheit und Soziales im Juni von 61.498 Abstrichen nur 50 positiv, was einer Quote von 0,08 Prozent entspricht.

Auch wenn die Spezifität zwischen Laboren etwas variieren mag, so ist es dennoch augenscheinlich unplausibel, dass ein größerer Teil der positiven Tests falsch ist. Für das Verständnis des Infektionsgeschehens könnten ohnehin die falsch-negativen Tests wichtiger sein: PCR-Tests haben zwar eine sehr hohe Sensitivität – sie detektieren das Virus also äußerst zuverlässig, auch wenn es nur in sehr geringen Mengen vorliegt. Doch in der Frühphase einer Infektion lässt es sich teils noch nicht nachweisen, sodass infizierte Personen teils negativ getestet und manchmal bei der Kontaktnachverfolgung übersehen werden. So können sie zu unerkannten Infektionsquellen werden, wenn die Ansteckung nicht später doch bekannt wird.

Die Aktion Corona-Check wird unterstützt von der Robert-Bosch-Stiftung.