Pflegeheim in Thailand: Ein Alterssitz in den Tropen gefällt nicht jedem

Takhian Tia - Vor den dunkel getönten Fensterscheiben des kleinen, zweckmäßig möblierten Wohnzimmers von Liesel G. brennt die Tropensonne auf den Plattenboden. Innen ist es dank der Klimaanlage angenehm kühl. Die 85-jährige Rentnerin stammt aus der Nähe von Osnabrück.

Sie hat sich schick gemacht an diesem Tag. Sie trägt einen dunkelroten Hosenanzug im Stil ihrer neuen Heimat Thailand. Die grauen Haare sind sorgfältig gekämmt. Eine Gehhilfe steht griffbereit neben dem weißen Plastikstuhl, der mit den Jahren graue Patina angesetzt hat. Die alte Dame fühlt sich aber alles andere als heimisch in dem kleinen Weiler Takhian Tia, rund ein Dutzend Kilometer von Thailands berühmt-berüchtigtem Badeort Pattaya entfernt. „Ich bin überhaupt nicht glücklich hier“, sagt die 85-Jährige und fügt entschieden hinzu: „Ich will zurück nach Deutschland.

Liesel G. ist einer der wenigen deutschen Pflegefälle, die in Thailand ihre letzten Jahre verbringen. So gut der Traum vom Ruhestand im Tropenparadies klingt: Sie will in Thailand nicht alt werden und sehnt sich nach ihrer Heimat.

Altwerden in Thailand hat seinen Preis

Findige – und häufig auch windige – Geschäftsleute basteln mit dem Slogan „Pflegebetreuung in Thailand, billiger und besser als in Deutschland“ eifrig an dem Mythos, das südostasiatische Königreich sei besonders gut als Residenz für die letzten Jahre von alten Menschen geeignet. Doch in Wahrheit verbringen nur wohlhabende Pensionäre dort einen sorgenfreien Ruhestand. Hohe Gesundheitskosten, aufwendige Visabestimmungen, die fremde Sprache, der Mangel an sozialem Umfeld und die hohen Kosten für deutsche Mahlzeiten machen sich im Portemonnaie bemerkbar. Altwerden im Tropenparadies können sich deshalb meist nur Gutbetuchte leisten.

Etwa in der nordthailändischen Stadt Chiang Mai. Dort werden im Pflegeheim „Baan Kamlangchay“ eines Schweizer Unternehmers Alzheimer-Patienten aus Europa betreut. Im Resort „Lotuswell“ in der Küstenstadt Hua Hin wiederum haben überwiegend deutschsprachige Ruheständler eine Heimat für das Alter gefunden. Sie kauften sich in dem Ressort eine Eigentumswohnung.

80 Prozent der Bewohner stammen aus der Schweiz, ein Fünftel sind Deutsche – und es liegen Welten zwischen der einfachen Unterkunft von Liesel G. nahe Pattaya und dem Lotuswell in Hua Hin.

Viele Rentner fühlen sich in Thailand wohl

„Wir wollen nicht nach Deutschland zurück, schon aus politischen Gründen angesichts des Abschneidens der „Alternative für Deutschland“ (AfD)“, sagt die 65-jährige Monika Stäuble, die ebenso wie ihr 64-jähriger Ehemann Peter bis vor einigen Jahren in Steglitz ein eigenes Unternehmen betrieb.

Die beiden hatten sich als Rentner zuerst in Spanien niedergelassen, zogen dann aber vor einigen Monaten ins Tropenparadies Thailand um. Sie haben sich eine Drei-Zimmer-Wohnung im Lotuswell in Hua Hin gekauft. „Langeweile kennen wir nicht“, sagt Monika Stäuble.

„Morgens schwimmen wir im Swimming Pool. Wir machen Yoga. Im Restaurant gibt es thailändische und europäische Küche.“ Für das Essen zahlen sie selbst.

Ein Shuttle-Bus gehört zum Service, er bringt die Bewohner mehrmals täglich über die Hügelkette, die das Lotuswell von Hua Hin trennt, ein paar Kilometer weiter zum Strand des Ortes, den bereits mehrere Könige des Landes zu ihrem Lieblingsdomizil erkoren hatten. Selbst Thailands Hauptstadt Bangkok, rund 250 Kilometer entfernt, liegt in erreichbarer Nähe.

Das Ehepaar zahlt monatlich etwa 500 Euro Wohngeld

Das Resort kümmert sich um Alltagsangelegenheiten wie Visa-Termine – auch Rentner müssen alle zwölf Monate ihre Aufenthaltserlaubnis für Thailand verlängern. Es vermittelt Pflegebetreuung, wenn Bewohner sie benötigen und die Kosten dafür tragen.

Monatlich zahlt das Ehepaar jetzt zwischen 400 und 500 Euro Wohngeld. „Das ist angesichts des Angebots im Lotuswell billig im Vergleich zu Deutschland“, schwärmt Monika Stäuble über die einem Hotel ähnelnde Anlage. Das Resort gilt angesichts der hohen Kaufpreise, die nur ernsthaften Interessenten mitgeteilt werden, als „Luxusversion“ für ausländische Ruheständler.

Die Stäubles, die viele Jahre lang Asien im Urlaub bereisten, verwirklichen sich in Hua Hin ihren Traum vom sorglosen Ruhestand. „Wichtig ist natürlich, dass die Frage der Krankenkasse geregelt ist“, sagt Monika Stäuble, „denn die Kosten sind in Thailands Privatkliniken massiv gestiegen.“ Das Ehepaar fühlt sich genügend abgesichert für die Zukunft. Ihre private Krankenversicherung deckt die Kosten in Thailand ab.

Zurück nach Pattaya. „Wir haben sehr gute Beziehungen zum öffentlichen Krankenhaus in Sri Racha und können so die Ausgaben niedrig halten. Sonst wäre die Pflege hier viel teurer“, sagt die 53-jährige Bualai Sa Sai (53) in dem verschlafenen Weiler Takhian Tia, auf deren Anwesen die 85-jährige Liesel G. lebt.

Deutsche im Alter nach Thailand zu holen, mache keinen Sinn

Bualai Sa Sai hatte gemeinsam mit ihrem 65-jährigen Ehemann Werner Kühnel aus Bad Salzuflen vor einigen Jahren im Garten zwei kleine Wohnungen mit jeweils zwei Zimmern und einem Bad errichtet, um deutsche Pflegefälle wie Liesel G. zu betreuen.

„Wir haben dabei vor allem an Deutsche gedacht, die bereits lange hier in Thailand leben“, sagt Kühnel. Er ist überzeugt davon, dass es „keinen Sinn macht, Leute im hohen Alter aus Deutschland nach Thailand zu verpflanzen“.

Ehefrau Bualai Sa Sai hatte lange beim Deutschen Hilfsverein (DHV) in Thailand gearbeitet, der sich um in Not geratene Deutsche kümmert. Später betrieb sie eine kleine Bäckerei beim Deutschen Begegnungszentrum in Pattaya.

„Wir haben die Wohnungen gebaut, weil es damals so viele Anfragen gab“, sagt Werner Kühnel. Er sagt, er kenne niemanden weiter in Thailand, „der das gleiche macht wie wir“.

„Billiger geht's nicht“

In der anderen Wohnung, gleich neben Liesel G. aus Osnabrück, wohnt der 83-jährige Herbert S. aus dem rheinischen Düren. Vor knapp zehn Jahren kam er in Pattaya an. Schon bald war der frühere Schweißer in der deutschen Szene unter dem Spitznamen „Jägermeister“ bekannt. „Ich kann Ihnen nicht genau sagen, warum ich nach Pattaya gekommen bin“, sagt Herbert S.. Seit einem Schlaganfall vor ein paar Monaten ist er bettlägerig und benötigt eine 24-stündige Betreuung .

Herbert S. hat keinerlei Kontakt mehr nach Deutschland. Seine Ersparnisse reichen gerade so aus, um die monatlichen Kosten in Höhe von etwa 1400 Euro für seine Betreuung und Pflege durch Bualai Sa Sai und Werner Kühnel zu bezahlen. „Billiger geht's nicht“, sagt Bualai Sa Sai. „Wir müssen deutsches Essen anbieten, und es gibt viele Ausgaben für die medizinische Behandlung.“ Regelmäßige Ausflüge zu einem der nahegelegenen Strände gehören auch zum Programm. Ebenso deutsche Fernsehsendungen.

Gottesdienst als Treffpunkt

Herbert S. wird sich bei seiner Reise von Deutschland nach Pattaya kaum vorgestellt haben, dass er einmal als Pflegefall in Takhian Tia landen würde. Seine Nachbarin Liesel G. wiederum erweckt den Eindruck, dass sie nicht gern nach Thailand zog. Ihr in Pattaya lebender Sohn verkaufte ihr Haus in der Heimat, als sie vor etwa drei Jahren ein Pflegefall wurde, und holte sie nach Thailand. „Ich habe einen guten Sohn“, sagt die alte Dame. Nach einer kleinen Pause fügt sie hinzu: „Das war ironisch gemeint. Er kommt mich nie besuchen.“

Liesel G. trifft ihren Sohn gelegentlich beim katholischen Gottesdienst in Pattaya. Der Besuch der Messe gehört zu ihren schönsten Erlebnissen in der Einöde ihres Alltags. „Dort gehe ich gerne hin“, sagt die Rentnerin. „Das ist interessant, weil da verschiedene Pfarrer die Messe halten.“ Außerdem trifft Liesel G. dort andere Deutsche. Nach dem Gottesdienst kann sie mit ihnen reden. Vor allem sucht sie freilich die Nähe der Geistlichen.

Thailands tropisches Klima, das so viele andere Deutsche in das Königreich lockt, behagt Liesel G. dagegen ebenso wenig wie ihr ganzes Leben in Thailand. “Heute wird es vielleicht noch ein besonderer Tag“, sagt sie zum Abschied, „es ist nicht so heiß wie sonst. Wenn es am Abend etwas milder ist, kann ich lange vor der Tür sitzen.“ Dann greift Liesel G. zu ihrer Gehhilfe und verschwindet in ihrem Schlafzimmer. Die tropischen Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad Celsius tagsüber verschläft sie lieber in dem von einer Klimaanlage gekühlten Zimmer.