Eine Pflegekraft geht mit einer älteren Dame über einen Korridor. Die Pflegeheime warnen deshalb in Corona-Zeiten vor Leichtsinn bei Besuchen.
Foto: Christoph Schmidt/dpa

PotsdamWenn Michaela Lorenz aus dem Fenster ihres Arbeitszimmers im Seniorenzentrum schaut, bietet sich ihr ein vertrauter Blick. Bis zu ihrer ehemaligen Schule und der Wohnung der Eltern sind es nur zwei Minuten Fußweg. „Ich habe meine 84-jährige Mutter seit anderthalb Monaten nicht mehr in den Arm genommen“, sagt die Geschäftsführerin der Einrichtung leise.

Lorenz erlaubt sich diesen privaten Moment und geht anschließend gleich wieder zur Tageordnung über. Denn seit der Corona-Pandemie lässt sie auch die Sorge um ihre Mitarbeiter und die Bewohner des Pflegeheims, des ambulanten Pflegedienstes und des Betreuten Wohnens nicht mehr los. „Noch ist der Kelch an uns vorbeigegangen, aber die Einschläge kommen näher“, sagt die 60-Jährige mit Blick auf Senioreneinrichtungen, die Fälle von Coronainfizierten melden. In einem Seniorenheim in Potsdam etwa ist die Zahl der Infektionen mit dem neuartigen Virus gestiegen - fast die Hälfte der Bewohner ist infiziert.

Kurzarbeit für den Fahrdienst der Tagespflege

Im Seniorenzentrum Riedelstift des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Cottbus wird derzeit niemand mehr aufgenommen, 71 Plätze gibt es, 65 davon sind belegt. Für den Fahrdienst musste Lorenz Kurzarbeit anmelden, weil die Tagespflege wegen der Pandemie geschlossen wurde. Das schmerze sie. Essen auf Rädern für Rentner sei derzeit sehr begehrt, doch könnten Aufträge wegen der Hygienevorschriften nur begrenzt angenommen werden, beschreibt Lorenz die Situation. Zudem gebe es nicht ausreichend Schutzausrüstung für die Mitarbeiter – momentan das Hauptproblem des gesamten Seniorenzentrums.

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Im Gesundheitsministerium in Potsdam kennt man das Dilemma. Die fehlende Schutzausrüstung mache Ministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) am meisten Sorgen, sagt Sprecher Gabriel Hesse. „Bei uns ist das jeden Tag ein Thema“. Kleinere Lieferungen würden immer mal wieder eintreffen, zufriedenstellend sei das nicht. Dabei häuften sich die Angebote, berichtet Hesse. Unter denen die seriösen Lieferanten herauszufiltern, sei allerdings nicht einfach. Vor allem die Beschaffung in großen Mengen sei derzeit ein Problem. Da fehle auch Erfahrung. Das Ministerium arbeite deshalb mit Wirtschafts- und Arbeitsschutzexperten eng zusammen und tausche sich auch mit anderen Bundesländern aus. Jede Lieferung, die ankomme, werde sofort an Kreise und kreisfreie Städte weitergegeben, versichert Hesse.

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Die Stadt Cottbus bekommt kleinere Lieferungen an Schutzausrüstung, die aber erst einmal an das Krankenhaus und die Gesundheitsämter verteilt werden. „Sie haben uns geschrieben, dass sie an uns denken, aber nicht beliefern können. Für uns als Pflegeeinrichtung läuft das nicht koordiniert“, kritisiert Lorenz. Stadtsprecher Jan Gloßmann verweist auf die Bedarfe. Die Mengen, die ankämen, seien gering. Die zertifizierten Schutzausrüstungen gingen dorthin, wo der Bedarf am vordringlichsten sei, etwa ins Carl Thiem-Klinikum und an die Kassenärzte. „Es reicht im Moment nicht für alle, das wird niemanden zufriedenstellen“, bekennt Glossmann. Wegen der schwierigen Beschaffung auf dem Weltmarkt sei jetzt die Bundesregierung gefordert.

200  Schutzmasken sind Tropfen auf heißen Stein.

Brandenburg hat laut Gesundheitsministerium beim Bund für sechs Monate über 4 Millionen Schutzkittel, 2,7 Millionen FFP2-Masken und 1,9 Millionen FFP3-Masken bestellt - das sind Schutzklassen abhängig von der Filterung.

Darauf können Michaela Lorenz und ihr Seniorenzentrum nicht warten. Die 200 gelieferten Mund-Nase-Schutzmasken vom ASB-Bundesverband sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Als Notbehelf hat sie am Wochenende im heimischen Backofen ausprobiert, wie Mund-Nase-Schutzmasken zur einmaligen Wiederverwendung thermisch desinfiziert werden können „30 Minuten bei 80 Grad in den Backofen geschoben - hat funktioniert“, sagt sie und lacht dann doch etwas darüber – sie hat ihre Aktion für den Vorstand anhand von Fotos dokumentiert.

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Wichtig sei, in der Krise die Aufregung zu relativieren und trotzdem vorsichtig zu bleiben, sagt Einrichtungsleiter René Seemann. Er hat für das Zentrum Pandemiepläne erstellt, kümmert sich, so gut es eben geht, um benötigte Schutzausrüstung, sortiert die Fülle an neuen Informationen und Bestimmungen für die Mitarbeiter vor, leitet diese in den Kriseninterventionssitzungen weiter und hört sich ihre Sorgen an. Die Mitarbeiter müssten sich anders aufstellen wegen der Corona-Pandemie, sagt Seemann. Von Gruppen- auf Einzelbetreuung der Senioren. Alle Mitarbeiter seien sehr engagiert, lobt die Chefin.

Boni-Zahlungen für Pflegekräfte

Das Personalproblem sei bekannt und kein Problem der Corona-Krise, nur jetzt werde es noch einmal deutlich sichtbar, sagt Lorenz. „Warum bezahlt man Arbeitskräfte in der Wirtschaft am Band immer noch besser als die Pflegekräfte?“, fragt sie sich. Aus der Politik kommen Forderungen nach Boni-Zahlungen für Pflegekräfte gerade jetzt in der Krise. Lorenz befürwortet das. Brandenburg plant laut Gesundheitsministerium keinen Alleingang bei den Boni sondern setzt auf ein bundesweit einheitliches Vorgehen. Das Problem des Mangels an Pflegekräften bestehe nicht erst seit Corona, bekräftigt auch Hesse. Der Gesundheitsministerin gehe es darum, insgesamt Pflegeberufe aufzuwerten, ein Umdenken in der Gesellschaft sei notwendig.

Im Innenhof des Seniorenzentrums sprudelt ein kleiner Brunnen, gepflanzte Frühblüher und eine Hecke mit Osterschmuck laden zum Rundgang ein. Doch kaum jemand ist zu sehen. „Zu Ostern wird es emotional“, weiß Geschäftsführerin Lorenz aus Erfahrung. Sie hat viele Jahre als Einrichtungsleiterin gearbeitet. Mit den Bewohnern im Freien mit einem Mundschutz spazieren gehen ist in ihrer Einrichtung zwar erlaubt. Aber wie den Sicherheitsabstand einhalten, wenn man einen Rollstuhl schiebt? Angehörige sollten auch daran denken, erinnert Lorentz und rät daher eher von Besuchen ab. „Wenn man vernünftig ist, macht man das nicht.“ Viele Senioren hätten Vorerkrankungen, daran sollte gedacht werden. Für kleine Osterüberraschungen für die Bewohner ist trotzdem gesorgt. Das benachbarte Menschenrechtszentrum etwa hat 65 Osterkörbchen für die Senioren und 60 mal selbstgenähten Mundschutz für die Mitarbeiter vorbeigebracht.

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