Man muss einfach mal diese Frage stellen: Ist die Arbeit mit alten und/oder kranken Menschen irgendwie ehrenrührig?

Auf die Idee könnte man glatt kommen, da Pflegekräfte in unserer Gesellschaft immer noch so viel schlechter bezahlt werden als etwa Informatiker oder viele Angehörige anderer Berufsstände, die in ihren Jobs weitaus weniger Verantwortung tragen, aber dennoch viel besser davon leben können.

Der Markt regelt dieses Problem defintiv nicht, denn die Nachfrage nach Pflegekräften ist in Deutschland mindestens so groß wie die nach IT-lern. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass das Problem der fehlenden Pflegekräfte nicht nur einzelne Unternehmen oder Branchen vor große Herausforderungen stellt, sondern die gesamte Gesellschaft.

Wie uns während der Corona-Pandemie noch mal eindringlich vor Augen geführt wurde: Die Lockdowns und weitere Maßnahmen waren dezidiert nicht dazu da, Einzelne oder Familien oder gar Alte oder Kranke vor dem Coronavirus zu schützen. Sondern um die Klinken vor Überlastung und damit die Gesellschaft vor einem drohenden Zusammenbruch zu bewahren. Das war das Ziel der Politik, man kann es nicht oft genug betonen – weil einige immer noch denken, die Pandemie-Politik sei auf sie persönlich ausgerichtet oder müsse das sein. Sie kann es gar nicht sein – weil das Problem in der Pflege so groß ist. Und auch vor Corona schon war.

Absurderweise lernt die Politik aber rein gar nichts aus diesen gewaltigen Herausforderungen. Ein Gesundheitsminister nach dem anderen ist in den vergangenen Jahren angetreten mit dem Anspruch, zumindest ein bisschen was für die Pflege zu tun. Es blieb immer bei der Ankündigung. Der aktuelle Gesundheitsminister Karl Lauterbach macht noch nicht mal einen Hehl daraus, sich für das Thema, wenn überhaupt, dann nur am Rande zu interessieren. Ihn interessiert vor allem anderen die Impfung.

Dabei wären einfache Maßnahmen zur Verbesserung der Lage in der Pflege gar nicht so furchtbar schwer, wie ein junges Start-up aus Berlin gerade zeigt: Pflegia ist angetreten, im Bewerbungsprozess die Pflegekräfte in den Mittelpunkt zu stellen anstatt den Arbeitgeber. Die Branche soll hier um die Pflegekräfte werben, nicht andersherum. So ähnlich wie es bei IT-lern oder Managern und im Headhunting schon ganz lange üblich ist. Da wird im gegenseitigen Einvernehmen herausgefunden, welche Kriterien ein gutes Unternehmen erfüllen muss, damit die Pflegekraft ihrer Arbeit nachgehen kann, ohne binnen kurzer Zeit auszubrennen – und die Branche wieder zu verlassen.

Es geht nämlich mitnichten nur ums Gehalt. Das ist in einigen Bereichen der Pflege – verglichen mit anderen Branchen, die auch generell schlecht bezahlt sind – gar nicht schlecht. Je nach Ausbildung, Schichtzulagen und Region sogar ziemlich gut. Es geht grundsätzlich darum, dass Pflegekräfte aufgrund der Arbeitsbedingungen (u. a. hohe Verantwortung, starke zeitliche Flexibilitätsanforderungen, Nachtarbeit, oft autoritäre Strukturen und schlechtes Betriebsklima aufgrund der angespannten Lage) der Pflege so massenweise den Rücken kehren, um nicht selbst krank zu werden, dass ihre verbliebenen Kollegen NOCH schlechtere Bedingungen vorfinden. Ein Teufelskreis.

Die Probleme in der Pflege- und Gesundheitsbranche sind der Politik seit Jahrzehnten bekannt und sie werden immer größer anstatt kleiner. Dass in der Altenpflege viel zu vieles im Argen liegt, daran hat man sich offenbar schon längst gewöhnt, Corona hat die Zustände auch in Kliniken zutage gefördert. Inzwischen ist der Pflegenotstand so groß, dass auch niedergelassene Ärzte Probleme haben, für ihre Praxen noch Mitarbeiter zu finden. Wohin soll das führen?

Noch zielführender, als den Blick auf die Pflegekräfte als tragende Säulen der Gesellschaft zu richten, wäre es, ihn wieder auf die Menschen zu richten, um die es eigentlich an vorderster Stelle gehen sollte: die Patienten. Es geht nämlich eben nicht immer nur um Arbeitskräfte auf der einen und Gewinnmargen auf der anderen Seite. Manchmal muss man sich einfach mal daran erinnern, was Sinn und Zweck der Veranstaltung ist, die sich längst von den Realitäten und eigentlichen Anforderungen abgekoppelt hat: die bestmögliche Versorgung oft schwer kranker Menschen. Die unter den bisweilen wahnwitzig gewordenen Umständen des deutschen Gesundheits- und Pflegesystems an vielen Stellen unmöglich geworden ist. Und das in einem reichen Land wie Deutschland.

Wer daran zweifelt, möge sich bitte unangekündigt zusammen mit einer hilflosen Person in einem beliebigen Pflegeheim oder Krankenhaus umsehen oder auch nur versuchen, einen Facharzttermin zeitnah zu ergattern, oder auch versuchen, die umfassende Pflege eines Angehörigen menschenwürdig zu organisieren.

Überhaupt, die Angehörigen: Sie leisten die Hauptarbeit der Pflege in diesem Land, sie leisten NOCH mehr als die Pflegekräfte, und zwar ohne Bezahlung. 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden von Angehörigen versorgt, es gibt etwa eine Million professionelle Pflegekräfte in Deutschland, aber bis zu acht Millionen pflegende Angehörige – die sich oft krank und arm schuften unter der Pflege. Dieses Problem ist sogar noch größer als das der unzureichend beachteten Pflegekräfte. Doch es wird von Politik und Gesellschaft noch weniger angegangen.

Abschließend darf man also attestieren, dass die Eingangsfrage gar nicht so absurd zu sein scheint, wie sie auf den ersten Blick wirkt: Die Pflege alter und/oder kranker Menschen ist wohl ehrenrührig. Denn sie erinnert die anderen daran, dass sie selbst einmal in die Lage kommen könnten, hilflos und komplett auf andere angewiesen zu sein. Und das will sich in unserer leistungsorientierten Gesellschaft niemand wirklich vorstellen. Denn sonst müssten wir ganz anders handeln.