Die Menschen in Deutschland werden älter, es kommen weniger Kinder zur Welt, und viel zu wenige Menschen wollen unter den derzeitigen Bedingungen in der Pflege arbeiten. Zeit, sich Gedanken um das eigene Altwerden zu machen. Drei Redakteure der Berliner Zeitung geben Einblick in ihre Pläne und Vorstellungen.

Die 28-Jährige: „Krankheiten machen mir am meisten Angst“

Im Türkischen gibt es eine Redewendung, die Übersetzung lautet in etwa: Möge Gott mich nicht in die Hände von anderen fallen lassen. Den Satz verwendet meine Mutter sehr gerne. Sie ist kürzlich 69 Jahre alt geworden. Sie hat viele Vorerkrankungen, Migräne und Bluthochdruck, eine Schilddrüsenunterfunktion und hohe erblich bedingte Cholesterinwerte. Aber auch Bandscheibenvorfälle an drei Stellen ihrer Wirbelsäule.

Kaum hat sie länger als eine halbe Stunde auf den Füßen verbracht – sei es, weil sie Hausarbeit erledigte oder in der Stadt einkaufen war –, plagten sie große Schmerzen, die in ihren gesamten Körper ausstrahlten, die sie nur mit extrem starken Schmerzmitteln, sogenannten Opioiden, einigermaßen unter Kontrolle bringen konnte. Therapien wie Physio brachten ihr nichts. Ich schreibe in der Vergangenheitsform, weil sie 2021 von einem Neurochirurg an der Lendenwirbelsäule operiert wurde – ein Eingriff, vor dem sie sich über ein Jahrzehnt gedrückt hatte. Heute geht es ihr besser, die Schmerzen flackern immer mal wieder auf, Schmerzmittel muss sie noch einnehmen, aber nicht mehr hoch dosiert – und vor allem nicht mehr so häufig.

Meine Mutter hat Angst vor Abhängigkeit

Sie sagt, dass der Eingriff die beste Entscheidung für sie war, um später, wenn sie älter wird, nicht in die Hände von anderen fallen zu müssen. Also um nicht so sehr in ihrer Mobilität eingeschränkt zu sein, dass sie nur mithilfe einer anderen Person, zum Beispiel einem ihrer Kinder, aus dem Bett kommt, vom Stuhl aufstehen kann. Baden kann. Essen kann. Sie hat Angst vor Abhängigkeit.

Wenn ich darüber nachdenke, wie ich im Alter leben möchte, mache ich mir unweigerlich Gedanken darüber, wie ich möchte, dass meine Mutter leben soll. Ich kann die beiden Fragen gar nicht auseinanderhalten. Ich möchte, dass ihr restliches Leben schmerzfrei verläuft, sie nicht ständig ihre Zeit in Arztpraxen verbringen muss. Das wünsche ich mir für mein Leben im Alter auch. Nicht zu erkranken, zumindest nicht ernsthaft, sodass mir der tägliche oder wöchentliche Gang zur Ärztin erspart bleibt.

Krankheiten machen mir am meisten Angst. Krebs. Alzheimer. Herzinfarkt. Schlaganfall. Permanente Schmerzen an Muskeln, Gelenken, Knochen. Der Wunsch, im Alter nicht auf Arzneimittel angewiesen zu sein, erscheint mir zu illusorisch. Was ich aber rechtzeitig in die Wege leiten möchte – was meine Mutter keinesfalls in Erwägung zieht –, ist eine Patientenverfügung. Ich möchte selbst darüber entscheiden, welche medizinischen Maßnahmen durchgeführt oder unterlassen werden sollen, sollte das Schlimmste eintreten. Diese Entscheidung soll kein anderer Mensch für mich fällen müssen.

Ich wünsche mir Menschen, die sich gerne um mich kümmern

Ich wünsche mir für meine Mama, dass sie bis zu ihrem Lebensende in der Wohnung in der Innenstadt leben kann, in der sie über 40 Jahre mit meinem Papa wohnte, bis er verstarb. Die Wohnung ist ebenmäßig und im Gebäude gibt es einen Aufzug, die Chancen stehen also gar nicht so schlecht – und natürlich weiß ich, dass der Umstand von ihrem Pflegegrad abhängen kann. Es gibt ja so einige Hilfsmittel, die man anschaffen kann, Rollator zum Beispiel oder Aufsteh- und Sitzhilfe, Einstiegshilfe für die Badewanne, Toilettensitzerhöhung, Haltegriff.

Ich wünsche mir, dass meine beiden Geschwister und ich finanziell dazu in der Lage sein werden, eine häusliche Pflegekraft für sie zu arrangieren, wenn sie dann doch angewiesen ist auf „andere Hände“. In ein Pflegeheim soll sie nicht kommen, das würde ich im Alter für mich selbst auch nicht wollen. Ob ich es als Bürde erachten würde, wenn mein Mann oder, sollte ich jemals eins haben, mein Kind mich pflegt? Das kann ich noch nicht beantworten.

Ich wünsche mir für meine Mama, dass sie niemals vereinsamt. Dass sie Freunde hat, mit denen sie sich treffen oder zumindest per Telefon oder Videoschalte unterhalten kann. Dass ihre Familie immer in ihrer Nähe bleibt, sie regelmäßig – und damit meine ich nicht zwei-, dreimal im Jahr – besucht. Auch ich wünsche mir für immer Freunde und Familie an meiner Seite zu haben, die sich sorgen, kümmern und – traurig, dass ich es aufschreiben muss – das vor allem auch gerne tun.
Miray Caliskan, 28 Jahre alt

Wie wünschen Sie sich Ihr Leben im Alter?

Haben Sie Angst davor, alt zu werden, jenseits der 60 oder 70 alleine dazustehen? Oder freuen Sie sich auf einen gemütlichen Lebensabend, womöglich im Kreise Ihrer Liebsten? Welche Erfahrungen machen Sie mit dem Leben im Alter oder wie stellen Sie es sich vor? Schreiben Sie uns an: gesundheit@berlinerverlag.com. Sie können anonym oder mit Klarnamen schreiben – im Falle einer Veröffentlichung setzen wir uns mit Ihnen in Verbindung.

Der 58-Jährige: „Gesundheit ist kein Geschäft!“

Michael Zoller wird in einer Klinik aufgenommen, ein Obdachloser, der seit einiger Zeit schlecht hört. Wie sich herausstellt, hat er einen Tumor im Gehörgang, der entfernt werden müsste, was der Patient jedoch ablehnt, weil er Angst hat, taub zu werden. Der behandelnde Mediziner greift zu einer List.

Der Fall interessiert Millionen. Er ist für die TV-Serie „In aller Freundschaft – die jungen Ärzte“ ausgedacht, wie alles andere auch: das Klinikpersonal, die Klinik selbst, die Probleme dort. Die Einschaltquoten sind gut.

Die Realität dagegen interessiert Millionen eher weniger: das reale Klinikpersonal, die realen Kliniken, die realen Probleme dort. Nicht einmal die mehr als zwei Jahre der Corona-Pandemie scheinen etwas daran geändert zu haben. Es muss sich daher um eine Strategie handeln. Aber: Verdrängen Menschen wirklich mithilfe eines verfilmten Arztromans den Gedanken daran, womöglich selbst irgendwann stationär behandelt werden zu müssen? Handelt es sich um eine kuriose Form der Realitätsverweigerung?

Ich stelle mir die Frage, wie es ist, alt zu werden. Nicht immer, aber immer öfter – mit Ende 50. Möglicherweise bewahrt mich eine genetische Veranlagung vor langwierigen Krankheiten. Meine Mutter jedenfalls treibt mit fast 83 Jahren immer noch regelmäßig Sport, schmeißt ihren Haushalt selbst und beackert ihren Garten, geht nur für einen Check-up zum Hausarzt und hat ein Krankenhaus seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr von innen gesehen.

Ich will mich nicht auf gute Erbanlagen verlassen

Mein letzter Aufenthalt in einer Klinik liegt mehr als fünf Jahre zurück. Die nächtlichen Stunden auf der Rettungsstelle kamen mir vor wie ein Praxisseminar zum Thema „Unterfinanzierung des Gesundheitswesens“. Ein bemitleidenswerter Arzt war da zu beobachten, wenn auch selten aus der Nähe. Dazu drei erstaunlich gefasste Pflegekräfte, die sich um geschätzt 40 Patienten kümmerten, im Gang auf Liegen aneinandergereiht. Irgendwo jammerte eine Fistelstimme pausenlos: „Ich will nach Hause.“ Die dazugehörige Frau schaffte es offenbar nicht, sich aus eigener Kraft zu befreien. Ich dagegen schon. Gegen vier Uhr morgens entließ ich mich selbst. Ein Pfleger verabschiedete mich mit den Worten: „Wir sehen uns bald wieder!“ Gott sei Dank hat er sich getäuscht.

Da ich mich nicht auf gute Erbanlagen verlassen, aber ebenso wenig auf dem Flur einer Rettungsstelle als gewinnmaximierende Fallpauschale enden möchte, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich hierzulande die Erkenntnis durchsetzt: Gesundheit ist kein Geschäft für einige wenige, Gesundheit ist Daseinsvorsorge für alle. Meinen bescheidenen Beitrag will ich dazu leisten. Indem ich zum Beispiel Texte wie diesen schreibe.

Von „In aller Freundschaft – die jungen Ärzte“ gab es übrigens mal einen Ableger: „In aller Freundschaft – die Krankenschwestern“. Der Titel klingt vielleicht nicht genug nach Arztroman, nicht nach Lebensrettern in Weiß. Die Serie wollte niemand sehen. Sie wurde abgesetzt.
Christian Schwager, 58 Jahre alt 

Die 44-Jährige: „Ich will keine Angst vor dem Alter haben“

Ehrlich gesagt habe ich vor dem Alter Angst. Denn ich habe es bei meiner Mutter erlebt: Sie hatte mit 61 Jahren einen leichten Schlaganfall, den niemand erkannt hat, daraufhin einen schweren Schlaganfall, der im Krankenhaus auch nicht erkannt wurde. Als sie aus dem Koma erwachte, war sie halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Pflegegrad 5, die höchste Pflegestufe. Für den Rest ihres Lebens, immerhin ganze zehn Jahre. Körperlich war da nichts mehr zu machen.

Seelisch aber umso mehr. Deshalb habe ich mich um meine Mutter gekümmert, so gut es ging. Ich habe sie zu mir nach München in die Wohnung geholt, einen vertrauenswürdigen Pflegedienst gesucht, was gar nicht so einfach war, und eine Haushaltshilfe beschäftigt, die sich tagsüber um meine Mutter gekümmert hat, wenn ich bei der Arbeit war. Das war alles sehr kostspielig, wir haben dafür ihr Haus verkauft und ihr gesamtes Erspartes aufgebraucht, meines ebenfalls, und es hat trotzdem finanziell nicht gereicht. Am Ende hat die Stadt München uns unterstützt, damit meine Mutter ihre letzten Monate zu Hause verbringen durfte.

Ich bin unendlich froh, dass ich damals noch so jung und das kräftemäßig alles möglich war. Denn ich habe mich sehr gerne um meine Mutter gekümmert, wir hatten ein tolles Verhältnis und ich war stolz darauf, ihr zum Ende ihres Lebens noch so viel Lebensqualität schenken zu können. Weil sie das zu Beginn meines Lebens andersrum mit mir auch gemacht hat.

Inzwischen hatte mein Vater auch zwei Schlaganfälle, nach dem ersten habe ich ihn zur mir in die Wohnung nach Berlin geholt und ebenfalls gepflegt. Da konnte er noch ein bisschen laufen und sich auch sonst halbwegs normal bewegen. Seit dem zweiten schweren Schlaganfall ist er wie vor 15 Jahren meine Mutter halbseitig gelähmt. Er lebt nun in einem Heim. Das funktioniert halbwegs, weil er – im Gegensatz zu meiner Mutter damals – noch sprechen kann.

Wird es in 30 Jahren noch Pfleger für mich geben?

Ich habe extra ein schönes Heim für ihn ausgesucht, das anfangs einen guten Eindruck machte, die Heimleitung schien engagiert zu sein, der Fachkräfte-Schlüssel war hoch, das Haus gut gepflegt und mitten in der Innenstadt gelegen, wo ich ihn jeden zweiten Abend nach der Arbeit besuchen kann. Doch seitdem immer mehr Pflegepersonal ausfällt, erst wegen Corona, dann nach der Impfung, inzwischen weil alle von zwei Jahren Corona erschöpft sind, häufen sich die Mängel in der Versorgung. Ich muss jetzt wieder ein neues Heim für ihn suchen und hoffen, dass dieses die Probleme besser im Griff hat. Denn ich selbst kann nicht noch mal so lange jemanden pflegen.

Kann man es mir verübeln, wenn ich unter diesen Umständen Angst vor meinem eigenen Alter habe? Wohl kaum. Der Pflegenotstand wird seit Jahrzehnten immer größer anstatt kleiner und die Politik steht so hilflos vor diesem Problem, dass sie es erst gar nicht richtig angeht. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Will ich aber Angst vor dem Alter haben? Nein. Eigentlich weigere ich mich. Ich will nicht so denken wie viele Ärzte oder Akademiker in meinem Umfeld, die den Pflegenotstand sehr genau kennen und deshalb in besonders ehrlichen Momenten sagen: „So, wie bei uns heute gepflegt wird, will ich niemals enden müssen. Eher gebe ich mir die Kugel.“ Manche haben bereits vorgesorgt. Für den Fall, am Ende ihres Lebens auf andere angewiesen sein zu müssen. Wie abartig ist das in einem so reichen Land wie Deutschland? Es hängt alles an Fehlorganisation und an fehlgeleiteten Geldströmen. Denn in den deutschen Pflege- und Gesundheitsbereich fließt unglaublich viel Geld. Es kommt nur viel zu wenig davon bei den Patienten und in der Versorgung an.

Ich stelle mir das Alter schön vor – wenn wir uns jetzt darum kümmern

Dabei ist das Alter eigentlich ein wünschenswerter Zustand. Auch das habe ich bei meiner Mutter erlebt – und bei meiner Oma, die ebenfalls im Alter zu uns gezogen ist, mit allen möglichen Gebrechen, aber frohen Mutes. Sie hatte 40 Jahre lang Vollzeit gearbeitet und konnte sich nun von uns verwöhnen lassen. Auch meine Mutter hat es sichtbar genossen, dass nicht mehr sie diejenige war, die sich um alles kümmern musste, sondern dass wir rund um die Uhr für sie gesorgt haben. Sie ist noch mal richtig aufgeblüht in dieser neuen Rolle. Fast jeder mag es, wenn man sich auch mal um ihn kümmert.

Manche Ärztinnen und Pfleger berichten von Heimbewohnern, die sich im Alter und bei fortgeschrittener Erkrankung noch mal in die Kinder-Rolle einfügen. Weil vor allem die Kriegsgeneration eine echte Kindheit nie hatte – und jetzt nachholt. Einmal im Leben sich rundum versorgen zu lassen – das wäre eigentlich auch das Privileg des Alters und Ziel eines erfüllten Daseins. Wenn wir es uns und den anderen denn gönnen würden.

Wir können im Alter – theoretisch – auf ein Leben zurückblicken, das uns erfüllt hat. Wir müssen dann nicht mehr im Hamsterrad mitlaufen, nicht mehr all die Erfahrungen machen, die wir dann schon hinter uns haben. Wir können uns dann endlich zurücklehnen – also sich viele schon in jungen Jahren und vor allem in der Rushhour des Lebens stark sehnen – und die Erinnerungen genießen. Wenn wir denn nicht ständig Angst haben müssen, finanziell oder pflegerisch komplett unterversorgt zu sein. Und dabei meine ich nicht die naiven Sorgen, dass ein Pfleger in einem ansonsten gut geführten Heim vielleicht mal nicht genug Zeit für ein Pläuschchen mit uns hat. Ich meine die real existierenden Sorgen, dass Alte stundenlang in Ausscheidungen liegen, Medikamente vertauscht werden oder Bewohner verdursten.

Ich hoffe immer noch, dass in Zukunft alles besser für uns läuft. Ich will und kann diese Hoffnung nicht aufgeben. Denn sie ist existenziell. Doch wir müssen jetzt alle daran dringend arbeiten, dass es uns im Alter überhaupt noch gut gehen kann. Die Zeichen stehen leider anders.
Ruth Schneeberger, 44 Jahre alt