Ein Storchenhorst in der Abendsonne.
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Priort/HavellandVon hier oben hätte der Storch eine hübsche Aussicht über das Havelland. Gepflegte Häuschen, umrahmt von Gärten, auf der anderen Seite die sattgrüne Wiese, die sich bis zum Waldrand erstreckt. Eine Windbö erfasst die Hebebühne, mit deren Hilfe wir hier rauf kamen, es ruckelt ordentlich. Dessen ungeachtet wird das schon reichlich zerfledderte Storchennest von dem ehemaligen Strommast geborgen. Einst gehörte der Strommast dem Energieriesen Edis. Als dieser ihn nicht mehr nutzte, schlugen die Naturschützer zu. Denn viele der alten Masten eignen sich ganz hervorragend, um sie mit einem Storchenhorst, so nennt man die bis zu zwei Tonnen wiegende Behausung des Storches, zu krönen. Der Horst im havelländischen Priort wog deutlich weniger, war recht klein und hatte nur im Jahr nach seiner Errichtung im Jahr 2003 ein Storchenpaar angelockt. In den folgenden Jahren kam ab und zu ein Storch vorbei, schaute sich um und zog wieder ab. Dorfbewohnerin Sylvia Gehrke beschloss, der Horst braucht eine Generalüberholung.

Sylvia Gehrke sagt: „Ich möchte positive Dinge transportieren.“ Und das macht sie ganz regelmäßig, weshalb sie weiß, wen sie um Hilfe bitten kann. Die kam zunächst vom Bauhof der Gemeinde Wustermark, zu der Priort gehört. Jens Kroischke leitet den Bauhof, er stellte die Hebebühne und Werkzeug zur Verfügung. Mit dabei ist auch Claudia Jörg, seit 2015 Storchenbeauftragte des NABU im Osthavelland. Und wenn es um Störche geht, ist auch Dieter Stark nicht weit. Dieter und Ursula Stark sind seit Mitte der 1977er-Jahre im Storchenschutz aktiv. 

Dieter Stark hat sein Werkzeug dabei, auf dem Kopf trägt der 83-Jährige eine Schirmmütze mit dem NABU Schriftzug. Für die nächsten Stunden wird sein Gesicht kaum zu sehen sein, der Kopf bleibt über die Arbeit gesenkt. Der Storchenhorst ruht nun auf einigen übereinander gestapelten Paletten. Äste, Reisig und dünne Ruten liegen im feuchten Gras. Rund dreißig Menschen haben sich eingefunden, reichen sich Äste, flechten die Ruten ein. Ein kleines Zelt wurde aufgebaut; es gibt Kaffee, Kuchen, ein Feuerchen brennt und Kinder halten Stockbrot hinein. Später am Mittag wird es warme Suppe geben.

Ursula Stark beobachtet ihren Gatten, macht Fotos mit der Handykamera und erzählt von früher. „1934 wurden zum ersten Mal überhaupt in Deutschland die Weißstörche gezählt“, bemerkt sie. Die Daten für das Osthavelland gehen auf die Zählung von 1962 zurück, so Stark weiter. „Damals wurde 13 Storchennester im Altkreis Nauen, was in etwa dem heutigen Osthavelland entspricht, gezählt.“

Heute zählt man wieder die Brutpaare, die brauchen freilich auch eine Behausung. 2019 waren es im Osthavelland 32 Brutpaare, von denen 22 Paare auch erfolgreich Nachwuchs aufzogen. 51 Jungstörche wurden in der Region flügge. Ein Jahr zuvor waren 23 Brutpaare Eltern geworden, 29 Paare hatte es gegeben.

Im gesamten Land Brandenburg gab es 2019 laut dem NABU 1189 Storchenpaare von denen 871 auch Nachwuchs hatten. 1969 flügge gewordenen Jungstörche konnte der NABU zählen. 2014 war das Rekordjahr der Brandenburger Storchensichtungen mit 1424 Storchenpaaren.

In diesem Jahr sind die Störche zeitig dran. Bereits Ende Februar wurde ein Storch in Ketzin gesehen und auch im Umkreis Oranienburgs wurden bereits Weißstörche gesichtet. Und, als würden sie das neue Nistangebot schon mal in Augenschein nehmen wollen, kommen auch an jetzt zwei Störche vorbei geflogen.

Für eine Minute ist die Arbeit unterbrochen, alle Augen sind nach oben gerichtet, es raunt „Ah“ und „Oh“. „Die gehören bestimmt nach Buchow Karpzow“, kommentiert Jörg. In dem Ort befindet sich ein sehr begehrter Storchenhorst. „Hier finden die Störche beste Bedingungen. Ein Storch hat ein Revier von etwa 3 Kilometer Umkreis. Wir haben hier viele extensiv bewirtschaftete Wiesenflächen, und es ist viel Wasser verfügbar“, meint Claudia Jörg. Insekten, Mäuse, Maulwürfe, Frösche und Fische, alles was der Storchengaumen mag, gibt es in direkter Umgebung.

Unter dem Storchenhorst wurden auch gleich noch acht Nistkästen für Meisen, Stare und Gartenrotschwanz angebracht. „Und darunter kommen Nistkästen für Fledermäuse“, erklärt Jens Kroischke vom Bauhof. Mangels natürlicher Nistplätze versucht man im Havelland mit diesen Etagenwohnungen den Vögeln neue Nistmöglichkeiten zu geben. In Börnicke bei Nauen wurden nur wenige Tage vorher Dohlennistkästen unter einem Storchenhorst angebracht. Ebenso im havelländischen Niebede. „Für die Störche ist das kein Problem. Für gewöhnlich teilen sie ihren Horst mit Spatzen, manchmal auch mit Staren. Viele Vögel schätzen eine gute Nachbarschaft“, sagt Jörg. Da haben Mensch und Federvieh etwas gemeinsam.