Die Suizidrate hat seit den 80er-Jahren stetig abgenommen, auch weil die Aufklärung zum Thema psychische Erkrankungen immer besser geworden ist. (Symbolbild)
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dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Berlin - Wir sind kein großes Bestattungshaus. Im Schnitt begleiten wir mit unseren sieben Kollegen dreißig Familien im Monat. Dass heißt aber auch, vieles was ich schreibe, lässt sich nicht auf alle übertragen – ein Blick durch die Lupe.

Aber eins ist mir seit dem Ausbruch der Pandemie aufgefallen: Während wir im Normalfall vielleicht einen, manchmal auch zwei Suizide im Monat begleiten, sind es in den letzten Monaten signifikant mehr. Die Gründe, von denen wir ja nicht immer erfahren, sind vielfältig. Von Menschen mit einer Depressionen, die bereits mehrere Suizidversuche hinter sich haben, bis zu Menschen, die nachts noch ihre Kinder mit der Flasche versorgt haben und morgens heimlich das Haus verlassen, um sich vor eine S-Bahn zu legen.

Suizide haben während der Pandemie signifikant zugenommen

Die Suizidrate hat seit den 80er-Jahren stetig abgenommen, auch weil die Aufklärung zum Thema psychische Erkrankungen immer besser geworden ist.  Die aktuelle Statistik hängt noch etwas hinterher. Was man aber schon sagen kann, ist, dass sich im Jahr 2018  in Deutschland durchschnittlich jeden Tag 25 Menschen das Leben genommen haben – 1980 waren es noch doppelt so viele. In den allermeisten Fällen fand der Suizid durch Strangulation statt (50 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen).

Die Statistik lässt sich noch weiter verfeinern: Die meisten Menschen suizidieren sich im Alter zwischen 50 und 55 Jahren, Männer nehmen sich häufiger das Leben als Frauen, letztere bevorzugen im Gegensatz zu Männern weichere Methoden, die nicht den Körper zerstören. Statistik hilft uns, Veränderungen aufzuzeigen. Aber Statistik lässt auch den Menschen hinter Zahlen verschwinden. Einzelschicksale existieren darin nicht mehr. Suizid – vor allem da, wo er verhinderbar ist – lässt sich nur in Einzelfällen denken.

Wir müssen reden

Wie und unter welchen Umständen man geboren wird, kann man selbst nicht kontrollieren. Und wie man stirbt in den meisten Fällen auch nicht. Während fast alle unserer Lebensbereiche heute kontrolliert und durchorganisiert sind, entziehen sich die beiden existenziellsten Ereignisse in unserem Leben weitgehend der Kontrolle.
Um genau diese Ereignisse soll es in dieser Kolumne gehen. Sie heißt „Leben & Sterben“, und sie wird abwechselnd von zwei Menschen geschrieben, die sich beruflich damit befassen: von der Hebamme Sabine Kroh und dem Bestatter Eric Wrede.

Und wenn ich mir die Entwicklung bei uns im Laden vor Augen führe, wird mir bange vor der Statistik für das Jahr 2020. Ich hatte vor kurzem ein spannendes Gespräch mit einer der Gründerinnen von Freunde fürs Leben e.V., ein Verein aus Berlin, der sich zusammengetan hat mit der Erfahrung, einen Menschen durch Suizid verloren zu haben. Er soll eine Anlaufstelle sein für Menschen mit Suizidgedanken und vor allem auch für Angehörige.

Die Frage ist: Wie können wir gerade in Zeiten, wo das normale Leben nicht mehr so ist, wie wir es kennen, wie wir es wollen und – wichtiger noch – wie wir es brauchen, weiterleben? Was muss sich gesellschaftlich ändern für Menschen in Situationen, die wie ein Brennglas wirken? Selbst Menschen, die sonst dafür weniger anfällig sind, leiden in Zeiten der sozialen Isolation.

Psychischen Folgen der Maßnahmen müssen mitberücksichtigt werden

Ich bin kein Untergangsprediger, aber die Zeiten des Extremen scheinen sich doch zu vermehren, eine Wirtschaftskrise jagt die nächste, kaum ist die erste Welle von Corona abgeebbt, taucht das nächste Virus auf oder eben eine zweite Welle. Wie bereiten wir unsere Gesellschaft darauf vor, wie schützen wir uns davor, in psychologische Tiefs zu fallen und unter Umständen Suizidgedanken anheimzufallen? Wie können wir auch in Zeiten, die soziale Isolation mit sich bringen, für andere so da sein, dass sie uns erzählen, wie es ihnen geht und wir überhaupt eine Chance haben, ihnen zu helfen?

Ich bin bestimmt kein Gegner der Maßnahmen gegen Covid-19, aber in der Nachbetrachtung unseres Verhaltens und auch in Vorbereitung neuer, ähnlicher Situation müssen wir genau analysieren, was diese Isolation bei vielen Menschen ausgelöst hat. Ich habe hier geschrieben, dass es jeder wert ist, dass wir versuchen, sein Leben zu retten. Zusätzlich jedoch muss beim Abwägen zukünftiger Maßnahmen auch die psychische Gesundheit aller betrachtet und in ein Verhältnis gesetzt werden.


Die Autoren

  • Sabine Kroh
  • ... ist Jahrgang 1969, stammt aus Dresden und hat mehr als 25 Jahre Berufserfahrung als freie und festangestellte Hebamme. Sie arbeitete als Hebamme nicht nur in Deutschland, sondern auch in Mexiko, Guatemala, England und Tanzania.
    2016 gründete sie das Online-Portal call a midwife, das Frauen zu allen Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt berät.
    Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter.
  • Eric Wrede
  • ... wurde 1980 in Rostock geboren, studierte Gemanistik und Geschichte und arbeitete danach als Musikmanager.
    Im Frühjahr 2013 schmiss er seinen Job hin und entschloss sich Bestatter zu werden, „um etwas zu ändern an der gängigen Trauerkultur“. 2014 gründete er in Berlin sein eigenes Unternehmen lebensnah-Bestattungen. 2018 veröffentlichte er das Buch „The End: Das Buch vom Tod“.