Andere Länder, andere Sitten. Das gilt bei Tisch, im Büro, in Liebesdingen und beim Austragen von Konflikten. Auch Krankheiten werden von Kultur zu Kultur anders betrachtet, diagnostiziert und behandelt. Teils unterscheiden sie sich sogar in ihren Symptomen und ihrem Verlauf. Besonders krass sind die Unterschiede bei psychischen Störungen wie Psychosen, Neurosen und psychosomatischen Leiden.

„Viele der bekannten psychischen Erkrankungen kommen auf der ganzen Welt vor. Allerdings sind da teils Differenzen – sei es in den Fallzahlen, oder weil sie in einem Land vielleicht tendenziell günstiger verlaufen als in einem anderen“, erläutert Ekkehard Schröder, der sich als Psychiater und Ethnologe schon lange mit derartigen Themen beschäftigt und im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Ethnomedizin tätig ist.

Oft gebe es auch Abweichungen bei den Symptomen. So könne ein Schizophrenie-Kranker neben hierzulande geläufigen Erscheinungen wie Halluzinationen je nach Heimatland weitere Anzeichen entwickeln. „Nehmen wir Südostasien“, sagt Schröder. „Dort, wo man im Alltag sein Ego weniger in den Mittelpunkt stellt als bei uns, kann schon ein stark ichbezogenes Verhalten auf Schizophrenie hindeuten.“

Doch es gibt auch psychische Erkrankungen, die auf eine Gesellschaft oder Kultur beschränkt sind. Sie werden als kulturspezifische Störungen bezeichnet, in Fachkreisen auch CBS für den englischen Begriff Culture-Bound Syndromes. „Historisch betrachtet, stammt dieser Begriff aus der postkolonialen Zeit. Den Kolonialherren waren im Ausland seelische Erkrankungen aufgefallen, die ihnen unbekannt waren“, erläutert Solmaz Golsabahi-Broclawski, Zweite Vorsitzende des Dachverbands der transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum.

Auslöser Seelenverlust

Früher wurden die CBS als eigenständige Krankheitsbilder betrachtet. In jüngerer Zeit hat sich das geändert. Der Grund dafür ist, dass sich in der westlichen Medizin zunehmend die Auffassung durchsetzte, Geisteskrankheiten seien biologisch bedingt – was kulturelle Krankheitsursachen faktisch ausschließt.

„Die Konsequenz war, dass man intensiv zu forschen begann. Dabei kam man zu dem Schluss, dass es sich bei den CBS um die gleichen psychiatrischen Störungen handelt, die es auch bei uns gibt“, sagt Golsabahi-Broclawski. Kulturspezifisch sei lediglich ihre Ausdrucksform. Betroffene fremder Kulturen beschreiben ihre Beschwerden auch anders. Menschen aus dem Orient klagen beispielsweise über eine zerstückelte Leber, wenn sie sich seelisch zerrissen fühlen. Außerdem ist das Krankheitsbild sehr eigen.

„In der Regel ist es so, dass die Einzelsymptome kulturübergreifend vorkommen und verstanden werden. In ihrer speziellen Konstellation existieren sie aber nur im betreffenden Kulturraum“, erläutert der Ethnomediziner Schröder. Wie Erkrankungen kategorisiert werden, hänge von den traditionellen Krankheitskonzepten und -theorien einer Kultur ab. Als Beispiel nennt der Experte die lateinamerikanische Schreckkrankheit Susto, die traditionell als Folge eines Seelenverlustes betrachtet wird. „Die westliche Psychiatrie würde ihre Symptomatik eher einer Belastungsstörung zuschreiben“, sagt Schröder.

Moderne und traditionelle Behandlungsmethoden

Für Europäer ist ein Seelenverlust genauso schwer vorzustellen wie der Gedanke, dass Kälte impotent macht, wie es die Kernbefürchtung des chinesischen CBS Pa-leng ist. Der Mensch wird jedoch von seinem kulturellen Umfeld geprägt. Und das kann auch bedeuten, dass traditionelle Krankheitskonzepte zumindest unterschwellig im Bewusstsein verankert bleiben und zutage treten, wenn jemand entsprechende Beschwerden an sich feststellt.

„Und nicht nur das. Letztlich kann das gesellschaftliche Gepräge auch dazu führen, dass Störungen überhaupt entstehen“, sagt Golsabahi-Broclawski. Bei Pa-leng beispielsweise spielt die in China bis heute sehr geachtete Yin-Yang-Philosophie eine Rolle, derzufolge die kühle weibliche Lebensenergie Yin und die heiße männliche Yang in Harmonie sein müssen.

Behandelt werden kulturspezifische Störungen teils mit moderner Psychiatrie, teils traditionell durch althergebrachte Heilmittel und -methoden. Helfen kann beides. Ethnomediziner haben die Erfahrung gemacht, dass es manchmal effektiver ist, auf das Krankheitskonzept einzugehen, an das der Patient glaubt. Ist jemand etwa sicher, dass der Grund seiner Erkrankung spirituell ist, spricht er auf die darauf ausgelegte traditionelle Behandlung oft besser an als auf eine moderne Therapie.