Früher hatte Artemis Sengstock einen großen Freundeskreis. „Ich bin Griechin, ich war immer sehr gesellig“, sagt sie. Doch nachdem sie ihren Freund kennengelernt hatte, änderte sich das. Es begann beiläufig, als sie von einem Essen im Restaurant nach Hause kamen. „Wenn du mit deinen Freunden zusammen bist, bist du immer ganz anders“, sagte er. „Irgendwie komisch.“ Artemis Sengstock hatte nicht das Gefühl, dass etwas seltsam gewesen war. Sie hatten erzählt, gelacht, keiner hatte sie schief angeguckt. Doch andererseits: Warum sollte ihr Freund sie belügen? Er liebte sie doch, hatte sie am Anfang der Beziehung auf Händen getragen. Vielleicht war er der erste Mensch, der wirklich ehrlich zu ihr war? Hatte er doch recht?

Gaslighting: Menschen trauen sich am Ende selbst nicht mehr

Das hatte er nicht. Für das, was Artemis Sengstock nach eigener Schilderung in ihrer Beziehung erlebt hat, gibt es ein eigenes Wort: Gaslighting. Es steht für eine Form der emotionalen Manipulation, die Menschen dazu bringt, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Sie werden von jemandem nach und nach aus dem Gleichgewicht gebracht. Und trauen sich am Ende selbst nicht mehr.

Erstmals kam der Begriff 1938 in einem Theaterstück des britischen Dramatikers Patrick Hamilton vor. Der Film „Gaslight“ nahm das Thema dann 1944 noch mal auf. Ingrid Bergmann spielt darin eine Frau namens Paula, die von ihrem Mann in den Wahnsinn getrieben wird, damit er an ihr Erbe kommt. Heimlich manipuliert er die Gaszufuhr an ihrem Haus, gibt aber vor, das Flackern des Lichtes selbst nicht zu sehen. Paula glaubt, verrückt zu werden.

Gaslighter stellen Erinnerungen in Frage

Im wahren Leben ist Gaslighting meist subtiler. Kleine Entwertungen im Alltag zermürben den anderen schleichend. Gaslighter sagen Sätze wie: „Was redest du da? Das ist doch paranoid!“, „Du warst ja schon immer so schwierig“ oder „Sei froh, dass du mich hast. Wer sollte es sonst mit dir aushalten.“ Sie machen beiläufige Bemerkungen über angeblich unangemessenes Verhalten, schlechte Kleidung oder falsche Körpersprache. Sie stellen Erinnerungen in Frage, lügen, behaupten, Ereignisse hätten nie so stattgefunden, wie der andere sie darstellt.

So war es auch in Artemis Sengstocks Beziehung. War sie mit ihrem Freund zum Beispiel zum Eisessen oder Einkaufen verabredet, tauchte er oft nicht auf. Wenn sie ihn dann zu Hause auf dem Sofa vorfand, leugnete er, dass sie eine feste Absprache gehabt hätten: „Schatz, das hast du mal wieder falsch verstanden“, sagte er dann. Heute weiß sie: „Er hat es immer so gedreht, dass ich mich am Ende schuldig gefühlt habe.“ Ein anderes Mal flirtete er vor ihren Augen mit einer ihrer Freundinnen. Als sie ihn darauf ansprach, stritt er alles ab: „Das bildest du dir ein. Ich bin lediglich freundlich. Das kommt nur, weil du immer so eifersüchtig bist.“ Mit der Zeit konnte Sengstock sich selbst immer weniger leiden. Sie zog sich aus ihrem Freundeskreis zurück. Ihr Partner hatte es geschafft: Er hatte sie für sich alleine.

Gaslighting geht meist von Personen aus, denen man vertraut

Wie konnte es dazu kommen? „Das Perfide ist, dass Gaslighting meist von Personen ausgeht, denen man vertraut oder von denen man in irgendeiner Weise abhängig ist“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki, die das Buch „Und das soll Liebe sein?“ geschrieben hat. Die Opfer spürten, dass irgendetwas nicht stimmt, könnten es aber nicht richtig benennen. Denn der Mensch, der sie untergräbt, ist gleichzeitig auch jemand, der ihnen Nähe, Geborgenheit oder Sicherheit schenkt. In einem Moment sät er Selbstzweifel, dann sagt er: „Das wird schon wieder mit dir. Du hast ja mich. Ich bin da und helfe dir!“ Er hält sein Opfer auf einem gleichbleibenden Level von Unsicherheit und Angst, um es zu isolieren und sich als unverzichtbaren Anker zu präsentieren.

 „Girl on the Train“ beschreibt Gaslighting

In dem Roman „Girl on the Train“ von Paula Hawkins geht der Psychoterror so weit, dass die Hauptfigur Rachel von ihrem Partner in die Alkoholsucht getrieben wird, komplett den Halt und auch ihre Arbeit verliert und am Ende sogar glaubt, einen Mord begangen zu haben. Das Buch war ein Sensationserfolg, wurde mit Emily Blunt in der Hauptrolle verfilmt und machte Gaslighting einem Massenpublikum bekannt.

Doch warum tun Menschen so etwas? Stefan Röpke, Professor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, ist solch ein extremes Beispiel wie bei Paula Hawkins zwar nicht bekannt, das Verhalten, das dahinter steckt, erlebt er aber auch bei seinen narzisstisch gestörten Patienten. „Bei Persönlichkeitsstörungen tritt manipulatives Verhalten häufig auf“, sagt er. Das Motiv dahinter sei meist Kontrolle und Macht. Narzissten halten sich selber stets für wichtiger als andere, haben in ihren Augen mehr Rechte als ihre Mitmenschen. „Sie sprechen dem anderen die eigenen Gefühle ab und leugnen objektiv vorliegende Tatsachen.“ Röpke hat gemeinsam mit anderen Forschern in einer Studie das Gehirn von Narzissten untersucht und herausgefunden: Hirnstrukturen, die mit der Steuerung von Mitgefühl zu tun haben, sind bei diesen Menschen messbar anders. Röpke: „Wenn jemand nicht erkennen kann, dass der andere leidet, fällt es ihm natürlich leichter, sich so zu verhalten.“

Manche Opfer verklären den Gaslighter

Doch auch diejenigen, die sich manipulieren lassen, bringen oft bestimmte Voraussetzungen dafür mit. „Manche verklären den Gaslighter und haben ein starkes Bedürfnis, seine Zustimmung zu erlangen“, sagt Wardetzki. „Oder sie fühlen sich nicht wertvoll genug, um zu sagen: So lasse ich mich nicht behandeln!“ Oft liegen die Ursachen dafür weit zurück: Wer schon als Kind von seinen Eltern Gaslighting erfahren hat, für den kann sich Manipulation und emotionale Misshandlung in einer Beziehung normal anfühlen – die Person kennt nichts anderes.

In einem Text für den Blog „Kleinerdrei“ aus dem Jahr 2016 schildert eine Autorin anonym das extreme, lebenslange Gaslighting durch ihre Mutter. Von Anfang an wurde ihr vermittelt, sie sei ein „schreckliches Kind“: Die Erzieherinnen im Kindergarten hätten gesagt, sie sei merkwürdig. Sie habe Gläser zerbrochen, die sie in Wahrheit gar nicht angerührt hatte. Sie könne mit ihren Geschwistern nicht alleine gelassen werden, weil sie ihnen sicher etwas antun würde. Sie sei schuld an deren psychischen Störungen: „Du treibst ja alle in den Wahnsinn.“ Die Autorin beschreibt, warum es so schwer ist, sich dem Missbrauch zu entziehen: „Man geht ja zunächst einmal nicht davon aus, dass ein geliebter Mensch einem so etwas antut. Eher sucht man den Fehler bei sich selbst.“

Gaslighting ist narzisstischer Missbrauch

Auch Artemis Sengstock, die heute 30 Jahre alt ist, sagt, sie sei bereits in ihrem Elternhaus Opfer von narzisstischem Missbrauch geworden. Um sich aus ihrer ungesunden Liebesbeziehung zu lösen, brauchte sie lange: „Ich war wie ein Junkie“, sagt sie, „ich habe es jahrelang nicht geschafft, zu gehen, weil ich emotional so abhängig war.“ Sie bekam psychosomatische Beschwerden: Magenschleimhaut-Entzündungen, Darmkrämpfe, Blaseninfekte. Ärzte konnten ihr nicht helfen, fanden keine Ursache für die immer wiederkehrenden Krankheiten. Erst als sie Panikattacken bekam und eine Therapie machte, wurde ihr klar, worauf ihr Körper reagierte.

Um sich mit Menschen auszutauschen, die Ähnliches erlebt haben, richtete Artemis Sengstock bei Facebook eine Selbsthilfegruppe ein. Innerhalb weniger Wochen traten mehrere Hundert Nutzer ein. Heute hat die Gruppe um die 2000 Mitglieder. Über ihre Internetseite „Hilfe für Opfer von Narzissten“ bekommt Sengstock ständig Nachrichten von Menschen, die ebenfalls betroffen sind. Sengstock betont aber, dass sie keine Psychologin ist. „Ich rate immer dazu, sich professionelle Hilfe zu holen und eine Therapie zu machen.“ Alleine ist es oft schwer, aus so einer Beziehung herauszukommen.

Emotionale Manipulation gibt es auch im Berufsleben

Gaslighting ist psychischer Missbrauch, der allerdings nicht nur in engen persönlichen Verhältnissen vorkommt. „Emotionale Manipulation ist in jeder Form von Beziehung denkbar“, sagt die Psychologin Wardetzki. Auch im Berufsleben gibt es das Phänomen. „Gaslighting kann Teil von Mobbing-Prozessen sein“, sagt Lothar Drat, Leiter der Beratungsstelle gegen psychosozialen Stress und Mobbing in Wiesbaden.

So berichtet ein ehemaliger Angestellter eines großen Getränkekonzerns, sein Vorgesetzter sei bei wichtigen Treffen mit Kunden gerne mal selbst aufgetaucht, vermeintlich aus Höflichkeit – in Wirklichkeit aber, um ihn bei der Nachbesprechung vor versammelter Mannschaft zu blamieren. Immer wieder passierte es, dass er ihm während einer Präsentation ins Wort fiel und der Runde versicherte, Meetings, die eigentlich positiv verlaufen waren, seien in Wahrheit katastrophal gewesen: „Wir waren doch beide dabei!“ Irgendwann rief der Mann weinend seine Frau an und sagte, er habe offenbar eine Wahrnehmungsstörung. Sie sagte: „Nein. Dein Chef gaslightet dich.“

Wenn Kollegen einen absichtlich verrückt machen

Auch Menschen, die keine entsprechenden Erlebnisse in der Kindheit hatten, rechnen nicht damit, dass etwa ein Kollege absichtlich versuchen könnte, sie psychisch fertig zu machen. Solche Schikane führt auf Dauer zu einem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Den meisten Gaslighting-Opfern kommt irgendwann der Gedanke: Bin ich wirklich verrückt geworden? „Die Summe solcher kleinen Nadelstiche kann gravierende Auswirkungen haben“, sagt Lothar Drat. „Oft sind es gerade leistungsstarke, kreative Personen, die als Folge solchen Psychoterrors in die Verunsicherung geraten.“ Das kann in schlimmen Fällen schwere psychische Folgen haben: Angststörungen, Depressionen, dissoziative Zustände bis hin zu psychotischen Episoden.

Gaslighting, um Angestellte loszuwerden

Die Motive hinter solchen Taktiken sind verschieden. Sie können von Konkurrenten ausgehen, denen es um Macht und Positionen geht, von Menschen, die Mitarbeiter durch Einschüchterung unter Kontrolle halten wollen, oder von Unternehmen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, schwer kündbare Angestellte loszuwerden.

Der Begriff Gaslighting wurde in den vergangenen zwei Jahren noch in einem anderen Zusammenhang populär: Amerikaner bekamen ihn häufig im Zusammenhang mit ihrem Präsidenten zu lesen. Es begann 2016, als der Comedian John Oliver behauptete, Donald Trump habe ihn mittels Gaslighting manipuliert. Bei Twitter schrieb Trump: „John hat seine Leute bei mir anrufen lassen, um mich zu seiner langweiligen Talkshow einzuladen, die sich kein Mensch ansieht. Ich sagte: Nein, danke!“ Solch eine Einladung hatte es nie gegeben, doch Trump beharrte in mehreren Interviews darauf.

Trump, der Gaslighter

„Es hat mich wirklich verunsichert, Ziel einer solch selbstsicheren Lüge zu sein“, gab Oliver in seiner Sendung zu. Er habe sogar nachgeforscht, um sicherzugehen, dass keiner seiner Mitarbeiter Trump versehentlich eingeladen habe. Der trug seine Behauptung mit solchem Elan vor, dass selbst der selbstbewusste, linksliberale Moderator an der Wahrheit zu zweifeln begann. Und er ist nicht das einzige Opfer des Präsidenten. Bis heute glauben Millionen Donald Trumps offensichtlicher Lüge, bei seiner Vereidigung im Januar 2017 seien so viele Menschen anwesend gewesen wie bei keiner zuvor. Im Mai dieses Jahres veröffentlichte die republikanische Autorin Amanda Carpenter ein Buch über das Phänomen. Titel: „Gaslighting America. Why we love it when Trump lies to us“.