Corona-Pandemie: „Auch schwedische Kinder waren psychisch belastet, fast ohne Maßnahmen“

Der Kinder- und Jugendpsychologe Julian Schmitz hielt viele Corona-Maßnahmen für richtig. Trotzdem sagt er: Im Umgang mit Kindern und Familien muss einiges aufgearbeitet werden.

Corona hat das Leben angehalten: Ein Jugendlicher in Ketzin an der Havel.
Corona hat das Leben angehalten: Ein Jugendlicher in Ketzin an der Havel.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Dieses Gespräch ist Teil der Serie „Corona-Debatte“. Alle Texte dazu finden Sie hier.

Im Leben von Kindern und Jugendlichen sind zwei Jahre Pandemie eine endlos lange Zeit. Und obwohl schnell klar war, dass das Coronavirus die meisten von ihnen nicht schwer krank machte, belasteten die Corona-Schutzmaßnahmen ihr Leben massiv. Musste das sein? Julian Schmitz, Psychologe und Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, blickt zurück.

Berliner Zeitung: Herr Schmitz, muss unser Umgang mit der Pandemie aufgearbeitet werden?

Julian Schmitz: Ja. Ich glaube, dass es sehr wichtig wäre, insbesondere, was den Umgang mit Familien angeht. Wir sehen, dass viele Familien, viele Kinder und Jugendliche immer noch stark belastet sind durch das, was während der Corona-Pandemie gesellschaftlich passiert ist. Da hätte man sehr viel besser machen können und müssen. Und nun geht es für die Familien, die psychisch erschöpft sind, schon weiter. Die Erkältungs- und Grippewelle führt zu einem hohen Krankenstand in den Schulen, enormer Instabilität, die Belastungssituation hält an.

Wie hängt die aktuell anstrengende Situation mit der Pandemie zusammen?

Seit dem Frühjahr haben verschiedene Fachverbände davor gewarnt, dass wir möglicherweise eine starke Grippesaison erwarten, und dass auch RSV sehr stark wiederkommen könne. Hätte man sich nicht darauf vorbereiten müssen, hätte man nicht mehr Stabilität in Bildung und Betreuung bringen können? Etwa indem man, in dem Wissen, es wird weiter eine hohe Belastung an Schulen geben, die Digitalisierung vorantreibt oder auch den Infektionsschutz aufrechterhält. Viele Lehrkräfte fallen derzeit aus, mit digitalen Medien könnte man Unterricht streamen, damit für die Kinder nicht alles ausfällt. Wir hatten drei Jahre Pandemie, jetzt haben wir wieder ein hohes Infektionsgeschehen an Schulen und wir sind kaum vorbereitet. Das ist für mich ein Zeichen von politischem Versagen.

Zu sagen, der psychische Stress der Kinder liegt nur an Infektionsschutzmaßnahmen, greift einfach zu kurz.

Julian Schmitz

Über die hohe Belastung von Kindern und Jugendlichen wurde in der Pandemie zwar viel geredet, aber getan wurde wenig dagegen.

Der Diskurs wird aus meiner Sicht oft sehr polarisiert geführt: Zum Beispiel über die Frage, ob Schule offen oder geschlossen bleiben müssen. Die einen sagten, die Schulen müssen geschlossen werden, um Kinder vor Infektionen zu schützen. Obwohl wir wissen, dass das psychologisch große Belastungen für Familien mit sich bringt. Aber die Schulen aufzumachen und die Infektionen durchlaufen zu lassen, belastet eben auch viele Familien. Dazu gibt es inzwischen auch gute Forschungsergebnisse. Sie zeigen eindeutig: Lockdowns und Schulschließungen sind psychologisch belastend – aber eine starke Infektionswelle ist es eben auch. Es gibt ebenfalls Daten aus Schweden, die zeigen, dass bei Kindern und Jugendlichen auch dort die Zahl der Selbstverletzungen zugenommen hat, ein Anzeichen für psychische Belastung. Obwohl es in Schweden fast keine Infektionsschutzmaßnahmen für Kinder gab.

Was hat die schwedischen Kinder unter Druck gesetzt?

In Schweden wurde zu Beginn der Pandemie in einer Studie auch erfasst, wie viele Sorgen sich Kinder um Corona oder eine Corona-Infektion machten. In den Daten konnte man sehen, dass auch schwedische Kinder die Pandemie nicht kaltgelassen hat. Obwohl man in Schweden ja anders kommuniziert hat als in Deutschland. Das zeigt, dass eine Pandemie an sich psychischen Stress macht. Wenn Menschen in Familien krank werden, wenn Lehrkräfte krank werden, wenn Kinder krank werden, destabilisiert das die psychische Gesundheit. Es sind ja auch Großeltern oder Eltern gestorben. Zu sagen, der psychische Stress der Kinder liegt nur an Infektionsschutzmaßnahmen, greift einfach zu kurz.

Die Leere in der Pandemie: Eine Frau beobachtet ihr Kind in Hohenschönhausen. 
Die Leere in der Pandemie: Eine Frau beobachtet ihr Kind in Hohenschönhausen. Sebastian Wells/OSTKREUZ

Wenn sowohl die Pandemie selbst wie auch die Maßnahmen die Kinder unter Stress setzen, wie kann man es dann überhaupt einfacher für sie machen?

In der Pandemie gab es immer wieder Stellungnahmen von Fachleuten zu diesem Thema. In einer interdisziplinären Stellungnahme von mehr als 40 Fachverbänden haben wir etwa schon früh gesagt: Es ist falsch, immer nur die Frage zu stellen: Infektionsschutz oder psychische Gesundheit? Man muss immer beides gemeinsam denken. Wenn Infektionsschutzmaßnahmen notwendig sind, dann müssen wir immer auch dafür sorgen, die sekundären Effekte dieser Maßnahmen möglichst gut abzupuffern. 

Was ist konkret schiefgelaufen?

Es war zum Beispiel desaströs, dass bestimmte Kinder am Anfang der Pandemie gar keine Notbetreuung bekamen. Die Notbetreuung orientierte sich nur an wirtschaftlichen Kriterien wie dem Beruf der Eltern. Kinder von Patentanwälten durften sie in Anspruch nehmen, aber es reichte nicht aus, dass ein Kind in psychotherapeutischer Behandlung war und die Therapeutin bescheinigte, dass der Kitabesuch wichtig ist. So etwas muss aber unbedingt beachtet werden.

Infobox image
Zur Person
Prof. Dr. Julian Schmitz ist Diplom-Psychologe und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. An der Universität Leipzig leitet er die Forschungsgruppe Klinische Kinder- und Jugendpsychologie sowie die Psychotherapeutische Hochschulambulanz für Kinder und Jugendliche.

Waren Sie als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut manchmal entsetzt über den Umgang mit den Jüngsten in der Pandemie?

Es war für mich oft unverständlich, dass nicht interdisziplinär auf die Situation von Kindern und Familien geschaut wurde. Man hätte besonders sozial gefährdete Kinder im Distanzunterricht und während Schulschließungen viel besser betreuen können und müssen. Und im letzten Winter waren die Schulen dann offen, man hat suggeriert, jetzt wird alles gut, aber tatsächlich waren dann Millionen Kinder in Quarantäne und Isolation, ohne jegliches psychosoziales Konzept dafür. Das war oft wie ein individueller Ketten-Lockdown. Das erste Kind einer Familie musste in Quarantäne, das zweite Kind, die Eltern, und so weiter. Wir wissen aus Studien, dass Quarantäne und Isolation psychisch wahnsinnig belastend sind.

War die Isolationspflicht für Kinder falsch?

Die Notwendigkeit von Infektionsschutzmaßnahmen müssen Virologen und Epidemiologen einschätzen. Aber es gab Konzepte, wie man Familien in dieser Zeit unterstützen könnte, und davon wurde nichts umgesetzt. Wir wissen, dass ein einfacher Anruf einmal am Tag, von der Schule zum Beispiel, eine Reduktion der Belastung mit sich bringt. Was mich immer fassungslos gemacht hat, ist, dass man nicht versucht hat, individuelle Lösungen zu finden. Auch in diesem Winter sind ja alle wieder vollkommen unvorbereitet. An vielen Schulen und Kitas herrscht Chaos.

Jetzt sind die Kinder wieder zu Hause.

Ja, und das in Familien, die schon drei Jahre Pandemie auf dem Buckel haben. Ich habe mich mit einem befreundeten Lehrer unterhalten, der hat gesagt, von 30 Kindern in seiner Klasse waren gerade fünf da. Die Kinder haben Lerndefizite, es ist für sie jetzt eine ganz andere Situation, ein destabiles Bildungssystem zu haben, als 2020.

War es damals weniger schlimm als heute?

Im ersten Lockdown gab es schon auch einige Familien, für die es eine positive Situation war, gemeinsam zu Hause zu sein. Das zeigen Studien. Nach drei Jahren Pandemie sind bei vielen Familien die Ressourcen und die Widerstandskraft aber aufgebraucht.

Das war die Zeit, in der in Deutschland sogar Spielplätze abgesperrt wurden und davor gewarnt wurde, mit den Kindern rodeln zu gehen, weil am Berg zu viele Menschen sind. Hat man den Kindern zu viel Angst gemacht?

Man würde vermutlich jetzt sagen, das Absperren von Spielplätzen war zu hart. Und natürlich sage ich als Psychotherapeut, für Kinder ist das Spielen draußen total wichtig. Aber man hat diese Entscheidung vielleicht damals getroffen, weil man es nicht besser wusste, weil man fürchtete, dass auch dort Ansteckung stattfindet. Was ich absolut unverständlich fand, ist, dass das Wohl von Kindern und Jugendlichen nicht an erste Stelle gesetzt wurde: 2021 sind beispielsweise Frisörläden früher wieder geöffnet worden als Schulen.

Wenn man Kinder fragt, was sie in der Pandemie belastet hat, sprechen viele von Hobbys, die verloren gegangen sind.

Schule ist häufig etwas Ambivalentes, daher waren Kinder und Jugendliche nicht nur traurig, dass sie nicht stattgefunden hat. Aber die schönen Sachen sind alle auch weggefallen. Viele Jugendliche sagen, in einer wichtigen Lebensphase wurde die Pausentaste gedrückt. Erlebnisse und Begegnungen sind ausgefallen, die sich nicht mehr nachholen lassen. Das macht viele Kinder und Jugendliche zu Recht traurig.

Wenn Eltern eher Maßnahmen ablehnten, waren die Kinder teilweise psychisch weniger stark belastet

Julian Schmitz

Womit hatten Kinder und Jugendliche in der Pandemie am meisten zu kämpfen?

Auch dazu gibt es gute Studien. Aus Deutschland, auch wir haben eine gemacht, aber auch aus Schweden. Die größten Belastungen waren laut unserer Studie der schlechte Digitalunterricht, das Abgehängtsein in der Schule, das Wegbrechen von sozialen Kontakten, von Freizeitaktivitäten. Der Verlust an Aktivität, Freude und Tagessstruktur. Am stärksten haben bei Kindern und Jugendlichen depressive Symptome zugenommen. Stress zu Hause war eine Belastung, aber auch Infektionssorgen haben eine Rolle gespielt.

Sie forschen in Sachsen, viele Menschen haben dort gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert, es gab große gesellschaftliche Spannungen. Wie wirkte sich das auf Kinder aus?

Es gibt Daten aus Sachsen, aus der großen SAXO-COV-Studie. Da hat man auch erfasst, inwieweit Kinder dadurch beeinflusst sind, wie Maßnahmen und Impfungen ein Thema in den Familien sind. Ein Ergebnis war: Wenn Eltern eher Maßnahmen ablehnten, waren die Kinder teilweise psychisch weniger stark belastet. 

Wie erklärt sich das?

Die Kinder hatten das Gefühl, dass die Pandemie an sich weniger bedrohlich ist. Für ihre Eltern und für sie gab es gefühlt eine geringere Gefahr durch die Pandemie.

Haben Kinder untereinander gestritten?

Mir sind keine großen Konflikte aus Schulen bekannt, ich glaube nicht, dass es ein Massenphänomen war, dass Kinder großartig über Maßnahmen gestritten haben. Als sie sich testen mussten und Maske tragen, haben es die meisten gemacht. Als die Pflicht weggefallen ist, haben es die wenigsten Kinder freiwillig gemacht. Es gibt Studien, die zeigen, dass die meisten Kinder natürlich lieber keine Maske tragen. Das ist ja auch einleuchtend.

Es wird viel darüber gestritten, ob es Kindern in ihrer Entwicklung schadet, Masken zu tragen. Wie beurteilen Sie das?

Es ist fachlicher Konsens in der Psychologie, dass das Tragen von Masken keine signifikanten negativen Folgen für Kinder gehabt hat. Es gibt Laborstudien, die zeigen, dass es Kindern etwas schwerer fällt, Emotionen zu erkennen, wenn ihr Gegenüber Maske trägt. Aber daraus kann man nicht ableiten, dass die Kinder dann gar nicht mehr lernen, Emotionen zu erkennen oder dass sie gar entwicklungsverzögert werden. Da muss man sich vermutlich keine Sorgen machen. Dennoch gibt es Kinder, für die die Masken eine Herausforderung waren.

Für welche Kinder es schwierig, Maske zu tragen?

Kinder, die eine Entwicklungsstörung haben, etwa Probleme beim Sprechenlernen. Da gibt es Studien, die zeigen, dass Masken es ihnen noch schwerer gemacht haben. Man muss in diesen ganzen Debatten differenzieren, dafür plädiere ich immer. 

Wo muss man noch differenzieren?

Homeschooling hatte für manche Kinder desaströse Folgen, für andere war es gar nicht schlecht, vielleicht sogar besser als der Unterricht in der Schule. Infektionsschutz ist wichtig, aber man muss darüber sprechen, dass bestimmte Gruppen von Kindern eben besonders unter Schutzmaßnahmen gelitten haben.

Die 2G-Regelung hat sich auch auf Kinder negativ ausgewirkt, das kann man nicht wegdiskutieren

Julian Schmitz

Sie hielten viele Corona-Maßnahmen für richtig, schrieben aber kürzlich auf Twitter, es sei falsch gewesen, von einer „Pandemie der Ungeimpften“ zu sprechen.

Ja, ich hielt das nie für sachdienlich. Ich kenne in meinem persönlichen Umfeld Menschen, die sich nicht haben impfen lassen, weil sie Angst davor hatten und haben. Darunter Menschen, die vorerkrankt sind und sich sorgten, wie ihr Körper auf diese neuen Impfstoffe reagiert. Das kann ich nachvollziehen. Es gab ja auch Impfstoffe, die wieder vom Markt genommen wurden wegen seltener, schwerer Nebenwirkungen. Zu polarisieren und zu sagen: Menschen, die Angst hatten, haben die Gesellschaft tyrannisiert – ich finde, das ist unfair.

Haben Kinder und Jugendliche unter den 2G-Regeln gelitten, die Ungeimpfte vor einem Jahr vom öffentlichen Leben weitgehend ausschlossen?

Die Regelung hat sich auch auf Kinder negativ ausgewirkt, das kann man nicht wegdiskutieren. Es gab punktuell auch 2G für Jugendliche, in manchen Bundesländern. Das hat Jugendliche, die ungeimpft waren, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Was man aber auch nicht vergessen darf: Jüngere Kinder, deren Eltern nicht geimpft waren, kamen auch überall dort nicht mehr rein, wo man als Kind begleitet werden muss. Ins Kino, ins Schwimmbad, in den Zoo.

Zieht man mit differenzierten Positionen in der Corona-Debatte nicht Ärger von allen Seiten auf sich?

Sich zum Thema Corona auf Social Media zu äußern, bedeutet fast immer, mit Anfeindungen konfrontiert zu sein. Auch journalistisch verkaufen sich stark zugespitzte Positionen vermutlich besser. Man darf aber Social Media nicht mit dem realen Leben verwechseln. Aber wenn man miteinander ins Gespräch kommt, erlebe ich immer wieder, dass viele Menschen eine ausgewogenere Position haben.

Glauben Sie, dass wir in der nächsten Pandemie besser darauf schauen, wie es Kindern und Jugendlichen geht?

Nein, leider sehe ich da eher schwarz. Schauen wir auf den Bericht des Sachverständigenausschusses zur Evaluierung der Coronamaßnahmen. An das Thema der Schulschließungen und den Umgang mit Familie hat er sich gar nicht herangewagt, sondern gesagt, das müsse mit Expertise für Kinder und Jugendliche extra evaluiert werden. Passiert ist dann nichts. Stattdessen gibt es die aktuelle Infektionswelle, die nächste schwere Zeit für Familien. Und wieder einen stark polarisierten Diskurs.