Bitte nur mit Mund-Nasen-Bedeckung: Hinweis an einem Supermarkt. 
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BerlinEinen Monat hat es gedauert, bis die Stellungnahme der Leopoldina zur Coronavirus-Pandemie mit Blick auf den Herbst und Winter fertig war. Für eine wissenschaftliche Akademie ist das atemberaubend schnell. Besondere Zeiten machen es möglich. Jutta Mata, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Mannheim, gehörte dem 29-köpfigen Gremium an – und erklärt, wie sehr es in den kommenden Monaten auf den Faktor Mensch ankommt.

Frau Professor Mata, was ist in der jetzigen Pandemie-Phase die wichtigste Botschaft für die Bürger?

Es liegt an uns. Denn rein theoretisch betrachtet gilt: Wenn sich alle Menschen an alle Maßnahmen halten würden, dann hätten wir keine Pandemie mehr.

Das klingt irgendwie zu einfach.

Es ist ja auch nur ein Gedankenexperiment. Aber es zeigt, wie zentral der Faktor Verhalten ist. Verhalten ist die wichtigste Stellschraube. Maske tragen und Stoßlüften – das sind Maßnahmen, die in unserer Hand liegen und die viel bewirken. Im Herbst und Winter werden sich die Bedingungen deutlich verschlechtern, deshalb müssen wir jetzt vorsorgen. Bei der Pandemie handelt es sich um ein sehr dynamisches System. Wenn wir nicht rechtzeitig eingreifen, kann es passieren, dass sich bestimmte Entwicklungen nicht mehr aufhalten lassen und wir fahren – salopp gesagt – das Ding vor die Wand.

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Zur Person

Jutta Mata (42) ist seit September 2015 Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Mannheim und leitet außerdem das Mannheim Center for Data Science. Darüber hinaus ist sie assoziierte Wissenschaft­lerin im Fach­bereich Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungs­forschung in Berlin. 

Die gebürtige Berlinerin hat an der Humboldt-Universität Psychologie studiert. Geforscht hat sie danach unter anderem an der Stanford University in den USA, der Universität Lissabon in Portugal und der Universität Basel in der Schweiz.

Das Verhalten ist derzeit aber ein großes Problem. Zumindest gibt es Teile der Bevölkerung, die all diese Corona-Schutzmaßnahmen nicht mehr befolgen wollen.

Ich habe den Eindruck, dass die Corona-Kritiker in den Medien sehr viel Raum bekommen – zum Teil wohl, weil es ein journalistisches Prinzip ist, verschiedene Positionen darzustellen. Dabei verliert man schnell aus dem Blick, dass auf einen Skeptiker oft 99 Menschen kommen, die die Realität sehr wohl anerkennen. Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung steht ja hinter den Maßnahmen, das zeigen diverse Umfragen und Erhebungen.

Es wird in den kommenden Monaten aber auch die Frage sein, ob die Mehrheit motiviert bleibt. Wie lässt sich das fördern?

In der Stellungnahme ist die Rede davon, verantwortungsvolles Verhalten zu erleichtern. Das ist eine komplexe Angelegenheit. Verhalten ist das Ergebnis von Kompetenz, Möglichkeit und Motivation. Es geht weiterhin darum, Wissen zu vermitteln, aber vor allem auch um Metawissen: Jeder Einzelne sollte nicht nur wissen, was er tun kann, sondern auch, wie er es tun kann. Mit Möglichkeit ist gemeint, die Bedingungen zu schaffen, die verantwortungsvolles Verhalten fördern. Also zum Beispiel Desinfektionsmittel und Masken leicht verfügbar zu machen. Und bei der Motivation geht es um das Warum – ich muss verstehen, was es bringt, wenn ich eine bestimmte Verhaltensregel befolge. Für die Motivation ist aber auch wichtig, Unsicherheiten zu kommunizieren.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Ich war verwundert, als anfangs gesagt wurde, Masken seien gar nicht wichtig. Die Begründungen haben mir nie ganz eingeleuchtet. Dann gab es neue Erkenntnisse zu den Übertragungswegen und zur Wirkung der Masken verbunden mit der Empfehlung, Masken zu tragen. So ein Wechsel führt oft zu Unmut und zu dem Gefühl, dass Politiker und Wissenschaftler nicht wissen, was sie tun. Deshalb sollten Unsicherheiten offen angesprochen werden – und gesagt werden, dass die Empfehlungen sich nach dem besten aktuellen Wissensstand richten, sich dieser aber ändern kann.

In Berlin und anderswo gab es illegale Raves und große Partys. Wie lassen sich die jungen Menschen zu verantwortungsvollem Verhalten motivieren?

Die jungen Menschen tun mir in der Seele leid. Das sind so prägende Jahre, in denen es besonders um Freundschaften und gemeinsame Erlebnisse geht. Ich verstehe, dass sie ungeduldig sind und sich nach Festivals, Konzerten und Partys sehnen. Wichtig ist, dass wir jetzt nicht Jung gegen Alt ausspielen. Es gibt ja auch Maßnahmen, von denen eher die Jungen profitieren, etwa die Pop-up-Radwege. Für ältere Menschen, die generell mehr Auto fahren, sind die vielleicht auch eine Art Opfer.

Weiß man schon etwas über die psychischen Folgen der Pandemie? In der Stellungnahme heißt es, die müssten abgemildert werden.

Die bislang vorliegenden Studien zeigen, dass in bestimmten Bevölkerungsgruppen Ängstlichkeit und Depressionen angestiegen sind und beim Wohlbefinden gibt es Verschlechterungen. An der Universität Mannheim haben wir zum Beispiel im Rahmen des German Internet Panels 3500 Personen ab dem 20. März 2020 Woche für Woche befragt. Gerade ist die erste Auswertung zu psychischen Folgen als Preprint veröffentlicht. Darin zeigen wir, dass im Lockdown vor allem bei Frauen vermehrt Ängstlichkeit aufgetreten ist, besonders stark auch bei Alleinerziehenden und Menschen mit unsicheren Arbeitsverhältnissen. Einen Monat später hatte sich das wieder etwas normalisiert. Es gibt also durchaus bedenkliche Effekte, aber es ist bei weitem nicht so, dass ein Großteil der Allgemeinbevölkerung jetzt eine Angststörung hat. Zugleich muss man sich klar machen, dass solche Studien die Effekte unterschätzen. Denn Menschen, denen es sehr schlecht geht, nehmen erst gar nicht an solchen Befragungen teil. Es ist also wichtig, psychotherapeutische und Beratungsangebote jetzt zu verstärken.

Was ist mit den sozialen Folgen?

Die Pandemie wirkt wie ein Katalysator für soziale Ungleichheit: Was vorher schon ungleich war, wird verstärkt. Frauen fangen die Belastungen durch die Pandemie stärker auf als Männer und vernachlässigen ihr berufliches Fortkommen. Die mit den gut bezahlten Jobs können von zu Hause arbeiten, andere müssen jeden Tag zur Arbeit und sind damit auch einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. Bei Kindern ist es auch offensichtlich. Sie sind mehr als sonst auf die Ressourcen der Eltern angewiesen – psychisch, edukativ und finanziell. Hilfe beim Lernen, digitale Ausstattung, aber auch ein warmes Familienumfeld sind im Homeschooling viel entscheidender für den Schulerfolg. Diese katalytischen Wirkungen der Pandemie muss die Politik unbedingt im Blick behalten und wo es geht abmildern.

In der Stellungnahme steht, dass körperliche Bewegung wichtig sei. Warum?

Es ist einfach, für alle verfügbar und äußerst wirksam: Wer drei bis fünf Mal pro Woche für 30 bis 45 Minuten Sport macht – und zwar in der Intensität so, dass man noch sprechen kann, aber nicht mehr singen –, reduziert die Wahrscheinlichkeit, an einer Erkältung zu erkranken, mindestens um die Hälfte. Das zeigen diverse Studien. Bewegung stärkt aber nicht nur immunologisch sondern genauso seelisch. Aktivität im Freien sollte also unbedingt weiterhin auf dem Wochenplan stehen – auch wenn es jetzt draußen kälter und ungemütlicher wird.

Das Gespräch führte Anne Brüning.