Was wird aus unserer Welt? Der Klimawandel ist eine große Herausforderung, vor allem für die junge Generation.
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Berlin/HeidelbergEigentlich wollte der Psychosomatik-Experte Christoph Nikendei, Professor am Universitätsklinikum Heidelberg, kürzlich  in Berlin über das Thema „Klimawandel und Psyche“ sprechen. Doch der Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie wurde abgesagt. Darum hat Nikendei Phänomene wie Eco-Anxiety sowie die Analogien von Corona- und Klima-Krise der Berliner Zeitung am Telefon erläutert. 

Herr Professor Nikendei, wird die Corona-Krise das Thema Klima für längere Zeit verdrängen?

Wir müssen aktuell natürlich erst einmal an die vielen Menschen denken, die gerade in einer sehr belastenden Situation sind: die krank sind, im Gesundheitswesen arbeiten oder ganz reale finanzielle Sorgen haben. Auch wir hier in der Klinik sind gerade sehr damit beschäftigt, uns neu zu organisieren. Trotzdem ist der Klimawandel natürlich nach wie vor ein wichtiges Thema.  Zudem gibt es zwischen der Corona-Pandemie und der Klimakrise auch sehr viele Analogien, aus denen wir lernen können.

Welche sind das zum Beispiel?

Für die Eindämmung des Klimawandels ist es von großer Bedeutung, dass wir zu einer neuen Art von Solidarität finden, wie wir sie auch in der aktuellen Situation brauchen. In beiden Fällen ist es unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht das Glück des Einzelnen in den Mittelpunkt zu stellen, sondern zu schauen, welches Verhalten für die Gesamtheit verträglich ist. Es geht darum, andere Menschen zu schützen, für die es womöglich nicht ausreichend Beatmungsgeräte gibt. Andererseits erleben wir gerade auch Menschen, die nur schauen: Was ist mir selbst am nächsten? Dies ist in der Klimakrise genauso und wird sich in dieser weiter zuspitzen.

Sie beschäftigen sich mit den psychischen Auswirkungen des Klimawandels. Welche sind das?

Bei vielen Menschen, die sich intensiv mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzen, führt das zu einer großen Sorge und Trauer um diese unsere Erde. Die ungewisse Frage: „Wird die Welt um mich herum noch so bestehen, wie sie ist?“ kann starke Ängste auslösen. Und wenn Menschen dann noch generell sehr ängstlich sind, sich selbst nicht so gut inneren Halt geben können oder wenig sozialen Halt haben, und sich dieser Situation hilflos gegenüber sehen, können sie behandlungsbedürftige Angstsymptome entwickeln.

Foto: Medienzentrum/Universitätsklinik Heidelberg
Zur Person

Christoph Nikendei (48) ist Leitender Oberarzt an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg. Er hat in diesem Bereich auch eine außerplanmäßige Professur an der Universität Heidelberg inne.

Der Mediziner ist außerdem Ärztlicher Leiter der Geflüchtetenambulanz des Zentrums für Psychosoziale Medizin in Heidelberg und er leitet das Heidelberger Institut für Psychotherapie. Nikendei hat an der Universität Tübingen Medizin studiert. Geboren wurde er in Ravensburg.

Forschungsthemen sind Traumafolgestörungen, sekundäre Traumatisierung sowie Psychotherapieforschung. Nikendei beschäftigt sich zudem mit dem Erwerb von Gesundheitskompetenz und dem autobiografischen Gedächtnis bei psychosomatischen Erkrankungen.

Gibt es Erkenntnisse dazu, wie verbreitet diese Ängste sind?

Es gibt noch keine epidemiologischen Studien, die zeigen, wie häufig dieses Phänomen der in der Literatur als Eco-Anxiety bezeichneten Angststörung ist. Es gibt aber einzelne Untersuchungen, die berichten, dass vermehrt Menschen in die psychotherapeutischen Praxen kommen, die sich sehr mit diesen Sorgen beschäftigen. Es sind vor allem junge, weibliche Patientinnen mit hohem Bildungsgrad, die aufgrund dieser Sorgen psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Diese Ängste äußern sich auch bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen. Wie prägt es eine junge Generation, wenn sie in eine ungewisse Zukunft schaut?

Ich glaube, dass diese Herausforderung für die junge Generation extrem ist. Einerseits bekommt sie vermittelt, dass ihr noch die großen Verlockungen und Möglichkeiten dieser Welt offenstehen. Andererseits weißt sie aber auch, dass ungebremstes Reisen und ungezügelter Konsum nicht mit einer Bewältigung der Klimakrise zu vereinbaren sind. Dies zu integrieren, ist eine große psychische Herausforderung. Es ist unsere Aufgabe, diese Frustration zu begleiten. 

Wie kann man die junge Generation psychisch unterstützen?

Entscheidend ist, wie widerstandsfähig jemand in einer Krise ist. Wie viel Ressourcen hat die Person, auf welche Bewältigungsmechanismen kann sie zurückgreifen? Als wichtigste Ressource ist die soziale Unterstützung in persönlichen Kontakten und in der Gruppe zu nennen. Wir müssen sprechen, wir müssen in die Handlung gehen, um uns nicht als ausgeliefert, sondern selbstwirksam zu erleben. Das ist entscheidend für die Bewältigung. Zudem bedeutet in der Psychotherapie die Hinwendung zu etwas Neuem auch den Abschied und die Betrauerung von etwas, was wir verlassen. Dies bedeutet anzuerkennen, dass Dinge nicht mehr so sind wie früher. Das ist der schmerzhafte Teil, den wir alle auch als Gesellschaft zu bewältigen haben. Aber auch dadurch können wir wieder zu neuer Handlungsfähigkeit finden.

Wie kann das konkret aussehen?

Indem man dem Alten neue Werte entgegensetzt. Wenn wir zum Beispiel jetzt in der Corona-Krise erleben, dass es sehr erfüllend sein kann, im kleinen Kreis zu Hause zusammen zu sein, ohne dabei groß konsumieren zu müssen, dann kann aus Maßhalten eine neue Wertigkeit erwachsen. Eine Krise wünscht man niemandem. Aber wenn sie eintritt, kann man daraus tatsächlich etwas lernen, das einen weiterbringt. Das scheint erst einmal irritierend, denn wir erleben in der Corona-Krise möglicherweise auch Spannungen in der Familie, die wir zunächst überwinden müssen, so dass dann auch Begegnung stattfinden kann, Raum für Kreativität geschaffen wird. Wir erleben uns als selbstwirksam, wenn wir Neues ausprobieren und lernen, etwa im Bereich des digitalen Unterrichts.

Andere Teile der Welt werden viel stärker von den Klimaveränderungen betroffen sein als wir. Was bedeutet das für die Menschen dort?

Global gesehen werden zu den 70 Millionen Geflüchteten, die es aktuell auf der Welt gibt, bis zum Jahr 2050 laut den Zahlen der Weltbank noch 140 Millionen Klimaflüchtlinge hinzukommen. Untersuchungen – zum Beispiel nach dem Hurrikan Katrina in den USA – zeigen, dass etwa 30 Prozent der von einer Umweltkatastrophe betroffenen Menschen schwere Traumafolgestörungen entwickeln. Diese Erkrankungen bringen schweres Leid mit sich, und der Zugang zu einer adäquaten traumaspezifischen Versorgung und Therapie steht nur in Ländern mit einem funktionierenden Gesundheitssystem zur Verfügung. Das Gute ist: Wir haben noch die Möglichkeit, die CO2-Emissionen in den nächsten Jahren unter Aufwendung aller Anstrengungen auf Null zu senken, um das im Pariser Klimaabkommen festgelegte 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen.

Dafür müsste es ein großes Umdenken bei allen geben. Wie kann man das fördern?

Das üben wir gerade in der Corona-Krise. Es wäre ein großer Gewinn, wenn wir diese Bewusstheit und Achtsamkeit, die wir jetzt praktizieren, auch weiterhin beibehalten könnten. Wenn ich gleich meinen Arbeitsplatz verlasse, desinfiziere ich meine Hände, wenn ich unterwegs Menschen begegne, halte ich Abstand. Das ist eine Bewusstheit, die aus einem Verantwortungsgefühl für alle erwächst, die auch für die Bewältigung der Klimakrise ganz entscheidend ist. Mit der gleichen Achtsamkeit werde ich mich auch fragen: Kann ich alternative Verkehrsmittel benutzen, wenn ich zu einem Termin fahre? Kann ich etwas gebraucht kaufen statt neu? Muss ich unbedingt jeden Tag Fleisch essen? Ich kann mir das genauso antrainieren, wie mich im Auto anzuschnallen. Das machen wir schließlich auch ganz automatisch.