Tilburg - Weinen ist eine urmenschliche Eigenschaft. Schätzungen dazu, wie viele Tränen ein Mensch im Laufe seines Lebens vergießt, schwanken zwischen 70 und 100 Litern oder zwischen 4,2 und 5 Millionen Tränen. Trotz dieser wahren Tränenströme ist die Forschung in diesem Bereich überraschend überschaubar. So stellt eine Übersichtsarbeit, deren Ergebnisse im Fachblatt „Psychotherapy“ veröffentlicht wurden, jüngst fest, dass das Thema „von Verhaltenswissenschaftlern und Medizinern erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhalten“ habe und sich „die empirische Forschung zum emotionalen Weinen noch im Anfangsstadium“ befinde.

Ad Vingerhoets, einer der Hauptautoren der Studie, vermutet eine Fehleinschätzung als Ursache des wissenschaftlichen Desinteresses: „Tränen werden oft nur als Kennzeichen von Traurigkeit gesehen.“ Für den Psychologen der niederländischen Tilburg University, der seit 20 Jahren zu der Frage forscht, warum Menschen weinen, stellen diese aber eine ganz eigene Form von Kommunikation dar: „Sie enthalten nicht nur viele Informationen über unseren derzeitigen Zustand, sondern auch über uns als Person.“

Zumindest als Reaktion auf heftige Gefühle scheint nur der Mensch Tränen fließen zu lassen. Zwar gibt es immer wieder Berichte über weinende Tiere, etwa Schafe auf der Schlachtbank oder Elefanten unter Stress. Aber bislang konnte wissenschaftlich nicht geklärt werden, ob mit diesem Weinen auch Emotionen verbunden sind. Selbst die sprichwörtlichen Krokodilstränen vergießen die Reptilien nur, weil sie beim Fressen heftig schnaufen. Dabei wird Luft so stark durch die Nasenhöhlen gepresst, dass sie die Tränendrüsen zum Entleeren bringt – ähnlich wie ein Mensch beim Gähnen manchmal feuchte Augen bekommt.

Emotionale Tränen enthalten mehr Proteine als Reflextränen

Neben den emotionalen Tränen, die bei Trauer, Verlust oder Freude fließen, sind der Wissenschaft zwei weitere Arten menschlicher Tränen bekannt: reflektorische Tränen, die durch Reize von außen entstehen, etwa beim Zwiebelschälen oder durch Wind, sowie basale Tränen. Letztere werden gebildet, um das Augen zu befeuchten und zu reinigen. Alle drei Tränenarten bestehen aus Wasser, Elektrolyten und Proteinen – allerdings in unterschiedlicher Konzentration. So enthalten emotionale Tränen mehr Proteine als Reflextränen, zudem höhere Anteile des Hormons Serotonin, des Spurenelements Mangan und des Mineralstoffs Kalium sowie bei Frauen des Hormons Prolaktin.

Eine mögliche Antwort auf die Frage, warum wir Menschen weinen, lautet: Manipulation. In einer Studie berichtete eine britische Forscherin 2007, dass bereits sechs Monate alte Babys taktisches Weinen einsetzten, um die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu ziehen. In eben jener Lebensphase liegt für Vingerhoets eine mögliche evolutionäre Erklärung für emotionale Tränen: Wissenschaftler seien sich einig, dass das menschliche Weinen auf sogenannte „Trennungsrufe“ zurückgehe, die bei allen Säugetieren und vielen Vögeln beobachtet werden können.

Beim menschlichen Nachwuchs komme zum akustischen Rufen, das in alle Richtungen ausgestrahlt werde, nach etwa einem Monat das visuelle Signal der Tränen hinzu. Jene Ergänzung sei evolutionär sinnvoll, da menschliche Babys, die besonders lange stark abhängig von Erwachsenen seien, auf diese Weise still auf sich aufmerksam machen könnten, ohne potenzielle Aggressoren anzulocken.

Allerdings weinen Menschen noch im Erwachsenenalter, lange nachdem sie diese kindliche Form der Hilflosigkeit hinter sich gelassen haben. Als Auslöser für diese Tränen nennt Vingerhoets eine ganze Reihe von Ursachen, etwa Verlust, Konflikte, Einsamkeit, Niederlagen, Hilflosigkeit und Schmerzen. Mit der Zeit erhalte jeder dieser negativen Auslöser ein positives Gegenstück, das ebenso zum Weinen bringen könnte. So stünde etwa dem Verlust oder dem Tod die Geburt eines Kindes entgegen, der Trennung eine Heirat oder Wiedervereinigung.

„Jene positiven Tränen könnten mit einem Gefühl der Überwältigung zusammenhängen, was letztendlich auch eine Form von Hilflosigkeit ist“, mutmaßt der Psychologe. Gleichzeitig verändere sich mit der Zeit die Bedeutung der Auslöser: Während Verlust und Hilflosigkeit als Ursachen über das ganze Leben wichtig blieben, würden physische Schmerzen mit dem Alter immer weniger zum Weinen führen.

Frauen weinen im Schnitt etwa vier bis fünf Mal häufiger

Und es gibt geschlechtsspezifische Differenzen: Nach Angaben der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) weinen erwachsene Männer 6 bis 17 Mal pro Jahr. Frauen hingegen kommen auf 30 bis 64 Mal – also im Schnitt etwa vier bis fünf Mal häufiger. Auch unterscheide sich die Länge des Weinens: Während Männer zwei bis vier Minuten lang die Tränen kullern ließen, seien es bei Frauen sechs Minuten. Diese Differenzen entstehen erst mit dem Älterwerden; ungefähr bis zum 13. Lebensjahr weinen Jungen und Mädchen gleich viel und aus den gleichen Gründen.

Positive Tränen könnten mit einem Gefühl der Überwältigung zusammenhängen, was letztendlich auch eine Form von Hilflosigkeit ist

Ad Vingerhoets, Psychologen an der niederländischen Tilburg University

„Bei den großen Auslösern für Tränen – Trauer, Heimweh, Liebeskummer – sehen wir kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen“, erläutert Vingerhoets. In Alltagssituationen gebe es aber markante Differenzen: „Alltägliche Probleme, Kritik und vor allem Konfliktsituationen führen bei Frauen zu Tränen, nicht aber bei Männern.“ Zum Teil könne dies auf ein internalisiertes Gefühl der Machtlosigkeit bei Frauen zurückzuführen sein. Umgekehrt hätten Männer oft Angst vor dieser Emotion und würden entsprechende Situationen meiden.

Eine weitere Rolle spiele die unterschiedliche Erziehung, in der Tränen bei Jungen weniger akzeptiert seien. „Und schließlich könnte das Testosteron beim Mann dafür sorgen, dass die Schwelle für das Weinen höher ist“, zählt der Psychologe auf. Diesen hormonellen Zusammenhang würden mehrere Studien nahelegen. Für fraglich hält Vingerhoets indes das Resultat einer israelischen Untersuchung, der zufolge der Testosteron-Spiegel bei Männern sinke, wenn sie Frauentränen riechen. „Wir haben erfolglos versucht, die Studienergebnisse mit einer größeren Zahl an Teilnehmern zu reproduzieren“, so Vingerhoets.

Weinen zu unterdrücken ist nicht ungesund

Der Psychologe zweifelt auch an der vermeintlich heilsamen Kraft der Tränen: „Damit sich Menschen nach dem Weinen besser fühlen, müssen verschiedene Faktoren erfüllt sein, so etwa ein stabiler mentaler Gesamtzustand.“ Mehreren Studien zufolge würden beispielsweise depressive Menschen Weinen nicht als hilfreich erleben. Daneben spielten auch die Auslöser eine Rolle: „Weinen aufgrund einer unkontrollierbaren Situation wie dem Tod eines nahestehenden Menschen verschafft keine Erleichterung.“

Am wichtigsten sei aber die Reaktion von außen: „Natürlich fühlt man sich besser, wenn man von seinem Umfeld emotionale Unterstützung bekommt.“ Nicht zuletzt seien mit den Tränen häufig andere Bewältigungsstrategien verbunden: „Dann haben aber im Zweifel das Schokoeis, das ich mir gegönnt habe, und die Zeit, die verstrichen ist, geholfen und nicht das Weinen.“

Weinen aufgrund einer unkontrollierbaren Situation wie dem Tod eines nahestehenden Menschen verschafft keine Erleichterung

Psychologe Ad Vingerhoets

Der Glaube, dass Weinen befreie, ist auch auf eine Veröffentlichung des US-amerikanischen Biochemikers William Frey zurückzuführen, der Anfang der 1970er Jahre behauptete, Tränen würden vor allem Stresshormone aus dem Körper spülen und so entlasten. Mehrere Studien widerlegten diese Aussage: Zwar sei es möglich, über Tränen bestimmte Substanzen auszuscheiden, doch sei die Menge vernachlässigbar, schreibt etwa die Medizinerin Elisabeth Messmer von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität in einer Überblicksarbeit zum Thema. Entsprechend glaubt Ad Vingerhoets auch nicht, dass es ungesund sei, Weinen zu unterdrücken. Dies gelte nur dann, wenn das generelle Unterdrücken von Emotionen Ausdruck eines grundlegenderen Persönlichkeitsproblems sei.

„Die alten Griechen sagten, dass nur gute Menschen weinen“

Tatsächlich habe ein Vergleich zwischen Menschen, die nie oder selten weinen, mit solchen, bei denen öfter Tränen fließen, keine Unterschiede im Wohlempfinden ergeben. Differenzen zeigten sich insofern, als dass Weinende sich empathischer fühlten sowie mehr soziale Unterstützung erführen – eine Beobachtung, die Vingerhoets einen weiteren Hinweis auf die Funktion des Weinens gibt: „Tränen verbinden und bilden einen sozialen Klebstoff.“ Noch nicht beantwortet sei indes, was beim emotionalen Weinen genau im Gehirn passiere. Ebenso sei offen, ob sich positive Tränen qualitativ von negativen unterschieden.

Vingerhoets würde gerne auch die Persönlichkeit von Menschen, die regelmäßig weinen, in den wissenschaftlichen Fokus nehmen. Denn bislang konzentriere sich die Forschung darauf, wie diese wahrgenommen würden: „Wir fanden durch unsere Studien heraus, dass Menschen, die weinen, als warm, ehrlich und verlässlich empfunden werden und nicht etwa als schwach oder labil, wie es oft heißt.“ Unklar sei allerdings, ob diese zugeschriebenen Eigenschaften der Realität entsprächen: „Die alten Griechen sagten, dass nur gute Menschen weinen – ich frage mich, ob darin ein wahrer Kern steckt.“