Eine alkoholkranke Mutter ist mit ihrem Baby völlig überfordert. Was tun, in so einer Situation?
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BerlinDie größten Herausforderungen in meinem Hebammenalltag sind nicht fachlicher Natur. Auch sind es nicht die schlechten Arbeitsbedingungen, an die man sich ja irgendwie gewöhnt. Vielmehr ist es das tägliche Einstellen und Einlassen auf immer wieder andere Menschen. So auch auf eine Frau, die ich vor einigen Jahren betreute.

Ich möchte sie hier Inge nennen. Das Jugendamt hatte sie mir vermittelt. Sie war deutlich älter als ich, zum ersten Mal schwanger, und sie war geistig behindert. Der Vater des Kindes war unbekannt. Für das Baby war eine Alkoholschädigung zu erwarten. Trotz alledem freute sich Inge sehr auf das Baby, das ein Mädchen werden sollte. Sie freute sich mit einer Warmherzigkeit und Einfachheit, die mich sehr berührte. Sie zählte die Tage bis zur Geburt, so wie Kinder zählen, bis endlich Weihnachten ist. Die Betreuerin beim Jugendamt hatte mich gebeten, den Alkoholkonsum der Frau im Blick zu behalten. Schnell wurde klar, dass Inge unter dem Einfluss von Alkohol die Kontrolle verlor, aggressiv und gewalttätig wurde.

Der erste Hausbesuch nach der Geburt zeigte mir deutlich, dass sie ohne fremde Hilfe kein Leben mit diesem Baby führen konnte. Freunde hatte sie kaum. Ihre Eltern kannte sie nach eigener Aussage nicht. Zudem waren ihrem Baby die Schädigungen durch Alkohol ganz klar anzumerken.

Eines nachts rief mich Inge mit schwer lallender Stimme an. „Rette mich“, sagte sie. Sie war völlig betrunken. Das Baby schrie im Hintergrund. „Komme es abholen, ich schaffe das nicht“, sagte Inge. Sie war mit dem Baby bei einer Freundin. Ich rief beim Jugendamt an. Der Anrufbeantworter verwies mich auf den nächsten Morgen 8 Uhr. Doch im realen Leben und in Echtzeit war jetzt gerade ein Baby gefährdet. Ich war ratlos. Was sollte ich tun, und vor allem: Was durfte ich tun?

Ich rief in der Kinderklinik an. Der Kinderarzt, ja, der wusste „das jetzt auch nicht“, und ich solle doch einfach die Polizei rufen. Das tat ich nicht, sondern fuhr los zur Wohnung, in der Inge sich mit dem Baby befand. Eine fremde, völlig betrunkene Frau öffnete mir die Tür. Überall lagen leere Bierflaschen herum und es roch nach kaltem Rauch. Ein Hund knurrte mich an, die Frau ließ mich widerwillig in die Wohnung. Inge saß auf dem Klo, das Baby fest im Arm. „Nimm es weg, nimm es weg. Ich kann es nicht haben“, sagte sie leise. „Bitte.“ Es roch nach Erbrochenem und Stuhlgang.

In Inges Augen sah ich tiefes Leid, es war ein Schrei nach Hilfe. „Bitte nimm es mit“, sagte sie immer wieder. Ich nahm ihr das schreiende und mit Erbrochenem überdeckte Baby vorsichtig und langsam aus dem Arm. Ich wusste, dass ich dieses Baby nicht einfach mitnehmen konnte, auch nicht wenn Gefahr im Verzug war oder die Mutter darum bat. Das wäre nach dem Gesetz Kindesentführung. Als ich Inges Baby auf den Wickeltisch legte, sah ich, dass es deutlich sichtbare blaue Flecken hatte. Da rief ich doch die Polizei.

Jetzt musste es verdammt schnell gehen, denn Inges Freundin drohte mir mit ihrem Hund und einem Messer. Der junge Polizist, der eintraf, erfasste die Situation glücklicherweise sehr schnell und nahm mir das kleine Mädchen ab. Inge saß immer noch auf der Toilette. Laut rief sie: „Ihr Schweine, das dürft ihr nicht.” Ich holte Inge aus dem Bad und brachte sie zu meinem Auto, um mit ihr in die Klinik zu fahren, zu ihrem Baby. Als wir eintrafen, lag das Baby auf dem Wickeltisch, der Kinderarzt gab ihm gerade die Flasche. Es sei höchste Not gewesen, so seine Begrüßung. Inge würde ihr Kind nie wieder alleine sehen dürfen. Nie wieder. Ich wusste, dass Inge alles hatte richtig machen wollen und dass sie dafür große Anstrengungen durchlitten hatte. Sie hatte den Kampf, den sie mit sich selbst geführt hatte, verloren. Und damit ihr Baby.

Für einige Wochen kam die Kleine in ein Heim. Inge besuchte ihre Tochter dort nicht. Ich sah sie später noch einmal vor einer Imbissbude am Bahnhof. Sie war völlig betrunken und heruntergekommen. Ihre Geschichte kannte dort sicher niemand.