Ein Wassersprenger am Waldrand schießt das künstlich erzeugte Regenwasser aufs Moor des einstigen Barssees.
Foto: Gerd Engelsmann

BerlinDie Berliner Wasserbetriebe fabrizieren künstlich Regenwasser, um versuchsweise ein im Grunewald verstecktes Moor zu retten, das den einstigen Barssee füllt. Es ist eines der vielen Berliner Moore, die samt und sonders in schlechtem Zustand sind. 

Bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es gut einen Kilometer östlich des Grunewaldturms einen immer kleiner werdenden See, gespeist aus Regen und Grundwasser. Forstleute können sich noch daran erinnern, dass ein Förster dort von einem Kahn aus angelte – der Name Barssee soll sich vom Barsch ableiten.

Das Grundwasser jedoch sank über die Jahre, weil die Wasserbetriebe in der Nähe seit über hundert Jahren Wasser für die Berliner fördern. Heute wird über die Wasserwerke Tiefwerder und Beelitzhof jeder vierte Berliner versorgt. In den letzten Jahren blieb wegen der vom Klimawandel begünstigten Trockenheit auch der Wasser-Nachschub vom Himmel aus.

Der Sonnentau fängt mit Klebeblättern Insekten, versorgt sich so mit Nährstoffen, die er nicht aus den Wurzeln bekommt.
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Allmählich füllten Torfmoose von den Ufern aus den See, bis das etwa 7,50 Meter tiefe einstige Gewässer mit Torf gefüllt war, bedeckt von sogenanntem Schwingrasen. Heute sieht der See aus wie eine Lichtung, bewachsen mit Schilf, Wollgras, fleischfressendem „Rundblättrigem Sonnentau“, belebt von Libellen, Spinnen und Käfern.

Das Moor ist Teil eines eingezäunten Naturschutzgebiets, das jetzt künstlich feucht gehalten wird. Trinkwasser wird in der Nähe durch eine „Umkehrosmoseanlage“ gedrückt – kurz gesagt, das Wasser wird von Mineralien und damit von Nährstoffen befreit, rutscht deshalb auf der pH-Skala ein wenig ins Saure. Heraus kommt etwas, das Regenwasser entspricht. Das hat den Grund, dass Moorpflanzen nur mit nährstoffarmem, mild saurem Wasser gedeihen.

Diese Anlage verwandelt Trinkwasser in nährstoffarmes Wasser, das Regen gleichkommt.
Foto: Gerd Engelsmann

Dieses Wasser wird jede Nacht eine Stunde lang von vier gewaltigen „Rasensprengern“ mit 40 Meter Reichweite über dem rund einen Hektar (10.000 Quadratmeter) großen Moor versprüht, rund 22 Kubikmeter (22.000 Liter) pro Tag. Die Anlage wurde von den Wasserbetrieben finanziert, 420.000 Euro sind dafür und für die zweijährige Versuchsphase kalkuliert.

Danach soll geprüft werden, ob die Methode dem Moor geholfen hat, und ob sie auf dem nahegelegenen Pechsee-Moor ebenfalls eingesetzt werden kann. Messgrößen sind der Wasserstand im Moor, die chemische Entwicklung des Wassers und die Entwicklung der Tier- und Pflanzenwelt.

Völlig uneigennützig ist das Projekt nicht: Die Wasserbetriebe sind dabei, die Erlaubnis für weitere 30 Jahre Grundwasserförderung einzuholen, und dafür muss eine Naturschutz-Richtlinie der EU eingehalten werden, die Moore einschließt.

Holger Brandt, in der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz für das Thema zuständig, beklagt, dass nahezu alle Berliner Moore in schlechtem Zustand seien. Im Grunewald sei vor allem die Wasserförderung verantwortlich, außerdem würden Moore im Zuge der Grunewaldseen vom nährstoffreichen Fenngraben mit Wasser versorgt. Aber auch die Moore im Raum Köpenick und in Spandau seien bedroht, beispielsweise mussten in Köpenick Gehölze entfernt werden, die sich in Mooren ausbreiteten.

Jörg Simon, Chef der Berliner Wasserbetriebe, sieht Naturschutz und Trinkwasserförderung als zwei Seiten einer Medaille.
Foto: Gerd Engelsmann

Jenseits der Erhaltung des Lebensraums von seltenen Pflanzen und Tieren gibt es ein Interesse, Moore zu erhalten, weil sie, gut durchfeuchtet, das Klimagas Kohlendioxid speichern. Wissenschaftler der Humboldt-Universität hatten in dem von 2011 bis 2015 laufenden Projekt „Berliner Moorböden im Klimawandel“ festgestellt, dass die Stadtmoore der Luft rund vier Millionen Tonnen Kohlendioxid entzogen. Zum Vergleich: Jeder Berliner verursacht statistisch im Schnitt etwas über vier Tonnen Kohlendioxid im Jahr.

Die Forscher registrierten insgesamt noch 740 Hektar Moorböden an 76 Orten, die oft nicht Moor, sondern Fenn, Luch oder Laake heißen. Die Größen reichen von 0,3 Hektar (Kleines Fenn und Kleines Luch in Schmöckwitz zusammen) bis über 200 Hektar, den Gosener Wiesen.