Sehr selten und vom Aussterben bedroht: Von den Schreiadlern gibt es bundesweit nur noch etwa 100 Brutpaare. Knapp ein Viertel davon lebt in Brandenburg.
Foto: Imago Images

BuckowSelbst wer gar nichts weiß über diesen Mann, begreift schnell, dass Vögel seine große Leidenschaft sind. Über dem Schreibtisch von Torsten Langgemach hängt ein Foto, auf dem ein Nest eines Schreiadlers zu sehen ist – mit einem großen weißen Ei darin. Daneben hängt das Foto eines Sperbers in dunkler Nacht – die Augen des Vogels sind leuchtend gelb. Und dort hängt auch ein Bild, das sein Sohn von einem balzenden Großtrappenhahn gemalt hat. Und dann gibt es ein kleines professionelles Gemälde – wiederum von einem Schreiadler. „Das ist mein Lieblingsvogel“, sagt Torsten Langgemach, der Chef der Staatlichen Vogelschutzwarte im Land Brandenburg.

Als er in den 90er-Jahren seine Arbeit als professioneller Vogelschützer antrat, galt der Schreiadler als ein geradezu mystisches Tier. „Weil er so selten war“, erzählt der 57-jährige promovierte Veterinärmediziner. Außerdem ist dieser Vogel sehr anspruchsvoll, wenn es um seinen Lebensraum geht. Er braucht eine abgelegene und unzerstörte Landschaft. „Das bedeutet: Dort, wo Schreiadler heimisch sind, ist die Natur fast immer sehr schön“, sagt Langgemach.

Von Windrädern erschlagen oder verletzt

Der Schreiadler steht auf der Roten Liste, weil er in Deutschland zu den am meisten vom Aussterben bedrohten Vogelarten gehört. 2013 wurden bundesweit nur noch 110 Brutpaare gezählt, 23 davon in Brandenburg. Ganz langsam steigt der Bestand – auch wegen der Schutzmaßnahmen.

Dass solche gefährdeten Vögel nicht aussterben und dass von staatlicher Seite möglichst viel für den Erhalt dieser Arten getan wird, ist eine Aufgabe der Vogelschutzstation nahe des Dörfchens Buckow im Havelland. Sie untersteht dem Landesamt für Umwelt. Dort werden sehr viele Daten zu den Vogelbeständen gesammelt und auch wissenschaftlich ausgewertet. Ein Beispiel ist eine bundesweite Datenbank, die alle Vögel aufführt, die durch die Rotorblätter von Windrädern erschlagen oder verletzt wurden.

Artensterben

Weltweit gibt es 10000 Vogelarten. Die meisten leben in den Tropen. In Europa sind etwa 500 Arten heimisch.

Bundesweit gibt es 248 Vogelarten, die hier leben und auch brüten. Davon sind 221 Arten im Land Brandenburg heimisch - also fast alle, außer die Gebirgsarten.

Allerdings sind 44 Prozent der Brandenburger Brutvogelarten inzwischen als gefährdet eingestuft.

Der Bau an der Naturschutzstation Buckow begann bereits 1978. Mit der fachlichen Arbeit wurde dann im Jahr danach begonnen, und so konnte die Station 2019 den 40. Jahrestag ihrer Gründung feiern. Bis 1998 war die Naturschutzstation Buckow nicht nur mit der Vogelwelt befasst. Seit 1998 heißt sie nun Staatliche Vogelschutzwarte und ist damit für den Vogelschutz im gesamten Land Brandenburg zuständig.

"Leute fühlen sich nicht als Bittsteller"

Fast jedes Bundesland hat heute eine solche zentrale Vogelschutzwarte; in der in Brandenburg arbeiten insgesamt neun Leute. Eine Besonderheit der Brandenburger Station ist, dass sich die Fachleute hier auch ganz besonders um die Großtrappen kümmern – den größten Brutvogel Europas, der längst ausgestorben wäre ohne das jahrzehntelange Engagement der Profis hier und der vielen ehrenamtlichen Vogelschützer.

„Unser Vorteil ist nicht nur, dass wir hier draußen in der Natur sind, sondern auch vor Ort bei den Menschen“, sagt Langgemach. „Das ist viel besser, als vom Grünen Tisch aus zu agieren. Wir haben direkt mit allen Landnutzern zu tun. Die Landwirte kommen zu uns, die Förster, die ehrenamtlichen Vogelschützer. Wir sprechen ihre Sprache, kennen ihre Probleme und auch ihre Zwänge. Die Leute fühlen sich nicht als Bittsteller.“

Alle Mitarbeiter der Vogelschutzwarte haben eine landwirtschaftliche oder naturbezogene Ausbildung absolviert, waren zum Beispiel Forstfacharbeiter, Tierarzt oder Schafzüchter. Das sei ein großer Vorteil, wenn es darum geht, Einklang schaffen zu wollen zwischen dem Schutz der Vögel und den Bedürfnissen von Land- und Forstwirtschaft. „Wir machen seit 40 Jahren Naturschutz mit den Leuten vor Ort“, sagt Langgemach. „Ich würde mir wünschen, dass wir dieser so wichtigen Partnerschaft noch mehr unserer Arbeitszeit widmen könnten.“

Verletzte Vögel in die Tierklinik fahren

Dazu kommt die wissenschaftlich fundierte Arbeit der Station, mit der die bundesweiten Forschungsergebnisse für die Institutionen im Land Brandenburg verfügbar gemacht werden. Die Vogelstation stellt diese Daten zum Vogelschutz zusammen, damit Landesregierung und Parlament sie für die entsprechenden Schutzstrategien oder Förderprogramme verwenden können oder wenn zum Beispiel neue Stromtrassen oder Straßen durch Vogelbrutgebiete geplant sind. Die Fachleute des Landesumweltamtes arbeiten oft mit Freiwilligen zusammen, die Nisthilfen für Vögel aufstellen, bei offiziellen Vogelzählungen mitmachen oder die verletzte Vögel zur Tierklinik der Freien Universität in Berlin fahren. „Ohne unsere Ehrenamtlichen würde gar nichts gehen“, sagt er.

Torsten Langgemach, der Chef der Staatlichen Vogelschutzwarte
Foto: Jens Blankennagel

Nicht zu vergessen: Die Vogelschutzwarte kümmert sich auch um die Konfliktthemen. Nicht nur, wenn es um große Stromtrassen oder Windräder geht, sondern auch, wenn die Fischer beklagen, dass Kormorane ihnen zu viele Fische aus den Teichen fressen, wenn Kolkraben junge Kälber angreifen und wenn Kraniche oder Gänse die Saat von den Feldern fressen. Aber auch, wenn jemand Störche mit dem Luftgewehr beschießt, wenn Sammler seltene Vogeleier stehlen oder wenn Leute heimlich die Nester von Adlern zerstören, weil sie hoffen, dass danach doch noch die Erlaubnis erteilt wird, in diesem Gebiet ein Windrad aufzustellen.

Es gibt einen Windkrafterlass des Landes, der regelt, was aus Sicht des Naturschutzes beachtet werden muss, wenn „Windeignungsgebiete“ ausgewiesen werden oder Windräder genehmigt. Dieser Erlass wurde so überarbeitet, dass auch fünf Jahre nach der Zerstörung eines Nestes das gesamte Gebiet weiterhin als geschützter Brutplatz gilt und kein Windrad gebaut werden darf.

Indikator für die Artenvielfalt

Und die Fachleute kümmern sich ganz konkret darum, dass einzelne Arten im Land überleben, weil diese als „prioritäre Arten“ gelten, die nur noch ganz selten sind und für die Brandenburg als ihr wichtigster Lebensraum eine besondere Verantwortung hat. Das gilt zum Beispiel für die Großtrappen – bei denen dieser Schutz trotz aller Zweifel durch jahrzehntelanges Engagement gelungen ist. Es gibt aber auch das Beispiel Seggenrohrsänger, bei dem es nicht geklappt hat. Oder die Schreiadler,  bei denen alles versucht wird.

Doch mancher Laie wird sich fragen, warum der Erhalt der Vogelarten so wichtig ist. Langgemach sagt: „Die Bestände von Vögeln und ihr Bruterfolg sind wichtige Indikatoren für die allgemeine Artenvielfalt.“ Denn ausgehend von den Vögeln lassen sich Schlüsse auf andere Lebewesen ziehen, die zum Beispiel ihr Futter sind – also Insekten, Fische oder Mäuse und Frösche. Klar ist inzwischen, dass sich das seit den 1950er-Jahren wissenschaftlich belegte Insektensterben massiv auf die Vogelwelt auswirkt und weiterhin auswirken wird, weil vielen Vögeln schlicht das Futter fehlt. Die Aufgaben der Vogelschutzwarte werden also eher zu- als abnehmen.

Das kleine Gemälde des Schreiadlers über dem Schreibtisch von Torsten Langgemach ist übrigens nicht irgendein Bild. Es ist das Originalgemälde, das im großen deutschen 800-seitigen Brutvogel-Altas neben den Daten zu dem kleinsten Adler Deutschlands abgebildet ist. „Ich habe eine Spende von 100 Euro bezahlt und damit dazu beigetragen, dass dieses Buch überhaupt erst möglich wurde“, sagt Torsten Langgemach. „Dafür bekam ich das Bild.“