Ricardo Lange: Macht Gesundheit zum Schulfach!

Viele Kinder und Jugendlich wissen gar nicht, wie man sich in Notfällen zu verhalten hat. Zeit, das zu ändern. Eine Kolumne von Ricardo Lange.

Ricardo Lange
Ricardo LangeBerliner Zeitung/Markus Wächter

Der Freak mit der Tupperdose voller Reis und Putenbrust. Das war ich, als ich vor mehr als 20 Jahren mit dem Bodybuilding anfing. Damals gab es kaum Fitnessstudios, und die wenigen Mitglieder waren meist genauso verrückt wie ich.

Heute hat sich Fitness zu einem regelrechten Kult entwickelt und ist für Millionen Menschen zum Lifestyle geworden. An jeder Ecke gibt es mittlerweile Fitnessstudios oder Crossfit-Boxen, und viele haben Apps auf ihrem Smartphone, um zum Beispiel ihre Schritte zu zählen.

Ich wünsche mir, dass dieser Trend anhält und das Bewusstsein für Gesundheit und alles, was dazugehört, einen noch höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommt. Meine Vision: Gesundheit wird Schulfach!

Bei Schlaganfall: Schnelles Handeln ist gefragt

Ich halte es für enorm wichtig, bereits Kinder auf mögliche Notfälle vorzubereiten und sie dafür zu sensibilisieren, eine Notsituation auch als solche zu erkennen. Damit ein Kind im Notfall Hilfe holen kann, sollte es die Notrufnummer 112 kennen und wissen, welche Informationen beim Absetzen eines Notrufs notwendig sind.

Schätzungen zufolge erleiden in Deutschland jährlich etwa 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Hier gilt der Grundsatz: „Time is brain“. Das bedeutet, dass mit jeder Minute ohne medizinische Versorgung wertvolles Hirngewebe abstirbt. Gesundheitliche Einschränkungen wie Lähmungen und Sprachstörungen bis hin zum Tod sind die Folge.

Je schneller also der Rettungsdienst durch das Kind alarmiert wird und damit vor Ort sein kann, desto besser ist die Prognose für den Betroffenen.

Wiederbelebungsmaßnahmen bereits in der Schule üben

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt seit 2015, Kindern ab der 7. Klasse beizubringen, wie eine Wiederbelebung durchgeführt wird. In Dänemark, wo dies seit 2005 gesetzlich vorgeschrieben ist, stieg die Wiederbelebungsrate durch Laienhelfer von 20 auf 60 Prozent und verdreifachte damit die Überlebensrate der Hilfesuchenden.

Jedes Jahr erleiden in Deutschland mehr als 60.000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand, und obwohl in sehr vielen Fällen jemand in der Nähe ist, der Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten könnte, überleben nur sehr wenige. Man schätzt, dass jährlich zehntausend Menschenleben zusätzlich gerettet werden könnten, wenn potenzielle Ersthelfer nicht aus Angst, etwas falsch zu machen, davor zurückschrecken würden, eine sofortige Herzdruckmassage durchzuführen.

Es ist also durchaus sinnvoll, Wiederbelebungsmaßnahmen bereits in der Schule zu üben, um nicht nur die Effizienz dieser Maßnahme zu steigern, sondern auch das Selbstvertrauen, sie im Ernstfall anzuwenden.

Infobox image
Markus Wächter/Berliner Zeitung
Zur Person
Ricardo Lange, 41, wuchs in Berlin-Hellersdorf auf. Um sich gegen Übergriffe behaupten zu können, betrieb er Kampfsport und Bodybuilding. Er arbeitete als Fitnesstrainer und bei der Polizei, bevor er sich zum Intensivpfleger ausbilden ließ und in diesem Beruf seine Berufung fand.

Für eine Zeitarbeitsfirma
springt Lange in Berliner Krankenhäusern ein, in denen die Personalnot am größten ist. Im Januar hat er ein Buch über den Pflegenotstand veröffentlicht: „Intensiv: Wenn der Ausnahmezustand Alltag ist – ein Notruf“ (dtv). Er ist Kolumnist der Berliner Zeitung.

Risiko für Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt

Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen und den Schwerpunkt nicht nur auf die Bewältigung von Notfallsituationen, sondern auch auf Prävention und Gesundheitsförderung legen. Schon ab der ersten Klasse könnten die Kinder im Unterricht für das Thema Gesundheit sensibilisiert werden: Was bedeutet gesunde Ernährung und warum ist sie so wichtig? Was führt zu Übergewicht und wie entsteht Diabetes?

Laut der KiGGS-Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind 15,4 Prozent übergewichtig und 5,9 Prozent sogar adipös. Im Unterricht kann den Kindern daher vermittelt werden, wie sie durch Ernährung und Bewegung Übergewicht und Adipositas entgegenwirken und das Risiko für Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes und Bluthochdruck deutlich senken können.

Das Leben und unsere Gesundheit sind das höchste Gut

In höheren Klassenstufen sollten zusätzlich die Gefahren des Konsums von Alkohol, Tabak und anderen Drogen thematisiert werden. Auch Sterben und Tod und damit verbundene Themen wie zum Beispiel Organspende sollten im Schulfach Gesundheit altersgerecht behandelt werden.

Das Leben und unsere Gesundheit sind das höchste Gut, das wir besitzen. Für viele sind beide Dinge eine Selbstverständlichkeit, bis zu jenem Tag, an dem sie eines von beidem zu verlieren drohen. Eine wertvolle Erkenntnis, die wir bereits unseren Kindern in jungen Jahren mit auf den Weg geben können.

Meiner Meinung nach würden wir mit einem Schulfach Gesundheit mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Kinder bekämen die Möglichkeit, eine bessere Beziehung zu ihrem Körper zu entwickeln und ein Gespür dafür zu bekommen, wie sie selbst mit Ernährung und Bewegung fit bleiben und ihr Wohlbefinden positiv beeinflussen können. Besonders zu Zeiten von Social Media ist eine gesunde Selbstwahrnehmung wichtiger denn je. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, die Fähigkeit, Menschen in einer Notsituation helfen zu können und im Zweifelsfall also Leben zu retten.

Gesundheit und sozialer Zusammenhalt

Gleichzeitig würden sie auch mit Krankheit und Behinderung konfrontiert werden und könnten mit dieser Erfahrung ein natürliches Verhältnis im Umgang mit Menschen entwickeln, die „anders“ sind und bestimmte Dinge nicht (mehr) tun können. Eine wichtige Grundvoraussetzung für ein achtsames Miteinander.

Langfristig gesehen haben wir so die Chance als Gesellschaft, insgesamt gesünder zu werden, und wir können gleichzeitig bei jungen Leuten die Begeisterung für die vielen verschiedenen Berufe im Gesundheitssektor wecken, wenn gesund zu sein nicht nur erstrebenswerter, sondern das Thema Gesundheit und sozialer Zusammenhalt regelrecht zum Trend werden.

Übrigens: Dem Personalmangel von morgen könnten wir auf diese Weise ebenfalls die Tour vermasseln.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de