Lother Wieler, Präsident des Robert Koch-Inititutes.
Foto: Afp/John Macdougall

BerlinIn Deutschland ist die Corona-Pandemie in diesen Tagen eher am Abklingen – aber die die Bürgerinnen und Bürger müssen noch Monate wachsam bleiben, damit es zu keiner zweiten Welle kommt. Das sagte der Präsident des Robert Koch-Institutes (RKI), Lothar Wieler, am Dienstag. Das RKI hatte zum ersten Mal seit längerem wieder zu einer Pressekonferenz eingeladen.

Thema waren auch die lokalen Ausbrüche, vor allem in Gütersloh und Göttingen. Vor allem die enorme Zahl von Neuinfektionen im Tönnies-Fleischwerk in Gütersloh hat dazu beigetragen, dass der Reproduktionswert sich seit dem 21. Juni zwischen den Zahlen 2 und 3 bewege, sagte Wieler. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Schnitt zwischen zwei und drei andere Personen ansteckt. Dieser sogenannte R-Wert lag zuvor konstant bei unter 1. Wieler wies aber darauf hin, dass der R-Wert bei insgesamt geringeren Fallzahlen stärker schwankt.

Pandemie ist noch nicht vorbei

Von den lokalen Hotspots abgesehen, zu denen auch Berlin-Neukölln gezählt wird, gehen die Zahlen im ganzen Land aber stetig zurück. So habe man aus 137 Kreisen in Deutschland seit einer Woche keine Zahlen von Neuinfizierten erhalten. „Die Maßnahmen in Deutschland haben gegriffen“, sagte Wieler. „Aber das Virus ist noch in unserem Land. Wenn wir ihm die Chance geben, sich auszubreiten, dann wird es diese Chance nutzen.“ Es gelte daher noch monatelang die bisherigen Regeln einzuhalten, zu denen das Tragen von Alltagsmasken, das Abstandhalten und häufiges Händewaschen gehört.

Interessant dürfte in diesem Zusammenhang der Verlauf der Pandemie im Spätsommer werden, wenn die Schulen deutschlandweit wieder in den Normalbetrieb übergehen. Wie Wieler einräumte, gibt es kaum Erkenntnisse über Kinder als Infektionsüberträger. „Es gibt die klare Einschätzung, dass Kinder infiziert werden und Erwachsene auch anstecken können“, sagte Wieler. Ob sie die Krankheit stärker, weniger stark oder ebenso wie Erwachsene weitergeben, sei jedoch noch unklar. Die meisten Studien seien erhoben worden, als die Schulen und Kitas landesweit geschlossen waren, daher seien in dieser Hinsicht wenig Erkenntnisse vorhanden.

Wenig Angaben lassen sich auch dazu machen, wo genau sich Menschen in Deutschland derzeit anstecken. „Wir stellen fest, dass das Virus  in prekären Wohnsituationen schneller weitergegeben wird“, sagte Ute Rexrodt, die beim RKI den Bereich Surveillance (Überwachung) leitet. „Wir versuchen unsere Instrumente in dieser Hinsicht nachzuschärfen.“ Es sei aber schwierig, den jeweils genauen Infektionsort zu ermitteln. Dass häufig Schlachtbetriebe betroffen seien, registriere man weltweit. Ob das an den hygienischen Bedingungen oder an der kalten Luft in den Firmen liegt, wisse man aber noch nicht.

Derzeit werden deutschlandweit noch 350 Erkrankte auf Intensivstationen behandelt, 175.700 Menschen seien wieder genesen. Wieler bezeichnete den gegenwärtigen Stand der Pandemie in Deutschland als „ausgezeichneten Erfolg“, der vor allem auf die exzellente Arbeit der Gesundheitsämter zurückzuführen sei. Man müsse nun alles daran setzen, die Fallzahlen niedrig und Ausbrüche lokal zu halten. Alle Bürgerinnen und Bürger müssten wachsam bleiben und sich an die Abstandsregeln halten. „Das wird die neue Normalität der nächsten Zeit sein“, so Wieler. „Und es werden Monate sein.“