Der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler.
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BerlinNach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) ist die Zahl der Neuinfizierten in Deutschland leicht zurückgegangen. Wie RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag bei einer Pressekonferenz mitteilte, infizierten sich zuletzt täglich 1.000 bis 1.500 Menschen mit dem Coronavirus. Vergangene Woche hatte die Zahl der täglichen Neuinfektionen noch bei etwa 2.000 gelegen. Insgesamt haben sich in Deutschland rund 159.000 Menschen mit dem Virus infiziert. Wieler sprach von einer erfreulichen Entwicklung.

Auch die Reproduktionszahl, die angibt, wie viele Menschen durchschnittlich von einer positiv auf das Virus getesteten Person angesteckt werden, liegt mit 0,76 unter dem Wert von vor wenigen Tagen (0,96). Die Berechnung des R-Wertes sorgte am Donnerstag  für Verwirrung.  Seit Mittwoch nutzt das RKI ein sogenanntes Vier-Tage-Mittel für die Schätzung der aktuellen Neuinfektionen und damit auch der Reproduktionszahl. Zuvor wurde ein Drei-Tage-Mittel genutzt.

Die Berechnungsmethode habe sich aber nicht geändert, versicherte der RKI-Präsident, nur die Anzahl der geschätzten Neuerkrankungen. Je kleinteiliger und kurzfristiger diese betrachtet würden, desto größer seien die täglich erkennbaren Schwankungen. 

Wieler hob erneut die Bedeutung umfangreicher Tests hervor. „Wir haben die nötigen Kapazitäten", sagte Wieler. „Je mehr und je spezifischer wir testen, desto besser.“ In der vergangenen Woche seien in Deutschland rund 467.000 Tests durchgeführt worden. Das RKI hält flächendeckende Test auch bei Menschen ohne Symptome  allerdings nach wie vor nicht für sinnvoll. Negative Ergebnisse seien in diesen Fällen nicht aussagekräftig, da getestete Personen trotzdem bereits infiziert sein könnten. Negative Testergebnisse würden dann ein „falsches Sicherheitsgefühl“ kreieren.

Vorsorgeuntersuchungen unbedingt wahrnehmen

Wieler appellierte an die Bevölkerung, trotz der Virus-Pandemie notwendige Vorsorgeuntersuchungen unbedingt wahrzunehmen. Besonders die bei kleinen Kindern üblichen U-Untersuchungen müssten auf jeden Fall weiterhin stattfinden, ebenso die empfohlenen Schutzimpfungen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass eine Covid-19-Erkrankung bei einer gerade geimpften Person schwerer verlaufe, sagte Wieler.

Trotz der leichten sich abzeichnenden Entspannung in Deutschland appellierte Wieler, die bisher geltenden Abstands- und Hygieneregeln konsequent einzuhalten. Deutschland befinde sich immer noch am Anfang der Pandemie. Auch würden fast alle Wissenschaftler mit einer zweiten oder gar dritten Ansteckungswelle rechnen. Nur ein Impfstoff werde zuverlässig dazu führen, das Virus endgültig zu besiegen.

Damit erteilte Wieler erneut der Idee einer sogenannten Herdenimmunität, bei der 60-70 Prozent der Bevölkerung infiziert seien müssten, eine Absage. Im Zuge dessen würden viel zu viele Menschen sterben. „Dieses Virus hat Auswirkungen, denen ich niemanden aussetzen würde“, sagte Wieler, „weder mich selbst, noch meine Kinder, noch sonst irgendjemanden. Ich warne ausdrücklich davor, es zu unterschätzen.“

Der RKI-Präsident äußerte sich auch zu dem Medikament Remdesivir. Wissenschaftler vermuten, dass das ursprünglich für die Ebola-Behandlung entwickelte Mittel die Behandlungszeit von Covid-19-Patienten deutlich verkürzen könnte. Der Immunologe und Chef des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten (NIAID) der USA, Anthony Fauci, hatte die Ergebnisse einer entsprechenden US-Studie am Mittwoch als vielversprechend bezeichnet. Noch fehlten aber umfangreichere Untersuchungen zu dem Thema. Auch Wieler betonte, es gebe noch nicht genügend Daten, um eine Wirksamkeit von Remdesivir eindeutig zu belegen. Sein erster Eindruck sei aber positiv. Remdesivir ist bisher noch in keinem Land zugelassen.