Coronavirus-Modell mit Impfspritze.
Foto:  imago images/Christian Ohde

BerlinEs klingt nach einem Fortschritt, aber genau betrachtet ist es ein Bluff – und dazu noch ein riskanter: Am Dienstag hat der russische Präsident Wladimir Putin die weltweit erste staatliche Zulassung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus bekanntgegeben. Die Registrierung sei am Dienstagmorgen erfolgt. Eine seiner beiden Töchter habe sich schon impfen lassen, sagte Putin.

Hiesige Experten runzeln angesichts dieser Entwicklung die Stirn. „Diese Zulassung sagt nichts darüber aus, wie weit die russischen Forscher mit der Impfstoffentwicklung sind. Es ist im Grunde nur eine politische Absichtserklärung“, sagt Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Marburg, der zusammen mit Kollegen selbst an einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 forscht. Offenbar ändert man in Russland lediglich die Reihenfolge und lässt den Impfstoff zu, bevor er breit getestet wird.

Das Mittel, um das es geht, wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Erst wenige Menschen haben es im Rahmen einer Studie erhalten. Die Zulassung in diesem frühen Stadium findet Becker „eine erstaunliche Vorgehensweise“, die nicht sinnvoll sei, wie er der Berliner Zeitung sagte. Er halte es für unerlässlich, zunächst zu prüfen, ob ein Impfstoff sicher ist und eine Schutzwirkung erzielt.

Das russische Vakzin ist ein sogenannter Vektorimpfstoff, der die Bezeichnung Gam-COVID-Vac Lyo trägt. Bei Vektorimpfstoffen werden Erbinformationen des Coronavirus mithilfe von ungefährlichen Viren in den Körper geschleust. „In diesem Fall sind es zwei Adenovirusarten, die auf den Menschen spezialisiert sind“, erläutert Becker.

Über den russischen Impfstoff ist noch nichts publiziert.

Stephan Becker, Institut für Virologie, Universität Marburg

Weltweit setzen viele Forschergruppen auf einen Vektorimpfstoff. Ebenfalls auf Adenoviren basiert zum Beispiel das Vakzin ChAdOx1 von Forschern der britischen Oxford University. Diese Entwicklung ist bereits recht weit fortgeschritten. So wurden im Juli erste Ergebnisse einer klinischen Studie veröffentlicht, die zeigen, dass das Mittel eine breite Immunantwort auslöst. Ob es tatsächlich vor der Infektion schützt, wird sich in den angelaufenen großen klinischen Studien herausstellen.

„Über den russischen Impfstoff ist hingegen noch nichts publiziert“, bemängelt Becker.Er hoffe, dass die Anwendung zunächst vielleicht nur eingeschränkt erfolgen darf. „Falls es sich aber nicht um eine solche konditionale Zulassung handelt und jeder Arzt in Russland den Impfstoff verabreichen darf, ist das in vielerlei Hinsicht leichtsinnig“, ergänzt der Experte. Er hat dabei nicht nur Bedenken, dass womöglich schwere Nebenwirkungen auftauchen. Er sorgt sich auch, dass dann keine systematische Handhabe da ist, um zu verstehen, ob der Impfstoff sicher ist und Schutz bietet. „Darüber hinaus ist diese Vorgehensweise Zündstoff für diejenigen Menschen, die ohnehin kritisch gegenüber Corona-Impfstoffen sind“, erklärt der Virologe.

Auch beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, das hierzulande für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, betrachtet man die Nachrichten aus Russland mit Sorge. Eine reguläre Zulassung ohne die umfangreichen Daten aus einer Phase-III-Prüfung mit mindestens mehreren Tausend Probanden erscheine riskant, sagt PEI-Präsident Klaus Cichutek. In der Etappe könnten unter anderem mögliche seltene Nebenwirkungen detektiert werden. Die Zahl der Probanden betrage in der Regel mehrere Tausend bis Zehntausende. In Deutschland gebe es eine Zulassung erst nach Abschluss der letzten Phase.

Derweil erklärte der russische Gesundheitsminister Michael Muraschko am Dienstag, dass zuerst Lehrer und Ärzte mit Gam-COVID-Vac Lyo geimpft werden – Start noch im August oder im September. Das Gamaleja-Institut und die Firma Winnopharm sollen das Medikament produzieren. Kremlchef Putin hat Berichten zufolge schon früh Druck bei der Entwicklung des Corona-Schutzes gemacht. Nach Angaben von Muraschko wird derzeit ein zweiter Impfstoff gegen Sars-CoV-2 klinisch getestet. Weitere sollen folgen.

Weltweit wird in mehr als 170 Projekten nach Corona-Impfstoffen gesucht, und mehrere Forscherteams haben vielversprechende Zwischenergebnisse veröffentlicht. Allerdings rechnen Experten generell mit einem marktfähigen Impfstoff erst im kommenden Jahr. (mit dpa)

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