Durch Fehlinformationen von Impfgegnern ließen weniger Eltern ihre Kinder impfen und es kam zu einer Masern-Epidemie.
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ApiaEin roter Lappen an einem Besenstiel im Gebüsch, ein rotes Band am Stamm einer Kokospalme, ein zwischen zwei Rundpfosten gespannter roter Pareo: All das ist kein Weihnachtsschmuck, und die Kindergesichter strahlen nicht fröhlich, so wie sonst, wenn man Urlaub auf Upolu, der Hauptinsel von Samoa, macht. Kranke Kinder ohne Lebenskraft, verängstigte Blicke und dann ein herzzerreißender Tränenausbruch, wenn die Nadel in den Oberarm piekst: Zwangsimpfung im tropischen Paradies.

Die roten Bänder, Tücher und Lappen, sie markieren die Häuser von Familien, die nicht gegen Masern immunisiert sind, als Premierminister Tuilaepa Aiono Sailele Malielegaoi Anfang Dezember den Ausnahmezustand verhängt, um das Massensterben der Kinder in seinem Staat zu stoppen.

Mehr als 70 Tote durch Masern

Die ehemalige deutsche Kolonie Deutsch-, später West-Samoa, fast 16.000 Kilometer vom ehemaligen Mutterland entfernt, bietet seit Ende Oktober, als eine katastrophale Masern-Epidemie ausbrach, Anschauungsunterricht darüber, was passiert, wenn die Immunisierungsquote im Kampf gegen ansteckende Krankheiten auf ein gefährlich niedriges Niveau sinkt. Von den rund 200.000 Einwohnern sind bis heute 5.371 an Masern erkrankt, 76 Personen sind gestorben, darunter 64 Kinder unter vier Jahren.  

Doch das Schlimmste scheint mittlerweile überstanden, es gibt jetzt Tage ohne Todesfälle und immer weniger neue Fälle. 94 Prozent der Bevölkerung sind geimpft, seit der Regierungschef über die Nacht die Impfpflicht einführte. Vor dem Beginn der Krise waren es 31 Prozent, nachdem die Quote 2018 nach Schätzung des Weltkinderhilfswerks Unicef von 74 auf 34 Prozent gesunken war.

Über Nacht führte der Regierungschef Samoas die Impflicht gegen Masern ein.
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Fehlinformation durch Impfgegner

Die dramatische Entwicklung ist auf die Fehlinformation durch Impfgegner – auf Englisch: Anti-Vaxxers – in den sozialen Medien zurückzuführen. 2018 starben zwei Babys kurz nach ihren Masernimpfungen, allerdings nicht, weil sie nach der Impfung an Masern erkrankt wären, sondern weil zwei Krankenschwestern das Serum mit einem abgelaufenen Narkosemittel statt der korrekten Flüssigkeit gemischt hatten.

Dennoch verbreitet sich die Mär von der Gefährlichkeit von Impfungen. Hinzu kommt die Bereitschaft vieler Menschen, an die Kraft von Wunderheilern zu glauben. So traf ein Reporter des neuseeländischen TV-Senders Newshub auf einen dieser Scharlatane, der einen an Masern erkrankten und halb bewusstlosen Jugendlichen mit alkalischem Kangen-Wasser überschüttete und massierte, um ihn innerlich zu reinigen, anstatt ihn ins Hospital zu schicken.

Solchen Hokuspokus dulden die Behörden nicht mehr. Bis zum 29. Dezember hat der Premier gerade noch einmal den Notstand verlängern lassen, er verordnete eine Ausgangssperre, verbot öffentliche Veranstaltungen, ordnete die Massenimpfung an und dachte laut darüber nach, Eltern zu bestrafen, die ihre Kinder nicht impfen lassen.


Masern

  • Tödliche Krankheit: Zwischen 1891 und 1893 hatte Samoa schon einmal Masern-Epidemien. Dabei starben mindestens 1.200 von damals 34.000 Einwohnern. 50 Prozent der Toten waren Erwachsene.
  • Dramatische Entwicklung: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass 2018 fast 10 Millionen Menschen weltweit an Masern erkrankten und 140.000 Menschen, vornehmlich Kinder, daran starben. Das Bild für 2019 sei noch dramatischer. Gegenüber dem Vorjahr sei die Zahl der Infektionen (bis einschließlich November) um das Dreifache gestiegen.
  • In Europa infizierten sich im vergangenen Jahr 82.596 Menschen mit Masern, und 72 Personen starben an der Viruserkrankung. Nur sechs von 53 Ländern der europäischen WHO-Region waren frei von Masern.

Menschenleere Straßen in Hauptstadt Apia

Zwei Tage lang, am 5. und 6. Dezember, wurde die Hauptstadt Apia zur Geisterstadt. Sämtliche Behörden schlossen, die Beamten wurden zum Impfdienst abberufen. Die einzigen Fahrzeuge, die auf den apokalyptisch anmutenden leeren Straßen erlaubt waren, beförderten die 120 Impftrupps, die kreuz und quer über Upolu fuhren, an jedem mit roten Stofffetzen markierten Fale – das sind die wandlosen, offenen Häuser in den ländlichen Gegenden von Samoa – anhielten und Tausende Menschen gegen Masern impften. Auf dem Krankenhaus-Parkplatz in Apia wurde ein Großzelt aufgestellt, um dem Ansturm der in Panik geratenen Leute Herr zu werden.

Ohne Hilfe von außen wäre all dies unmöglich gewesen: Unicef schickte 110.500 Impfdosen nach Samoa; medizinisches Personal aus Australien, Neuseeland, Großbritannien, Frankreich und anderen Ländern ist noch immer vor Ort, um die Krise zu meistern.

Premierminister Malielegaoi brach sogar ein Tabu in diesem extrem religiösen Land und sprach über Sex, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen: Er forderte seine Landsleute auf, nach einer Masernimpfung vier Wochen Enthaltsamkeit zu üben, „damit in dieser Zeit gezeugte Babys nicht blind zur Welt kommen“.