So könnte der OP-Alltag eines Chirurgen in Zukunft aussehen. Vr-Brillen machen das Operieren leichter. 
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Berlin-LichtenbergWer sieht, was derzeit hinter den Kulissen des Lichtenberger Sana-Klinikums entsteht, fühlt sich, als sei er in die Zukunft gereist. Experten tüfteln hier an einer neuen Technologie, die Operationen bald noch sicherer machen soll. Dabei helfen futuristische Augmented-Reality-Brillen.

Wer durch die Scheibe in den OP-Saal blickt und Dr. Niki Spyrantis, Oberärztin in der Klinik für Innere Medizin, beobachtet, der wundert sich: Die Medizinerin steht am Operationstisch, vor ihr liegt der Patient, der einen neuen Herzschrittmacher eingesetzt bekommen soll. Doch ihre Hände hat die Medizinerin nicht am Patienten, sondern einen halben Meter über ihm in der Luft – hier gestikuliert sie, als würde sie einen unsichtbaren Gegenstand hin- und herschieben, drehen und ausführlich von allen Seiten begutachten.

Operieren mit Augmented-Reality-Brille

Der Grund: Spyrantis trägt eine Augmented-Reality-Brille – mithilfe des Gerätes wird eine 3D-Aufnahme vom Patienten-Herz in ihr Blickfeld projiziert. Während des Eingriffs sieht sie das Bild, das bisher auf einem separaten Monitor im OP-Saal zu sehen war, direkt vor sich, kann es drehen und von allen Seiten begutachten. Und dadurch bei der Operation präziser und sicherer arbeiten.

Die Technologie ist eine Neuheit. Das amerikanische Start-Up apoQlar entwickelte die Software für die Hololens-Brillen der Firma Microsoft. Dr. med. Olaf Göing, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II, hat das Projekt am Sana-Klinikum initiiert. „Wir sind die erste Klinik, bei der die Technologie im Bereich Kardiologie eingesetzt wird“, sagt der Mediziner.

Verbesserte Über- und Einsicht

„Wir können bei Operationen dadurch besser sehen, wo einzelne Teile des Herzens verlaufen, beispielsweise die Herzscheidewand. Denn jedes Herz ist anders – es gibt kleine und große, manche haben vielleicht eine Narbe oder sind anatomisch verzogen, weil sie schon einmal operiert worden.“

Hat ein Patient beispielsweise einen Tumor, können alle anderen Bestandteile des 3D-Bildes ausgeblendet werden, sodass nur das Geschwür selbst zu sehen ist, dieses kann dann von allen Seiten begutachtet werden. „Das kann auf lange Sicht sogar aufwendige Katheteranlagen überflüssig machen“, sagt Göing.

Sogar eine Fusion der einzelnen Ebenen steht in bestimmten Bereichen kurz bevor – mithilfe von Markierungspunkten könnten das echte und das digitale Herz im Blickfeld bald übereinandergelegt werden, damit wäre noch präziseres Arbeiten möglich. Eine andere Rolle spielt die Ausbildung neuer Ärzte, auch dafür sei die Technologie spannend.

Vernetzung und Zeitersparnis

„Und die Vernetzung von Medizinern auf der ganzen Welt wird dadurch vereinfacht. Man kann bei einer OP jetzt einen Fachmann hinzuschalten, der in Amerika sitzt, der sonst hätte eingeflogen werden müssen. Der Kollege kann zuschauen – und dann beispielsweise sagen: Achtung, noch zwei Millimeter, dann kommt die Aorta.“

Die Zeit, die gespart wird, könne letztlich in die Arbeit mit den Patienten fließen, sagt Göing. Am Freitag und Sonnabend wird das Projekt bei einem Kardiologen-Symposium im Hotel InterContinental vorgestellt. Dann wird eine Ärztin einem Patienten einen Schrittmacher einsetzen; was sie durch die Brille sieht, wird zum Kongress übertragen.

Es ist nicht das einzige Projekt, mit dem der Chefarzt beschäftigt ist – Göing beobachtet den Gesundheitsmarkt, der sich durch die Digitalisierung im Umbruch befindet, genau. Derzeit tauscht er sich auch mit Forschern der Universität Stanford aus, es geht um eine neue Verwendung der Apple Watch, die bisher vor allem als Fitnesstracker eingesetzt wird. Mithilfe Künstlicher Intelligenz kann die Uhr bei Patienten Vorhofflimmern erkennen.