Winziger Urvogel-Schädel, konserviert in 99 Millionen Jahre altem Bernstein
Foto: Xing Lida

PekingEingeschlossen in 99 Millionen Jahre altem Bernstein aus Myanmar haben Forscher den vollständigen Schädel eines kleinen Vogels entdeckt. Er misst gerade einmal 7,1 Millimeter. Oculudentavis khaungraae, wie Wissenschaftler die neue Art genannt haben, ist damit die kleinste bisher bekannte Art vogelähnlicher Dinosaurier, berichtet die Gruppe um Lida Xing von der China University of Geosciences in Peking im Fachblatt Nature. Die Größe des Tieres entspricht etwa der einer Bienenelfe, des heutzutage kleinsten Vogels.

Der Gattungsname Oculudentavis ist von den lateinischen Bezeichnungen für Auge, Zahn und Vogel abgeleitet. Das urtümliche Tier weist einige Besonderheiten auf. So besteht der äußere Ring der Augenhöhle aus 14 Knöchelchen, die löffelartig geformt sind, wie es sonst nur von Eidechsen bekannt ist. Oculudentavis khaungraae trug zahlreiche Zähne an seinem Schnabel – mehr als andere Vögel aus seiner Zeit. Sie steckten auch nicht in Zahnhöhlen des Kiefers, sondern waren seitlich an ihm befestigt. Die Zahngrößen und Formen sind recht variabel.

Weil die Augenhöhle recht klein ist und nicht viel Licht in die Pupille fallen konnte, vermutet das Team um Xing, dass der Urvogel am Tag aktiv war. Die vielen Zähne lassen darauf schließen, dass sich Oculudentavis khaungraae von Tieren ernährte, wegen seiner geringen Größe wohl vor allem von wirbellosen Tieren wie Insekten oder Würmern.

So könnte der winzige Urvogel Oculudentavis khaungraae ausgesehen haben.
Foto: Han Zhixin

Schwierigkeiten bereitete es den Forschern, Oculudentavis khaungraae in den Stammbaum der Vögel einzuordnen. „Die Größe und die Formen dieser Art lassen auf einen bisher unbekannten Bauplan schließen“, schreiben die Wissenschaftler. Nach einem Vergleich mit 257 anderen fossilen Arten schlagen sie einen Platz zwischen dem legendären Urvogel Archaeopteryx und der Gattung Jeholornis vor.

Dabei ist die neue Art sehr viel kleiner als seine vermutlich nächsten Verwandten und wog womöglich nur zwei Gramm. Vielleicht habe er sich in einer abgeschotteten Umgebung entwickelt, etwa auf einer Insel. Dies würde auch zur Theorie passen, dass die Bernsteine im nördlichen Myanmar auf Inseln entstanden sind. Aus Verwachsungen zwischen verschiedenen Knochen schließen die Forscher, dass das Tier erwachsen oder fast erwachsen war.

Durchleuchtet: Computertomografie-Scan des Schädels.
Foto: Li Gang

In einem Kommentar, ebenfalls in Nature, schreibt Roger Benson von der University of Oxford in Großbritannien: „Die Entdeckung legt nahe, dass sich die Miniaturkörpergrößen bei Vögeln früher als bisher bekannt entwickelt haben und könnte Einblicke in den Evolutionsprozess der Miniaturisierung geben.“ Die Hoffnung auf weitere Entdeckungen in Bernstein aus Myanmar sei nach dieser Entdeckung groß - insbesondere für winzige Tiere. (dpa/fwt)