Einige Schimpansen sitzen beim Angeln von Termiten. 
Foto: imago images/blickwinkel

BerlinSchimpansengruppen nutzen verschiedene Techniken zum Termitenangeln - und das in überraschend großer Vielfalt. Zudem geben die Tiere ihre jeweilige Technik von Generation zu Generation weiter. Dies sei ein Hinweis darauf, dass Schimpansen – ähnlich wie Menschen – Traditionen und Kultur besitzen, schreiben Forscher um Christophe Boesch vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie im Fachblatt Nature Human Behaviour.

Die Frage, welche Eigenschaften den Menschen vom Tier trennen, wird seit langem diskutiert. Die Primatenforscherin Jane Goodall beschrieb 1964, wie Schimpansen (Pan) in Tansania mit einem Stock Termiten aus einem Erdhügel fischten, und belegte damit, dass der Gebrauch von Werkzeugen keine exklusiv menschliche Fähigkeit ist. Und seit Jahren mehren sich Anzeichen dafür, dass auch die Weitergabe kultureller Praktiken nicht dem Menschen vorbehalten ist.

Das bestätigt das Pan African Programme: The Cultured Chimpanzee (PanAf), bei dem Wissenschaftler seit 2010 an 40 Standorten in unterschiedlichen afrikanischen Ländern Schimpansen-Populationen beobachten. Auf Grundlage von 1600 Aufzeichnungen erstellte das Team um Boesch einen detaillierten Katalog jener Verhaltensweisen, die Tiere aus zehn Schimpansengruppen beim Termitenfischen zeigten.

Wonga-Wongue-Schimpansen in Gabun legen sich zum Termitenfischen auf die Seite. Foto: ANPN Gabon

Bislang dachte man, dass es zwei Formen gibt - egal ob es sich um oberirdische oder unterirdische Termitenbauten handelt. Die Forscher beschreiben dagegen nun 38 Elemente – etwa die verwendete Hand oder die Körperhaltung –, aus denen sich der Vorgang des Angelns zusammensetzt. In jeder Gruppe wurde ein Teil der Elemente genutzt und auf unterschiedliche Weise kombiniert. Angehörige derselben Gruppe hatten mehr Verhaltensweisen gemein als Schimpansen anderer Gemeinschaften.

„Die Vielfalt der Techniken, die Schimpansen beim Angeln von Termiten anwenden, war für mich eine große Überraschung. Jede Gemeinschaft verfügt nicht nur über ihre ganz eigene Art des Angelns, sondern kombiniert auch eine Reihe verschiedener technischer Elemente in ganz eigenen Formen“, erläutert Boesch. „Die auffallendsten Beispiele dafür sind, wie die Wonga-Wongue-Schimpansen in Gabun sich normalerweise auf die Seite legen, um Termiten zu fischen, während die Korup-Schimpansen in Kamerun sich auf den Ellbogen stützen und die Schimpansen aus Goualougo in der Republik Kongo beim Angeln sitzen.“

Dass die jeweilige Technik ein Resultat der Umwelt ist, schließen die Forscher aus. Die Menschenaffen leben in ähnlichen Lebensräumen mit vergleichbaren Ressourcen. Die Unterschiede gingen darauf zurück, dass innerhalb der Gruppen verschiedene Angeltraditionen weitergegeben würden. Sind diese weder durch die Umwelt noch genetisch bedingt, würde es sich um kulturelle Traditionen handeln.

Boesch vergleicht die Vielfalt des Termitenfischens mit menschlichen Esskulturen: „In Thailand und Japan zum Beispiel sind die Essstäbchen nicht nur irgendwie anders geformt, sondern auch die Art, wie sie gehalten werden, unterscheidet sich.“ Er erläutert weiter: „In La Belgique in Kamerun formen Schimpansen ihre Stäbchen, indem sie sie zerfasern, um eine lange Bürste zu erhalten. Dann legen sie das mit Termiten bedeckte Stäbchen während des Essens auf ihr Handgelenk. An einem anderen Ort in Kamerun namens Korup hingegen machen die Schimpansen überhaupt keine Bürste und benutzen ihren Mund, um den eingeführten Stock zu schütteln, während er sich im Erdhügel befindet.“

Für die Forscher stellt die Diversität nur einen kleinen Einblick in den vermuteten kulturellen Reichtum von Schimpansen dar. Im Vergleich zum Menschen basierten Erkenntnisse bei den Affen auf Untersuchungen einer begrenzten Zahl von Populationen. „Was wir zuvor über Schimpansen wussten, stammte aus höchstens 15 Gemeinschaften“, sagt Ko-Autor Hjalmar Kühl.

„Durch das PanAf-Projekt konnten wir viel mehr Gemeinschaften untersuchen und dadurch mehr über den Reichtum der Schimpansenvielfalt und -kultur erfahren und konnten zeigen, dass es noch so viel mehr zu entdecken gibt“, ergänzt er. Für die Forscher ist das Fazit ihrer Studie: „Die Arbeit verkleinert die Kluft zwischen den kulturellen Fähigkeiten von Schimpansen und Menschen beträchtlich.“ (dpa/fwt)