Aarhus/Frankfurt - Bei älteren Menschen geht einer dänischen Studie zufolge das Schlaganfallrisiko zurück. Die Forscher hatten dazu Daten des nationalen Gesundheitsregisters ihres Landes ausgewertet. In Deutschland sei es wahrscheinlich ähnlich, sagte der 1. Vorsitzende der Deutschen Schlaganfallgesellschaft (DSG), Helmuth Steinmetz.

Ein Schlaganfall entsteht meist durch ein Blutgerinnsel im Hirn (ischämischer Schlaganfall), seltener durch eine Blutung (hämorrhagischer Schlaganfall). In beiden Fällen erhalten Teile des Hirns zu wenig Sauerstoff und sterben ab. „Der Schlaganfall ist ein Hauptgrund für Tod und Behinderung in der Welt“, sagt Studienautor Henrik Toft Sørensen von der Universitätsklinik Aarhus.

Grundlage der im Journal Neurology veröffentlichten Studie waren alle Daten von erstmals aufgetretenen Schlaganfällen aus dem dänischen Gesundheitsregister der Jahre 2005 bis 2018. Die Forscher fanden 8680 Schlaganfälle bei Menschen von 18 bis 49 Jahren und 105.240 Schlaganfälle bei Menschen ab 50 Jahre.

Ergebnis: Die Rate der Schlaganfälle bei der jüngeren Gruppe blieb in der Zeit recht konstant. Bei der älteren Gruppe sank die Zahl der Blutgerinnsel-bedingten Schlaganfälle von 372 im Jahr 2005 auf 311 im Jahr 2018 – jeweils berechnet pro 100.000 Personenjahre. Bei den von Blutungen verursachten Schlaganfällen verringerte sich diese Zahl von 49 auf 38. Bei Menschen in den 50ern sei die Rate bei beiden Arten von Schlaganfall noch stabil geblieben, eine starke Abnahme habe sich jedoch bei den Menschen ab 70 Jahre gezeigt, schreiben die Forscher.

Schlaganfall-Symptome

Typische Schlaganfall-Symptome:
1. Taubheitsgefühl, Lähmungen oder Schwächen auf einer Körperseite – etwa an Armen, Beinen oder im Gesicht
2. Störungen beim Sprechen, beim Verständigen, beim Lesen und Schlucken
3. Sehstörungen, wie beispielsweise Doppelbilder oder verschwommenes Sehen
4. Schwindel mit Gangunsicherheit
5. Plötzliche Bewusstseinstrübung bis zur Bewusstlosigkeit
6. Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit
7. Starke Kopfschmerzen

Dauer der Symptome: Die Symptome können ganz plötzlich auftreten und einige Minuten bis Stunden andauern und danach wieder abklingen. Beeinträchtigungen, die länger als 24 Stunden anhalten, bezeichnet man als vollendeten Schlaganfall.

„Die Abnahme, die wir fanden, könnte mit einer besseren Therapie der Risikofaktoren für Schlaganfall zusammenhängen, wie etwa Vorhofflimmern und Bluthochdruck, ebenso aber mit der fallenden Raucherrate in der Bevölkerung“, sagt Sørensen

„Das ist eine tolle Studie, weil sie ein ganzes Land erfasst – eine wirklich repräsentative Erhebung“, kommentiert der DSG-Vorsitzende Steinmetz, der die Klinik für Neurologie am Uniklinikum Frankfurt leitet. „Das Ergebnis der Studie kann man meines Erachtens auf Deutschland übertragen.“ Hier gebe es kleinere Studien mit ähnlichen Resultaten. „Eine solche nationale Studie wie in Dänemark ist aber aus Datenschutzgründen bei uns bisher leider nicht möglich.“

Steinmetz verwies darauf, dass zwar die altersbezogene Rate der Schlaganfälle in Deutschland wahrscheinlich sinke, nicht aber zwangsläufig die absolute Zahl, da die Bevölkerung insgesamt immer älter werde.

Auch in Deutschland habe das Rauchen abgenommen, hoher Blutdruck werde besser therapiert und Vorhofflimmern eher erkannt, sagt Steinmetz. Die Verbesserungen in diesen Bereich hätten sich wahrscheinlich deswegen nicht auf die jüngeren Menschen ausgewirkt, weil es bei ihnen generell noch keinen so großen Zusammenhang zwischen diesen Risikofaktoren und dem Schlaganfall gebe. Beim Rauchen beispielsweise betrage die Zeit bis zu dieser schädlichen Folge meist Jahrzehnte.

Test für Augenzeugen

Der FAST-Test ermöglicht es, einen Schlaganfall-Verdacht zu prüfen. Die Abkürzung FAST steht für Face (Gesicht), Arm (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit):

1. Face: Der Betroffene wird um ein Lächeln gebeten. Verzieht sich das Gesicht einseitig, deutet das auf eine Gesichtslähmung hin.
2. Arm: Man bittet die Person, die Arme nach vorne zu strecken und die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer einseitigen Lähmung funktioniert das nur mit einem Arm. 
3. Speech: Anschließend wird getestet, ob der Betroffene einen einfachen Satz nachsprechen kann. Gelingt das nicht oder klingt der Satz undeutlich, ist das als Warnsignal zu werten. Wenn auch nur eine der drei Reaktionen auffällig ist, muss sofort der Notruf 112 gewählt werden.
4. Time: In einem solchen Fall zählt jede Minute.

App Die Deutsche Schlaganfall-Hilfe bietet den Test auch als kostenlose App an. 

Vorhofflimmern werde trotz der Verbesserungen aber immer noch zu wenig erkannt, weil es kaum Symptome gebe, sagt der Neurologe. Wer öfter über mehrere Minuten einen unregelmäßigen Herzschlag habe, sollte ein EKG beim Arzt machen lassen, das Vorhofflimmern anzeige.

Auch in Deutschland weniger Sterbefälle durch Schlaganfall

Die Todesraten gemessen bis zu einem Monat nach dem Schlaganfall sanken in der dänischen Studie während der 14 Jahre drastisch. Bei einem ischämischen Schlaganfall in der jüngeren Gruppe von 2,3 auf 0,1 Prozent, bei den Älteren immerhin von 8,2 auf 6,0 Prozent. Beim Blutungs-bedingtem Schlaganfall war die Tendenz ähnlich.

Auch in Deutschland sterben immer weniger Menschen am Schlaganfall. Eine große Verbesserung hätten die dafür spezialisierten Stroke Units gebracht, sagt Steinmetz. 90 Prozent der Bevölkerung lebten in Deutschland weniger als 30 Autominuten von einer solchen Klinikabteilung entfernt. „Wir empfehlen in der Regel, die 112 anzurufen, anstatt sich von Laien fahren zu lassen.“ Der Notdienst kenne die Klinikbelegung besser und könne Stationsärzte vorwarnen.

In Berlin zog die Charité kürzlich eine positive Bilanz der Stroke-Einsatz-Mobile (Stemo), mit deren Hilfe Menschen bei einem Schlaganfall schon am Einsatzort behandelt werden. Das relative Risiko, nach drei Monaten durch schwerere Behinderungen eingeschränkt zu sein, war beim Einsatz dieser Fahrzeuge um 29 Prozent verringert. „Für Metropolen ist das ein interessantes Konzept, bei geringeren Bevölkerungsdichten eher weniger“, meint Steinmetz. (dpa/fwt)