Berlin - Der 23. August 2020, ein Sonntag, verändert das Leben von Ron Scheduikat. Er ist gerade im Urlaub mit seiner Frau und dem fünf Monate alten Baby. Sie sind an der Ostsee, Insel Usedom, sie haben eine Ferienwohnung in Trassenheide. Am Abend wollen Scheduikat und der Vermieter den Fußballern des FC Bayern im Finale der Champions League gegen Paris St. Germain zuschauen, drüben in Zinnowitz in einer Bar. Doch am Morgen trifft den 30-Jährigen der Schlag.

„Eine halbe Stunde nach dem Aufstehen war das“, erzählt der Berliner. „Ich habe plötzlich auf einem Auge nichts mehr gesehen, als ob jemand eine schwarze Blende davorgeschoben hätte.“ Bohrende Kopfschmerzen stellen sich ein. „Meine Frau hat schnell reagiert und einen Krankenwagen gerufen.“ Das nächste, an das sich Scheduikat wieder klar erinnern kann, ist eine Intensivstation in Greifswald.

Juveniler Schlaganfall nennt sich das, was ihm an jenem Sonntag widerfahren ist. Im Alter zwischen 18 und 55 Jahren erleiden pro Jahr in Deutschland rund 30.000 Menschen einen solchen Hirninfarkt, bei dem sich ein Blutgefäß zusetzt und Teile des Gehirns nicht mehr versorgt werden, absterben können, was zu Lähmungen führt, zu Sprachstörungen oder eben zu einer Sehbehinderung.

In Scheduikats Alter kommt der Schlaganfall selten vor. Das Berliner Schlaganfallregister weist jährlich etwa 240 Fälle bei den unter 40-Jährigen aus. Das sind bei insgesamt rund 12.000 Patienten mit diesem Krankheitsbild rund zwei Prozent. Die Quote steigt mit dem nächsten Lebensjahrzehnt bereits auf 5,5 Prozent.

Loch in der Herzwand kann zu Schlaganfall führen

Schlaganfälle im hohen Alter werden oft durch Gefäßverkalkung hervorgerufen. In jüngeren Jahren dagegen lässt sich die Ursache nicht immer eindeutig bestimmen. Ein Loch in der Herzscheidewand ist wahrscheinlich der Auslöser bei Scheduikat gewesen. Ein Gerinnsel muss hindurchgeschlüpft sein und sich auf den Weg ins Gehirn gemacht haben. Ein solches Loch im Herzen haben viele Menschen, oft unerkannt, etwa 20 Prozent der Bevölkerung, jeder Fünfte also, deshalb nennen es Mediziner eine Normvariante.

„Ich hätte damit gut weiterleben können, aber man hat mir empfohlen, sicherheitshalber das Loch schließen zu lassen“, sagt Scheduikat. Er sitzt auf einer Bank im Schlosspark Pankow, Basecap, Läufermontur, Joggingschuhe. Er ist in flottem Tempo hierher zum Treffpunkt getrabt, und es erscheint unglaublich, was er jetzt erzählt: Dass ihm erst vor drei Monaten in der Charité, Campus Benjamin Franklin, zwei Schirmchen eingesetzt worden sind, rund ein Zentimeter im Durchmesser, eins auf der linken, eins auf der rechten Seite der Herzwand, eingeführt durch die Beinschlagader bei lokaler Betäubung. „Man sieht alles auf einem Bildschirm, spricht mit den Ärzten, kann sogar zum Bein schauen und sehen, was da passiert“, sagt Scheduikat.

Nach 14 Tagen hat er wieder mit dem Laufen begonnen. Scheduikat ist passionierter Läufer, hat 21 Marathons in seinem jungen Leben schon absolviert, den ersten mit 18 Jahren. Er arbeitet seit fünf Jahren für eine Agentur, die für einen großen Sportausrüster sogenannte Runners Communitys betreut, Gruppen von passionierten, teils ambitionierten Hobbysportlern. Scheduikat ist für die Standorte Hamburg, Frankfurt und München zuständig, pendelt regelmäßig mit dem ICE.

Er selbst will demnächst einen Ultralauf bestreiten. Für den Zugspitz Ultratrail über 103 Kilometer und 5.340 Höhenmeter hatte er sich bereits angemeldet. Mitte Juli sollte der stattfinden, doch der Wettbewerb wurde wegen der Corona-Pandemie abgesagt. „Vielleicht“, sagt Scheduikat, „nehme ich stattdessen im Spätsommer am Innsbruck Alpine über 110 Kilometer teil.“ Er hat sich kürzlich am sportmedizinischen Institut der Charité einer Leistungsdiagnostik unterzogen. „Die Ärzte dort haben grünes Licht gegeben.“

Er hat Glück gehabt. Glück, dass seine Frau blitzschnell reagierte. Und Glück, dass die Besatzung des Rettungswagens auf dem Weg von Trassenheide aufs Festland fachkundig die rasche Erstversorgung übernahm, die entscheidend ist, um die Folgen des Schlaganfalls abzumildern. Scheduikat kann wieder auf beiden Augen sehen. „Ich habe lediglich eine blinden Fleck auf der einen Seite“, sagt er und zeigt auf einen Wasserspender in einigen Metern Entfernung. „Wenn ich meinen Kopf leicht bewege, kann ich den ganz normal erkennen. Sonst ist er für mich unsichtbar, aber wenn man geht oder läuft, bewegt man sich ja.“

Lipoprotein (a) als Risikofaktor

Bereits in der Klinik in Greifswald haben die Ärzte nach den Ursachen für Scheduikats Hirninfarkt gesucht, gleich nachdem er die Intensivstation verlassen hatte. Einen Tag lag er dort. Dann folgte Test auf Test. Gefahndet wurde nach möglichen Risikofaktoren. Etwa im Blut. Gerinnungsstörungen können zu Problemen führen. Ein Überschuss an bestimmten Blutfetten als Auslöser in Frage kommen. Oder das Eiweiß Lipoprotein (a), dass dazu da ist, kleine Verletzungen in den Blutgefäßen zu stopfen. Ist durch eine genetische Disposition zu viel davon vorhanden, lagert es sich ab, bindet Kalk, Fette, Eiweiße.

Den Ergebnissen einer dänischen Langzeitstudie von 2008 zufolge erhöht Lipoprotein (a) das Risiko eines Infarkts um den Faktor drei bis vier. Auch weil es die Blutgerinnung beschleunigt und Entzündungen an den Gefäßwänden hervorrufen kann. Analysiert wurden die Gesundheitsdaten von knapp 10.000 gesunden Männern und Frauen. Höher ist das Risiko laut Studie nur für Raucher.

„Rauchen“, sagt auch Professor Darius Nabavi, Neurologe am Klinikum Neukölln, „muss man immer wieder anprangern.“ Eine Verbindung zu Schlaganfällen sei klar zu erkennen, ebenso zu Herzinfarkten, wobei Nabavi Wert auf eine Unterscheidung legt. „Herzinfarkte sind nahezu monofaktoriell“, sagt er, „sie entstehen fast ausschließlich durch Arteriosklerose.“ Für Schlaganfälle dagegen gelte: „Je jünger der Patient, desto vielfältiger können die Risikofaktoren sein.“

Ein Loch in der Herzwand, durch das ein Gerinnsel entwischt, das normalerweise von der rechten Herzkammer in die Lunge weitergeleitet wird, wo es sich auflöst. Ins Gehirn fehlgeleitet, kann es verheerende Folgen haben. Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einem solchen angeborenen Durchgang zwischen rechter und linker Herzkammer. Die meisten werden allerdings alt damit, ohne etwas zu merken. Autopsien bei über Hundertjährigen haben gezeigt, dass diese Art von Normvariante bei Betagten ähnlich häufig auftritt wie bei Jungen.

Statistik – sie ist in der Medizin ein wichtiges Hilfsmittel. Bei juvenilen Schlaganfällen hilft sie allerdings kaum; zu vielfältig sind die Ursachen, zu gering die Fallzahlen. Auch die Corona-Pandemie hat zu keinem nennenswerten Anstieg geführt. Zwar häuften sich zu Beginn der ersten Welle im Frühjahr 2020 Meldungen von schweren Schlaganfällen aus New York City, die auch in Deutschland unter Medizinern Besorgnis auslösten. „Wir wussten nicht, was da auf uns zukommt“, sagt Navabi. Doch am Ende führte Covid-19 nicht zu mehr Schlaganfällen als andere schwere Infekte, bei denen das Blut dickflüssiger wird; eine Grippe erhöht das Risiko um zehn Prozent.

Ron Scheduikat beschäftigt sich, wenn überhaupt, wieder mehr mit anderen Zahlen. Sechsmal in der Woche trainiert er inzwischen, 70 bis 100 Kilometer legt er dabei insgesamt zurück. Er fühlt sich wieder fit. Was ihm von dem Schlaganfall bleibt, ist der blinde Fleck im Auge und das komische Gefühl, einen Fremdkörper im Herzen zu haben: einen Occluder, das doppelte Schirmchen, das über die Lungenvene in seinen Brustkorb kam. Er spürt es nicht, aber er denkt oft daran. Zum Beispiel, wenn er seine Medikamente nimmt, die das Blut verdünnen.

Am Donnerstag hat er eine Nachuntersuchung. Die Ärzte wollen sehen, ob das Schirmchen noch da sitzt, wo es hingehört. „Wahrscheinlich wird ein Schluckecho gemacht, wie damals in Greifswald“, sagt Scheduikat. „Das funktioniert wie eine Magenspiegelung. Ein Schlauch mit Sonde wird durch die Speiseröhre eingeführt – sehr unangenehm.“

Gut möglich, dass ihn das auch wieder an den 23. August erinnert, an die Angst, dass es vorbei sein könnte von einem Moment auf den anderen. An die Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen. An Sätze wie: „Ich will meine Tochter aufwachsen sehen.“ Scheduikat sagt: „Das hat mich lange begleitet.“

Inzwischen weiß er, „dass so etwas passiert. Ich gehe aber davon aus, dass es mir nicht mehr passiert.“ Das klingt nach Warnung und Beruhigung zugleich, nach einem guten Schluss einer Geschichte jedenfalls. Ron Scheduikat steht von der Bank auf, verabschiedet sich. Dann läuft er los.