Ein Aneurysma im Gehirn, das die Durchblutung bremst, gehört zu den Ursachen eines Schlaganfalls.
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BerlinDer 10. Mai ist auch 2020 wieder ein besonderer Tag. Ja, es ist in diesem Jahr der Muttertag, aber er ist vor allem auch regelmäßig der „Tag de Schlaganfalls“. Dieser Tag soll daran erinnern, dass in Deutschland jährlich mehr als 270.000 Menschen einen Schlaganfall erleiden - und dass man etwas dafür tun muss, um vorzubeugen und um rechtzeitig zu helfen. Ich weiß, wovon ich schreibe. Denn ich habe schon drei Anfälle hinter mir.

Sonnabend, 23 Uhr. Bruce Willis im Fernsehen. Das ist wichtig zu schreiben, denn daran erinnere ich mich. An vieles andere nicht mehr. Es war der 8. September 2007. Der Tag meines ersten Schlaganfalls.

Es fing alles an wie im Lehrbuch. Erst Schwindelgefühle, Sehschwächen. Dann leichte Lähmungserscheinungen in der linken Gesichtshälfte, im linken Arm, im linken Bein. Herzklopfen bis in den Hals. Schwierigkeiten meiner Frau zu sagen, wie es mir gerade geht. Die Worte wollen nicht kommen. Schrecken in den Augen meiner Frau. Dann ein Panik-Anruf von ihr: 112.

Ich hatte viel Glück. Diesen Satz werden Sie noch mehrmals lesen

Wir wohnten in der Nähe des Urban-Krankenhauses. Zum Zeitpunkt des Anrufes fuhr zufällig vor unserer Haustür ein Notarztwagen vorbei, der gerade einen Patienten im Urban abgeliefert hatte. „Jede Sekunde hilft“, mahnt die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe. Das weiß ich jetzt auch.

Aneurysma in der linken Gehirnhälfte, zu hoher Blutdruck, zu viel Stress. Diese tickende Bombe war explodiert. Reha im Klinikum Steglitz.

Ich, der 2-Meter-Kerl, hüpft mit anderen Patienten im Kreis und fängt Luftballons. Manchmal klappt es sogar. Sprach-Training. Ich! Die größte Klappe in unserer Redaktion. Lallen auf Anweisung. Ich moderierte früher auf der Bühne und leitete Talkrunden. Ein Gottschalk für Arme - mit Spaß an der Sprache. Jetzt versucht ein junger überforderter Therapeut mir das Sprechen beizubringen. Wieder beizubringen.

„Ich verliere nie. Ich gewinne oder lerne dazu“

Angst vor der Zukunft, Versagensängste, Erschöpfung. „Halten Sie durch und wählen Sie sich ein Motto“, sagte der Arzt. Habe ich. Bis heute: „Ich verlieren nie. Entweder gewinne ich oder ich lerne.“ Klappt bis heute. Und stimmt.

Nach sieben Wochen war ich raus aus der Tretmühle. Steglitz meide ich seitdem. Zu viele schlechte Erinnerungen.

Geblieben sind eine leichte Lähmung der linken Gesichtshälfte. Das linke Auge und der linke Mundwinkel hängen ein wenig. Zeitweise habe ich noch Sprachstörungen. Die Worte kommen manchmal sehr viel später, als ich sie denke. Das passiert aber leider nie, wenn ich einmal Gesagtes vorher noch etwas länger hätte überdenken sollen. Murphy ist mein ständiger Begleiter.

Mehr ist nicht geblieben. Ich hatte viel Glück.

Geblieben war aber die Angst, dass es wieder passiert. Und es passierte wieder. 9. Februar 2012. Shopping-Center Alexa. Ich bin filmreif umgekippt. Im Buch-Club, in einen Lesesessel. Die freundliche Buch-Beraterin hielt es erst für einen Scherz. Nein, war es nicht. Es war mein zweiter Schlaganfall.

Ein Herzkatheter ist auch ein besonderes Erlebnis

Diesmal: Aufwachen im Klinikum an der Landsberger Allee. Und auch diesmal wieder das volle Programm. Inklusive Herzkatheter-Untersuchung. Ich spürte schnell; Das wird nicht mein Lieblings-Hobby. Was ist schlimmer? Die Untersuchung oder die Bilder im Kopf? Diagnose: Zu große Herzkammer, Aneurysma in der linken Gehirnhälfte, zu hoher Blutdruck, zu viel Stress. Das Aneurysma ist zu klein, um es operativ zu entfernen, vielleicht wird es rausgespült. Tolle Vorstellung!

„Kommen Sie runter!“ Bohrende Blicke der Ärzte. Ja, ja. In der Redaktion: Hamburger Modell und rücksichtsvolle Chefs. Ich hatte viel Glück. Wieder einmal.

In Deutschland erleiden jährlich rund 270.000 Personen einen Schlaganfall, wobei zu 80 Prozent Menschen ab einem Alter von 60 Jahren betroffen sind. Knapp 200.000 davon sind erstmalige Schlaganfälle. Im Jahr nach dem Erleiden eines Schlaganfalls versterben bis zu 40 Prozent der Betroffenen. Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache. Etwa 64 Prozent der Überlebenden bleiben pflegebedürftig, davon müssen ca. 15 Prozent in einer Pflegeeinrichtung versorgt werden. Generell gilt der Schlaganfall als die häufigste Ursache für im Erwachsenenalter erworbene Behinderungen. 

Was ist geblieben? Zusätzlich zu den leichten Lähmungen und partiellen Sprachproblemen vermehrt Angstzustände und eine leichte anterograde Gedächtnisstörung. Oder anders: Ich kann mir schlicht keine Personennamen merken! Und das gepaart mit einem fotografischen Gedächtnis! Tolle Mischung! Ich erkenne alles und alle wieder - weiß aber nicht, wie sie heißen. Und das als Redakteur. Aufschreiben hilft. Schreiben kann ich. Es hätte schlimmer kommen können. Ich hatte viel Glück.

Manchmal kommt ein Schlaganfall – und man merkt es nicht

November 2015. Den Tag kann man nicht nennen, denn meinen dritten Schlaganfall hat niemand bemerkt. Ich nicht und behandelnde Ärzte nicht. Erwischt haben wir ihn durch eine Therapie wegen andauernd zu hohen Blutdrucks. Keine Reha, Kurantrag. Ablehnung. „Ihre Symptome können ambulant behandelt werden!“ Ach was.

Bleibe ich halt mitten im Leben. Wahrscheinlich habe ich auch hier wieder viel Glück gehabt. Habe ich etwas gelernt? Ja. Man darf sich nicht aufgeben. Man verliert nie, man gewinnt oder lernt. Mit schweren Folgeerscheinungen oder nur mit leichten, wie bei mir. Und es ist unbeschreiblich wichtig, den richtigen Partner, die richtige Partnerin an der Seite zu haben, damit einige Symptome der Nach-Schlaganfallzeit aufgefangen werden. Da habe ich mit meiner Frau sehr großes Glück gehabt.

Weniger Stress? Das setzt mich unter Stress

Was habe ich nicht gelernt? Runterkommen. Kommt noch. Wie war das noch einmal? Weniger Stress, das Richtige essen und viel Sport. Angstfreier werden, gelassener werden. Einfach normal leben - etwas gesünder als früher. Läuft noch nicht so richtig. Aber bald. Einen vierten Anfall darf es nicht geben.

Bin ich jetzt krank? Nein. Einen Schlaganfall zu erleiden, ist keine Krankheit. Auch nicht nach dem dritten Mal. Es kann jeden treffen: Hochleistungssportler, Kinder, Start-up-Nerds, Rentner. In Zeiten von Corona sind allerdings Menschen mit hohem Schlaganfall-Risiko besonders gefährdet. Es geht um die richtige Durchblutung. Das Virus hat allerdings Angst vor mir. Rede ich mir jedenfalls ein. Ich bin topfit – bis auf allergisch bedingte Asthmaschübe, wenn Birke und Gras sich des Lebens freuen.

Was ich nicht vergesse? Jeder Schlaganfall ist ein Notfall, der tödlich enden kann. Er kündigt sich nicht an, kommt irgendwie, irgendwann. Garantiert dann, wenn man ihn nicht braucht. Denn niemand braucht einen Schlaganfall. Die Bombe tickt noch weiter in mir.

Grafik: mdr
Schlaganfall erkennen und helfen

Der sogenannte FAST-Test hilft bei der Feststellung eines Schlaganfalls. Die betroffene Person soll lächeln (Face). Ist das Gesicht halbseitig verzogen, ist von einer Lähmung auszugehen. Danach soll sie die Arme nach vorne ausstrecken und die Handflächen nach oben drehen (Arms). Auch dies ist bei einer Lähmung nicht möglich. Anschließend soll die Person einen einfachen Satz nachsprechen (Speech). Ist dies nicht möglich, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor. Sind diese Anzeichen gegeben, zählt jede Sekunde (Time).

Der Notruf muss schnellstmöglich mit Hinweis auf den Schlaganfallverdacht verständigt werden. Bei einem Schlaganfall verstopft oder platzt ein Blutgefäß im Gehirn oder ein Gefäß im Halsbereich, das für die Hirnversorgung zuständig ist. Somit werden die Gehirnzellen nicht mehr ausreichend versorgt und können absterben. Durch schnelles Handeln können die Folgen eines Schlaganfalls somit begrenzt werden. Bei jedem Verdacht auf Schlaganfall muss umgehend der Notruf (112) verständigt werden.

Charakteristische Anzeichen für einen Schlaganfall sind Seh- und Sprachstörungen, Lähmung und Taubheitsgefühl, Schwindel mit Gangunsicherheit und ein sehr starker Kopfschmerz. Der Betroffene sollte weder trinken noch Medikamente zu sich nehmen. Bei Bewusstlosigkeit ist er in die stabile Seitenlage zu bringen. Gegebenenfalls muss umgehend mit Wiederbelebungsmaßnahmen begonnen werden.