Berlin - Sie hätten jemanden fragen können, der sich damit auskennt: mit der großen Gefahr für Behinderte und chronisch Kranke durch das Coronavirus und mit ihren besonderen Herausforderungen in einer Pandemie. Die politischen Verantwortlichen hätten auf die Betroffenen hören sollen, bevor sie die Priorisierung beim Impfen aufheben zu einem Zeitpunkt, an dem Impfstoff immer noch knapp ist. Sie hätten dieser Risikogruppe weit früher schon eine höhere Priorität einräumen müssen, statt sie in einer Kategorie mit Steuerberatern oder Journalisten zu verorten. Wären sie richtig beraten, hätten die Verantwortlichen jetzt wenigstens Vorkehrungen getroffen, eine Quote festgeschrieben, Arztpraxen bevorzugt mit Impfdosen versorgt, die sich verstärkt der Schwachen und Gefährdeten annehmen.

Das haben sie nicht getan, sie lassen stattdessen einen Survival-of-the-fittest-Kampf um Impftermine zu. Vorrang den Stärksten an Computertastatur und Telefon - diese Art Impf-Darwinismus hat kein System. Schließlich wurde mit den Betagten beim Impfen anders, geradezu vorbildlich verfahren. Das System scheint allenfalls darin zu bestehen, dass es keines gibt.

Dazu passt die Datenlage, die nicht nur beim Impfstatus von Behinderten und chronisch Kranken unklar ist. Statistiker beklagen seit längerem einen fahrlässigen Umgang mit Zahlenmaterial, etwa zu Infektionsherden und Virenverbreitung. Statt zu lernen aus mehr als einem Jahr Pandemie, werden Beschränkungen pauschal erlassen und wieder aufgehoben.

Die Probleme durch Corona gehen erst noch los

Die Ignoranz hat fatale Folgen, spätestens bei den nächsten Corona-Wellen. Momentan wird der Eindruck erweckt, die Pandemie sei so gut wie vorüber. Dabei gehen die Probleme erst noch los. Wenn die Folgen der Krise zu bewältigen, die Kassen jedoch leer sind. Wenn das Survival-of-the-fittest-Prinzip erneut die Schwachen an den Rand drängt.