Berlin/Darmstadt - Schnappkieferameisen sind formidable Insekten, bei denen zunächst eine eingehendere Betrachtung lohnt. Ihre Mundwerkzeuge, im Fachjargon Mandibeln genannt, sind stark ausgeprägt, kaum gekrümmt und haben an der Spitze zwei oder drei Zähne. Mit dieser Vorrichtung können die Tiere nicht nur Beute machen, sondern sich auch verteidigen. Denn der schnelle Biss – nur 0,13 Millisekunden sind fürs Zuschnappen der Mundwerkzeuge nötig – wird mit einer Art Sprungmechanismus kombiniert. Eindringlinge werden zunächst mit den Mandibeln attackiert, anschließend führen die Schnappkieferameisen einen Weitsprung aus und katapultieren sich damit nicht nur vom Gegner weg, sondern schleudern diesen auch noch nach hinten. Während ihrer bis zu 40 Zentimeter weiten Sprünge kann die Ameise zudem mehrere Saltos machen. Hammer!

Die in tropischen und subtropischen Gebieten verbreitete Schnappkieferameise ist aber nicht nur eine kleine Kampfmaschine, sondern ameisengerecht auch eine fleißige Arbeiterin. Mehr als 70 verschiedene Arten sind bekannt – und dank eines deutschen Forschers kommt nun noch eine weitere hinzu. Philipp Hönle, Doktorand im Fachbereich Biologie an der Technischen Universität Darmstadt, hat im ecuadorianischen Regenwald einen kleinen, unauffällig wirkenden Bewohner ausgemacht und die nur wenige Millimeter lange neue Ameisenart Strumigenys ayersthey  genannt.

dpa/Pensoft Publishers
Und noch mal von vorn: Ansicht des Kopfes einer Strumigenys ayersthey-Ameise.

In diesem Namen steckt zunächst die Ehrung des kürzlich verstorbenen Künstlers und Aktivisten Jeremy Ayers. Aber nicht nur das: Mit ihrer wissenschaftlichen Bezeichnung ist Strumigenys ayersthey auch eine der ersten Arten mit einem geschlechtsneutralen Namen. Die derzeit übliche Nomenklatur-Praxis zur Benennung von Tierarten nach Menschen unterscheidet nämlich nur zwischen männlichen und weiblichen Personennamen und bietet die lateinische Endung -ae für eine Frau oder -i für einen Mann. In diesem Fall aber wurde die Endung durch das englische „they“ ersetzt, ist damit neutral und bezieht auch non-binäre Menschen ein, hebt der Verlag Pensoft Publishers in einer Mitteilung hervor. In dessen zoologischer Zeitschrift ZooKeys präsentiert das Team um Hönle die neue Ameisenart.

Hönle bestätigt, dass die Benennung genau so beabsichtigt war. „Ich würde den Namen als gender-inklusiv verstehen. Die Art ist sozusagen zu Ehren von Jeremy Ayers und der Gender-Diversität benannt“, sagte der Wissenschaftler der Berliner Zeitung. 

Seine ungewöhnliche Entdeckung hatte Hönle im Jahr 2018 während einer ökologischen Studie im Nordwesten Ecuadors gemacht. Überrascht vom Aussehen der Strumigenys-Ameise kontaktierte er Douglas Booher, einen Experten der Yale-Universität. Dieser bestätigte, dass es sich um eine unbeschriebene Art handelte. 2019 versuchte man dann, die Ameise wiederzufinden. Doch unter den Tausenden Tieren, die im Rahmen der Studie gesammelt wurden, fand sich kein weiteres Exemplar derselben Art. Bei Strumigenys ayersthey handelt es sich offenbar um eine seltene und möglicherweise bedrohte Art.

Booher und Hönle hoffen, dass die Beschreibung der neu gefundenen Art den Anreiz zu weiterer Forschung über die Funktion und Evolution von Schnappkieferameisen gibt. Da hoffen wir mit!