Schon vor 1400 Jahren, in der Zeit der Wikinger, erkrankten Menschen an den Pocken. Das konnten Forscher jetzt genetisch an Skeletten nachweisen.
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BerlinDie Pocken gehören zu den am meisten gefürchteten Krankheiten der Geschichte. Sie lösten verheerende Epidemien mit Millionen Toten aus. Allein im 20. Jahrhundert starben an der Krankheit 300 bis 500 Millionen Menschen. Nach einer weltweiten Impfkampagne wurde das Pockenvirus 1980 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell für ausgerottet erklärt. Jetzt haben Forscher der Berliner Charité erstmals wissenschaftlich belegt, dass das Pockenvirus bereits vor 1400 Jahren unter den Menschen zirkulierte. Und zwar im 7. Jahrhundert in Nordeuropa unter den Wikingern. Zugleich stellten sie fest, dass das Pockenvirus eine sehr hohe genetische Diversität – also Vielfalt – besitzt. Sie raten dazu, Tierpockenviren stärker zu beobachten, um ein mögliches Überspringen auf den Menschen rechtzeitig zu erkennen.

Bisher hatte es nur schriftliche Hinweise zum erstmaligen Auftreten der Pocken unter den Menschen gegeben. Historische Schriften deuteten darauf hin, dass es die Pocken bereits vor mehr als 3000 Jahren gegeben haben könnte, heißt es in einer Mitteilung der Charité – Universitätsmedizin Berlin zur neuen Studie. Das bisher älteste Skelett, in dem das Virus genetisch nachgewiesen werden konnte, sei aber nur etwa 360 Jahre alt gewesen. „Es gab also eine Diskrepanz von fast 3000 Jahren zwischen dem, was gemeinhin über die Historie des Pockenvirus angenommen wird, und dem, was man tatsächlich darüber weiß“, sagt der Bioinformatiker Terry Jones, Leiter einer Arbeitsgruppe am Institut für Virologie auf dem Campus Charité Mitte. Er leitete die Studie gemeinsam mit Wissenschaftlern der University of Copenhagen und der University of Cambridge.

„Wir haben also versucht, mithilfe moderner molekularbiologischer Methoden wissenschaftliche Belege für die schriftlichen Hinweise auf ein früheres Auftreten der Pocken zu finden“, sagt Terry Jones. Die Forscher untersuchten dafür das Erbgut von fast 1900 Skeletten, die zwischen 150 und 30.000 Jahre alt waren und aus Europa und Amerika stammten. Dazu gehörten auch Gebeine aus Wikinger-Grabstätten in Dänemark, Norwegen, Schweden, Russland und England. In 13 Fällen gelang es den Forschern, aus den Zähnen und einem Teil des Schläfenbeins der Verstorbenen DNA-Fragmente des menschlichen Pockenvirus anzureichern, wie die Charité mitteilt. Dass es sich tatsächlich um altes Erbgut handelte, belegten die spezifischen Alterungsschäden. 

Elf der Menschen, bei denen das Virus nachgewiesen werden konnte, lebten im Zeitraum von 600 bis 1050, also während der Wikingerzeit. Diese dauerte von 793 bis 1066. „Unsere Studie liefert damit zum ersten Mal einen molekularbiologischen Beweis dafür, dass bereits die Wikinger vom Pockenvirus infiziert wurden“, sagt Barbara Mühlemann, Erstautorin der Studie. Die Wissenschaftlerin des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) arbeitet am Institut für Virologie der Charité. „Wir konnten so die Diskrepanz zwischen historischen Anekdoten und direktem Pocken-Nachweis um etwa 1000 Jahre reduzieren. Wir halten es aber für wahrscheinlich, dass es noch frühere Infektionen gab.“

Die neuen Forschungsergebnisse widersprächen bisherigen Annahmen, unter anderem der, dass die Pocken erst durch zurückkehrende Kreuzritter im 11. bis 13. Jahrhundert nach Europa gebracht worden seien, heißt es aus der Charité. „Auf Basis der jetzt nachgewiesenen Pockenfälle in Nordeuropa und historischer Erzählungen über mutmaßliche Fälle in Süd- und Westeuropa gehen wir davon aus, dass das Pockenvirus spätestens seit dem Ende der Wikingerzeit in Europa weitflächig zirkulierte“, sagt Terry Jones.

Pockenviren besitzen eine äußere Hülle und eine innere sanduhrförmige Membranstruktur.
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Pocken, auch Blattern genannt, werden von Variolaviren (Orthopoxvirus variolae) verursacht. Bei den Krankheitsausbrüchen kam es zu hohem Fieber, schwerem Krankheitsgefühl, Kopf- und Rückenschmerzen, später zu den typischen eitrigen Bläschen und Pusteln, die der Krankheit ihren Namen gaben. Kopf, Hände und Füße waren am stärksten betroffen. Schwere Fälle führten zu Erblindung, Taubheit, Lähmungen, Hirnschäden und Lungenentzündungen. Die damalige Sterblichkeit wird bei Krankheitsfällen ohne Behandlung auf etwa 30 Prozent geschätzt. Die Pocken waren hochansteckend und lösten in Europa ab dem 18. Jahrhundert die Pest als verheerendste Krankheit ab. Jährlich sollen 400.000 Menschen an ihr gestorben sein. Ein Drittel der Überlebenden wurde blind. Zu den berühmtesten Pocken-Kranken gehörten Mozart, Haydn, Goethe und Beethoven, der sein Leben lang von den Blattern gezeichnet blieb. Noch 1873 starben während einer Pockenepidemie in Deutschland etwa 181.000 Menschen.

Besonders verheerend wirkten sich Infektionen mit dem Pockenvirus in Bevölkerungen aus, die zuvor noch keine Bekanntschaft mit dem Erreger gemacht hatten. Ein Beispiel dafür sind die Epidemien unter der indigenen Bevölkerung Amerikas nach der Ankunft der Europäer Anfang des 16. Jahrhunderts. Forscher schätzen, dass damals 25 bis 50 Prozent der Menschen an den Pocken starben. Europäer hatten durch frühere Pockenepidemien eine gewisse Immunität entwickelt, die es unter der indigenen Bevölkerung nicht gab. An der Pazifikküste Nordamerikas fielen der von Spaniern 1775 ausgelösten Pockenepidemie mehr als 11.000 Menschen zum Opfer. Nach weiteren Epidemien waren bis 1850 von den ursprünglich 36.000 Einwohnern nur etwa 9000 am Leben geblieben.

Die Pocken werden heute gerne als Musterbeispiel dafür angeführt, dass man tödliche Krankheiten durch konsequente Impfungen wirkungsvoll eindämmen kann. Millionen Kinder in Deutschland lernten noch jene Ritzimpfung mit einer Lanzette am Oberarm kennen. An der Stelle bildete sich in der Regel eine Pustel und später eine Narbe. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hatte der englische Landarzt Edward Jenner die sogenannte Vaccination entwickelt, eine Impfung mit Material aus Kuhpocken, die vor einer Infektion mit echten Pocken schützte. „Vacca“ ist das lateinische Wort für Kuh. Auch die Vakzination – die Schutzimpfung generell – hat ihren Ursprung in diesem Begriff. Heute weiß man, dass das Vacciniavirus näher mit den Pferdepocken verwandt ist als mit den Kuhpocken.

Im 20. Jahrhundert wurden Impfstoffe aus abgeschwächten Viren entwickelt, auch um die Nebenwirkungen zu verringern. Ab 1967 wurde die Pockenimpfung aufgrund eines WHO-Beschlusses Pflicht. Dem folgte ein weltweiter Impf-Feldzug mit 2,4 Milliarden Impfdosen. Am 8. Mai 1980 stellte die WHO fest, die Pocken seien ausgerottet. Heute lagern Pockenviren in Laboren im US-amerikanischen Atlanta und im russischen Kolzowo. Im Jahre 2014 fand man im Abstellraum der US-Arzneimittelbehörde FDA versiegelte Ampullen mit gefriergetrockneten Pockenviren aus den 1950er-Jahren. Und 2016 zeigte ein kanadischer Mikrobiologe, dass man mit einem kleinen Team und lediglich 100.000 Euro Pockenviren im Labor „nachbauen“ könnte. Die Geschichte der Pocken scheint also nicht endgültig abgeschlossen zu sein. Für den Fall, dass sie – über einen Biowaffenanschlag oder einen Unfall – zurückkehren, haben verschiedene Staaten, darunter auch Deutschland, nach den Terroranschlägen von 2001 Impfstoffvorräte angelegt. 

Zurück zu den bis zu 1400 Jahre alten Pockenviren, die Forscher der Charité in den Gebeinen aus Wikinger-Grabstätten fanden: Einige der Proben waren nach Angaben der Charité so gut erhalten, dass die Forscher komplette Sequenzen des Virus-Erbguts am Computer rekonstruieren konnten. Die Analyse der Sequenzen ergab, dass sich das Pockenvirus, das zu Zeiten der Wikinger zirkulierte, deutlich vom Virus des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Es habe mehr den Pockenviren geähnelt, die heute in Kamelen und Rennmäusen zirkulieren, heißt es in der Mitteilung. Und es habe ein ganz anderes Muster aktiver und inaktiver Gene aufgewiesen. „Das Aktivitätsmuster im Pockenvirus der Wikingerzeit könnte bedeuten, dass das Virus damals nicht nur den Menschen, sondern auch Tiere befallen konnte“, sagt die Studienautorin Barbara Mühlemann. Wie hoch die Sterblichkeit war oder welche Symptome das alte Virus hervorrief, lasse sich allerdings nicht ableiten, so die Charité – auch wenn die genetischen Daten darauf hinwiesen, dass das Virus bei den Wikingern auch Fieber hervorgerufen haben könnte.

„Wir hatten nicht mit einer solchen genetischen Diversität des menschlichen Pockenvirus gerechnet, das hat uns wirklich überrascht“, sagt der Studienleiter Terry Jones.„Die Evolution des Pockenvirus ist deutlich komplexer, als wir angenommen haben.“ Wenn das menschliche Pockenvirus in der Vergangenheit so unterschiedlichen genetischen Pfaden gefolgt sei, könnten sich auch die noch immer zirkulierenden Tierpockenviren ähnlich weitgefächert entwickelt haben – mit möglichen Folgen für die Übertragung der Erkrankung vom Tier auf den Menschen, sagt Terry Jones. „Wir sollten die Tierpockenviren in Zukunft deshalb besser im Blick behalten.“