BerlinAlle Hoffnung ruht im Moment auf den Impfstoffen gegen Covid-19. Nach monatelangen Alltagsbeschränkungen rückt mit ihrer möglichen Zulassung eine zentrale Lösung für die Corona-Krise näher. Mehrere Vakzine sind im Rennen. Deutschland bereitet sich darauf vor, Tausenden Menschen Impfungen gegen das Coronavirus anbieten zu können. Wahrscheinlich soll es kurz nach dem Jahreswechsel losgehen. Was heißt das für Organisatoren, Ärzte und Bürger? Ist ein Ende der Pandemie damit in Sicht? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Impfstoffen und Impfverfahren in Deutschland im Überblick.

Welche Impfstoff-Typen gibt es? 

Weltweit sind derzeit mehr als 200 Impfstoffe in der Entwicklung. Darunter basieren einige auf klassischen Technologien wie virusbasierten Impfstoffen, bei denen abgeschwächte oder inaktivierte Viren injiziert werden. Außerdem gibt es proteinbasierte Impfstoffe. Sie enthalten keine ganzen Viren, sondern nur Bausteine davon: diejenigen Proteine, die sich auf der Oberfläche des Virus befinden und für die Immunreaktion bedeutend sind.

Die Mainzer Firma Biontech hat zusammen mit dem amerikanischen Pfizer-Konzern einen Impfstoff entwickelt, der auf eine neue Technologie setzt. Es handelt sich um ein genbasiertes Vakzin, geimpft wird mit RNA. Auch DNA-Impfstoffe zählen zu den genbasierten Impfstoffen. Bislang wurde kein Impfstoff dieser Art für Menschen zugelassen. Ihr großer Vorteil: Sie sind leicht herzustellen. Innerhalb weniger Wochen lassen sich viele Millionen Impfdosen produzieren. (Hierzu mehr weiter unten im Text) Auch Vektorimpfstoffe, bei denen man andere Arten von Viren als Schleuser nutzt und sie mit Erbmaterial von Sars-CoV-2 als Wirkstoff spickt, zählen zu diesen innovativen Technologien. 

Welche Impfstoffe sind im Rennen?

Der Impfstoff von Biontech und Pfizer steht in der EU kurz vor der Zulassung. (Mehr über das Zulassungsverfahren finden Sie weiter unten im Text.) Großbritannien hatte Anfang Dezember als erstes Land der Welt eine Notfallzulassung für diesen Corona-Impfstoff erteilt. Die ersten Menschen wurden bereits damit geimpft.

Der US-Konzern Moderna entwickelt ebenfalls einen Impfstoff, welcher auf der neuen RNA-Technologie beruht. Dritter Hoffnungsträger ist der Vektorimpfstoff der britisch-schwedischen Firma Astrazeneca. Nach derzeitigen Daten vermeidet dieser Impfstoff mit etwa 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken. Die Wirksamkeit der Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna liegt nach vorläufigen Daten bei etwa 95 Prozent.

Wie funktionieren RNA-Vakzine?

Die sogenannte Boten-RNA (engl.: messenger ribonucleic acid, mRNA) in den Impfstoffen liefert einen Teil der Erbinformation des Virus in die menschlichen Zellen. Sie produzieren mithilfe dieser Informationen ein Protein des Erregers, gegen das der Körper dann Abwehrstoffe entwickelt. Bei späterem Kontakt mit dem Erreger erkennt das Immunsystem das Protein wieder und kann das Virus schnell gezielt bekämpfen. 

Im Fall von Sars-CoV-2 enthalten die meisten Impfstoffkandidaten die genetische Information für die Herstellung eines Bestandteils des sogenannten Spike-Proteins auf der Virusoberfläche. Dieses benötigt das Coronavirus, um in die Zellen einzudringen. Die mRNA ist mit Fettstoffen, sogenannten Lipiden, umgeben. Denn ohne eine solche Fetthülle gelangen sie nicht in die Körperzellen.

Kann der RNA-Impfstoff das Erbgut des Menschen verändern?

Laut Paul-Ehrlich-Institut besteht keine Gefahr, dass die mRNA in das Genom eindringt, das beim Menschen in Form von DNA im Zellkern vorliegt. Um in die menschliche Erbinformation eingebaut zu werden, müsste die RNA des Impfstoffs in die DNA umgewandelt werden. Dazu wären zwei Enzyme notwendig, die menschliche Zellen nicht besitzen. Außerdem wird die mRNA nach Angaben des Robert-Koch-Instituts nach kurzer Zeit von den Zellen wieder abgebaut.

Was sind mögliche Nebenwirkungen?

Laut dem obersten zuständigen Behördenleiter des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, und dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, wurden bei RNA-Impfstoffen bisher nur Nebenwirkungen beobachtet, die bei Impfungen üblich sind: vorübergehende Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schmerzen an der Injektionsstelle, leichtes Fieber, Muskelschmerzen. Sie räumen ein: Langzeiterfahrungen gibt es nicht. Die bisherigen Erfahrungen beschränken sich auf Zeiträume von drei bis vier Monaten. „Es deutet nichts darauf hin, dass es hier Besonderheiten gibt oder irgendwelche schweren Nebenwirkungen“, sagt Cichutek. Diese Erkenntnis beruhe nicht nur auf den Tests an Patienten, sondern auch auf Untersuchungen an Affen und weiteren Studien zu möglichen Folgen.

Wann tritt der Impfschutz ein?

Eine erste Impfung bringt laut Cichutek eine Grundimmunisierung. Nach einem Zeitfenster von drei bis vier Wochen erfolge eine zweite Impfung. Voraussichtlich zwei bis drei Wochen nach der Zweitimpfung sei voller Schutz aufgebaut. Menschen mit Vorerkrankungen können sich laut Wieler ohne Bedenken impfen lassen.

Kann jemand, der geimpft ist, andere noch anstecken?

Möglich, aber weniger wahrscheinlich. „Wir gehen nicht davon aus, dass die Impfung komplett steril schützt“, sagt Cichutek. Das ist laut Lothar Wieler normal: „Sterile Impfungen – das gibt es praktisch gar nicht“, sagt er. Das bedeutet also, dass man sich auch nach einer Impfung noch anstecken kann, die Aufnahme und Weitergabe von Viren wohl aber deutlich reduziert ist. Die unteren Atemwege sind dann wohl nicht mehr betroffen. Es gebe vielleicht noch leichte Symptome, aber keine schweren Verläufe mehr. Zu dieser wichtigen Frage erwarten die Forscher aus den fortlaufenden Studien aber noch weitere Erkenntnisse.

Wie läuft die Zulassung eines Corona-Impfstoffs in der EU ab?

Da heute praktisch kein Impfstoff mehr ausschließlich für den deutschen Markt zugelassen wird, ist dieses Verfahren größtenteils durch das zentrale europäische Zulassungsverfahren ersetzt worden. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) mit Sitz in Amsterdam ist dabei die zentrale Prüfstelle.

Die Zulassungsanträge zu den Corona-Impfstoffkandidaten können in einem sogenannten Rolling-Review-Verfahren bewertet werden – das ist sowohl bei Moderna als auch beim Vakzin von Biontech/Pfizer der Fall. Das Verfahren soll die Bewertung durch die EMA beschleunigen. Anders als im regulären Verfahren wird die Beurteilung des Impfstoffkandidaten bereits begonnen, bevor alle erforderlichen Daten für einen „normalen“ Zulassungsantrag eingereicht wurden.

Im Falle der bisher gestellten Anträge soll es die Empfehlung einer bedingten Zulassung geben. Eine solche Zulassung ist dazu gedacht, dringliche medizinische Bedürfnisse zu befriedigen. Den Antragstellern kann im Interesse der öffentlichen Gesundheit eine bedingte Genehmigung erteilt werden, wenn der Nutzen das Risiko, das von weniger als normalerweise erforderlichen Daten ausgeht, überwiegt. Fehlende Daten beispielsweise zur Langzeitwirksamkeit oder zu bestimmten Subgruppen müssen so schnell wie möglich nachgereicht werden. Eine bedingte Zulassung gilt für ein Jahr und kann verlängert werden.

Wie schnell gehts los?

Wann hierzulande die erste Spritze gesetzt werden kann, steht noch nicht fest. Bund und Länder peilen an, mit wichtigen Vorbereitungen bis Mitte Dezember startklar zu sein – auch, wenn es dann doch noch ein paar Wochen länger dauern sollte. Massenimpfungen sind ohnehin nicht gleich möglich, weil zuerst nur begrenzte Impfstoffmengen zu erwarten sind. „Wir müssen durch den Winter durchkommen, ohne darauf setzen zu können, dass wir in großem Maße schon Impfstoff zur Verfügung haben“, erläuterte Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Im ersten Quartal 2021 könne Deutschland von den Herstellern Biontech/Pfizer und Moderna wohl zusammen sieben Millionen Dosen erwarten – das würde bei zweimaliger Impfung für 3,5 Millionen Menschen reichen. Im dritten Quartal könnten dann deutlich größere Mengen verfügbar sein.

Wer besorgt den Impfstoff?

Zentral Impfstoff für Deutschland beschaffen will der Bund. Über einen EU-weiten Schlüssel und nationale Vereinbarungen sind bisher rund 300 Millionen Dosen gesichert. Der Bund bezahlt das auch, im Etat 2021 sind vorerst 2,7 Milliarden Euro dafür reserviert. Verteilt werden sollen Impfstoffe über knapp 30 Anlieferstellen der Länder, von dort dann weiter in regionale Impfzentren, für die gerade Hallen, Stadien und Hotels hergerichtet werden. Das hat praktische Gründe: Einige Impfstoffe müssen bei minus 70 Grad gekühlt werden. In Zentren mit Hunderten Impfungen am Tag ist die Logistik der  großen Mengen einfacher. Vermutlich wird es auch spezielle Sicherheitsvorkehrungen geben.

Wo kann man sich impfen lassen?

In den Ländern werden Zentren eingerichtet, die Impfungen in einer Region für die ersten Monate bündeln sollen.

Berlinerinnen und Berliner sollen in sechs Zentren geimpft werden können. Die Einrichtungen entstehen demnach neben der Arena, auf dem früheren Flughafen Tegel (Terminal C), in einer Halle auf dem Messegelände, im Hangar 4 in Tempelhof, im Velodrom in Pankow sowie im Erika-Heß-Eisstadion in Wedding. Daneben werde es mobile Impfteams geben, die zu Menschen in Pflegeheimen gehen.

In Brandenburg sollen elf Impfzentren entstehen. Noch in diesem Monat sollten Zentren in Potsdam und Cottbus errichtet werden, teilte das Gesundheitsministerium in Potsdam mit. Zwischen Januar und März 2021 seien acht weitere Impfzentren in Kyritz (Landkreis Ostprignitz-Ruppin), Oranienburg (Oberhavel), Prenzlau (Uckermark), Eberswalde (Barnim), Frankfurt (Oder), Elsterwerda (Elbe-Elster), Luckenwalde (Teltow-Fläming) und Brandenburg/Havel vorgesehen. Im Gespräch für den elften Standort seien Königs-Wusterhausen, Wildau und Erkner. Geprüft werde, ob es auch Zentren in den Kreisen Prignitz, Havelland und Spree-Neiße gebe.

Wer kommt zuerst dran?

Zum Start der Corona-Impfungen sollen Ältere über 80, Pflegeheimbewohner und bestimmtes Personal mit hohem Infektionsrisiko voraussichtlich zuerst zum Zug kommen können. Dies entspricht rund 8,6 Millionen Menschen in Deutschland, wie aus einem Entwurf der Ständigen Impfkommission (Stiko) hervorgeht. Grund für eine Prioritätensetzung ist, dass zum möglichen Auftakt von Impfungen nur kleinere Impfstoffmengen erwartet werden.

Wie sollen die Impfungen ablaufen?

Für Impfzentren gibt es jeweils eigene Konzepte, die von der An- und Abfahrt bis zur Gestaltung der Räume reichen. Um Warteschlangen und Gedrängel zu vermeiden, sollen Termine generell vorab online oder per Telefon gebucht werden können. Experten empfehlen für Zentren meist Impfstraßen als Einbahnstraßen, um Patienten von Station zu Station zu lotsen – von der Anmeldung, wo die Impfberechtigung geprüft wird und man einen Aufklärungsbogen bekommen kann, bis zu einer Zone, wo man nach dem Impfen noch etwas bleiben kann. Benötigt werden auch Wartebereiche, Räume für Arztgespräche und die eigentliche Impfung. 

Wie kommen Hausärzte beim Impfen ins Spiel?

Nach dem Start in zentralen Einrichtungen sollen die Corona-Impfungen dezentral weitergehen – wie es Praxen zurzeit auch wieder mit mehr als 20 Millionen Grippeimpfungen handhaben. Wann umgeschaltet werden kann, ist offen, vielleicht im Sommer. Voraussetzung sind mehr Impfstoffe für den Masseneinsatz, die normal in Apotheken und Praxen zu lagern sind. Wie sich die Impfbereitschaft nach ersten Eindrücken entwickelt, muss sich zeigen. Die Bundesregierung plant Info-Kampagnen fürs Impfen und will erklärtermaßen auf breites Vertrauen achtgeben. Dazu gehört das wiederholte Versprechen: Es geht um ein Impfangebot, keine Impfpflicht. Spahn hat im Bundestag sein Wort darauf gegeben.

Was kostet die Impfung?

Die Impfung samt Beratung soll für alle Bürger kostenlos sein. In der ersten Phase mit noch relativ wenig verfügbaren Dosen muss man aber – nach dann geltender Impf-Reihenfolge – seine „Anspruchsberechtigung“ nachweisen. Beim Alter soll das einfach mit Personalausweis oder Pass gehen, wie ein Verordnungsentwurf des Bundes vorsieht. Bei Personal im Gesundheitswesen, in der Pflege und der „kritischen Infrastruktur“ wie der Polizei sollen es Arbeitgeber-Bescheinigungen tun. Wenn Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen an die Reihe kommen, sollen sie ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Kennt einen der Arzt, soll man sich das auch telefonisch bestellen und zuschicken lassen können.

Werden eventuelle Nebenwirkungen der Impfungen dokumentiert?

Wer eine Spritze erhalten hat, soll ein Einlegeblatt für den Impfpass bekommen. Generell ist zudem eine „Surveillance“ der frisch eingeführten Impfstoffe vorgesehen – also eine wissenschaftliche Beobachtung, wie der Prozess auch mit möglichen Risiken abläuft. Dafür sollen Impfzentren täglich Daten ans RKI melden – unter anderem Impfdatum, Impfstoffname, Chargennummer, Geburtsmonat, Geburtsjahr, Geschlecht und Postleitzahl. Wie es in einem Verordnungsentwurf heißt, sollen die Daten nur zweckgebunden zu verarbeiten sein: zum Feststellen der Inanspruchnahme von Impfungen und von Impfeffekten durch das RKI und zum Überwachen der Sicherheit von Impfstoffen durch das bundeseigene Paul-Ehrlich-Institut.

Wie schnell können Impfungen die Pandemie stoppen?

Mit Prognosen halten sich Politik und Experten zurück. Inmitten andauernder Corona-Beschränkungen sind nahende Impfungen aber „Licht am Ende des Tunnels“, wie Merkel sagte. Schritt für Schritt sei das Virus damit zu besiegen. „Eine Sache von wenigen Monaten wird das allerdings nicht, seien wir da ganz realistisch.“ RKI-Präsident Lothar Wieler nannte Impfungen den „entscheidenden Gamechanger“, der den Pandemie-Verlauf um Jahre verkürzen könne. Deutschland alleine könne das aber natürlich nicht leisten. Ein Aufwand von nochmals fünf, sechs Milliarden Euro rund ums Impfen lohne sich jedenfalls, machte Spahn deutlich. Allein die Novemberhilfen für Betriebe kosteten 15 Milliarden Euro.

Gelten die AHA-Maßnahmen dann auch noch für Geimpfte?

Zunächst ja. Das sagte zumindest die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) in der Bild am Sonntag. Alles andere würde die Gesellschaft spalten. Alle müssten sich auch weiter an die Maskenpflichten halten. Sonderveranstaltungen wie Konzerte nur für Geimpfte dürfe es ebenfalls nicht geben. RKI-Präsident Lothar Wieler sagt, auch jene, die geschützt seien, sollten sich verantwortungsbewusst verhalten.

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