Wildschwein (Symbolbild)
Foto: dpa/Gregor Fischer

PotdamEs war nur eine Frage der Zeit, bis die Afrikanische Schweinepest wieder für Schlagzeilen sorgen würde sowie für Existenzängste bei den Bauern und für massive Verunsicherungen bei den Verbrauchern.

Die hochgefährliche Tierkrankheit grassiert bereits seit Jahren im Nachbarland Polen – bislang im Osten. Von dort wandert sie immer weiter nach Westen. Am 15. November meldeten die Behörden einen Fall nahe der Ortschaft Tarnów Jezierny, etwa 80 Kilometer von der Grenze zu Brandenburg entfernt. Ein Wildschwein starb bei einem Verkehrsunfall – und ein Test ergab, dass es das tödliche Virus in sich trug. Die Wälder wurden nach weiteren Tieren abgesucht. Inzwischen sind 22 Fälle von Schweinepest bestätigt. Mehr als 250 Soldaten und Freiwillige suchen weiter in den Wäldern.

In Deutschland – vor allem in Brandenburg und Sachsen – laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. „Die Afrikanische Schweinepest kann jederzeit in jedem Bundesland in Deutschland ausbrechen“, sagte Stephan Nickisch, der Brandenburger Landestierarzt, der Berliner Zeitung. „Aber Brandenburg ist sehr gut vorbereitet. Wir haben alle nötigen Vorbereitungen getroffen. Die Krisenpläne sind seit sehr vielen Monaten fertig, und die Krisenstäbe können jederzeit aktiviert werden.“

Für Schweine zu 100 Prozent tödlich

Für die Verbraucher ist es nun wieder an der Zeit, sich eine neue Abkürzung merken. Anfang der 90er Jahre war es beim Rinderwahnsinn das Kürzel BSE, bei der Vogelgrippe war es ab 2006 das Kürzel des Erregers H5N1. Nun also ASP – Afrikanische Schweinepest.

Meist haben Tierkrankheiten Namen, die nicht allzu viel über ihre Gefährlichkeit aussagen – wie Blauzungenkrankheit oder West-Nil-Krankheit. Dass für diese Krankheit der Begriff Pest benutzt wird, zeigt die Gefahr. Da diese Krankheit bei 100 Prozent der infizierten Schweine tödlich verläuft, wird oft auch von „Ebola für Schweine“ gesprochen.

Wie der Name bereits verrät, stammt die Krankheit aus Afrika und wurde 2007 per Schiff nach Georgien eingeschleppt. Seither wandert sie nach Westen, erreichte 2014 das Baltikum und Ostpolen und ist nun offenbar unaufhaltsam nach Westen unterwegs.

Erreger kann auch über Kleidung übertragen werden

Die Hauptgefahr droht nicht so sehr durch die Übertragung von Wildschwein zu Wildschwein in freier Natur. Diese Ansteckungskette verläuft relativ langsam. Es ist der Mensch, der immer wieder für sogenannte Sprunginfektionen sorgt. „Auch die aktuellen Fälle in Polen zeigen, dass es jederzeit zu einem Ausbruch bei Wildschweinen kommen kann – auch weit entfernt von den bisherigen Verbreitungsgebieten“, sagte Landestierarzt Nickisch. „Das Risiko einer sogenannten Sprunginfektion ist hoch.“

Zwei ähnliche Fälle gab es bereits ganz in der Nähe von Deutschland. Immer wurde die Krankheit über hunderte Kilometer von Osten bis weit in den Westen gebracht: Per Lastwagen gelangte der Erreger 2017 nach Tschechien, konnte aber gestoppt werden. Im September 2018 war dann Belgien dran: Der Virus klebte wohl an der Kleidung von Soldaten, die bei einer Übung im Baltikum  waren.

Gefährlich ist es, wenn Jäger, Bauern, Wanderer oder Soldaten in Kontakt mit infizierten Tieren im Wald kommen – oder ihre Ausrüstung und Kleidung. Die Körperflüssigkeiten sind hochinfektiös.

Schweinepest: Weggeworfener Wurstzipfel als Gefahr

Um die Gefahr einer möglichen Einschleppung zu minimieren, sollen Schweinehalter nun ihre Ställe besonders gut kontrollieren. Die Brandenburger Landesregierung hat nun noch einmal aller Schweinehalter angeschrieben, damit sie die Bestimmungen zur Hygiene an Ställen und alle „Biosicherheitsmaßnahmen“ einhalten. „Ich bitte alle Menschen, die aus den von der Afrikanischen Schweinepest betroffenen Regionen nach Brandenburg reisen, keine fleischhaltigen Lebensmittel mitzubringen“, sagte Brandenburgs neue Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher.

Befürchtet wird, dass Fernfahrer oder Touristen aus Osteuropa an den vielen deutschen Autobahnen achtlos Essensreste wegwerfen, in denen sich infiziertes Fleisch befindet. In Salami oder in Schinken überleben die Erreger einige Monate. Die Gefahr eines weggeworfenen Wurstzipfels ist hoch.

Für die Gesundheit des Menschen ist ASP kein Problem: Sie können daran nicht erkranken, selbst wenn sie kontaminiertes Fleisch essen. Aber die Krankheit kann sich schnell zu einer Art Super-GAU für einen wichtigen bundesdeutschen Industriezweig entwickeln. Denn trotz des veganen Zeitgeistes ist Deutschland ein Fleischland, besser gesagt: ein Schweinefleischland. Mehr als 26 Millionen dieser Nutztiere werden hier gehalten – das ist Platz 2 in Europa nach Spanien.

Schwere wirtschaftliche Folgen durch Schweinepest

Weltweit gesehen hält China mehr als 50 Prozent aller Hausschweine, Deutschland liegt mit 3,4 Prozent nur auf Platz 5. Aber in China grassiert ASP seit Jahren – mit schweren wirtschaftlichen Folgen, denn die Bestände gehen zurück. Ebenso ist es in Russland, seit sich dort die Krankheit ausbreitet.

Um die Ausbreitung im Ernstfall in Brandenburg möglichst schnell eindämmen zu können, ist die Früherkennung wichtig. Deshalb hat die Regierung nun eine Prämie für Jäger erhöht: Die bekommen seit Anfang 2018 für jedes Wildschwein, von dem sie eine Probe ins Labor schicken, 30 Euro. Ab 1. Dezember sind es 50 Euro. „Je früher die Afrikanische Schweinepest erkannt wird, desto größer sind die Chancen, einen möglichen Ausbruch der Seuche in unserem Schwarzwildbestand erfolgreich zu bekämpfen“, sagte Ministerin Nonnemacher.

Landestierarzt Nickisch sagte: „Im Jahr 2018 wurden vom Brandenburger Landeslabor etwa 470 Stück Schwarzwild untersucht. Das waren tot gefundene Wildschweine oder Tiere, die bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen. Bei keiner einzigen Probe wurde ASP festgestellt.“ Er geht davon aus, dass nun auch mehr tote Wildschweine in Deutschland untersucht werden. „Die höhere Aufwandsentschädigung und vor allem durch die höhere Sensibilisierung gehen wir davon aus, dass die Jäger vermehrt Fallwildproben einsenden“, sagte Nickisch.

Alle Wildschweine in der Kernzone werden erschossen

Im Ernstfall ist ein bestimmtes Krisenszenario vorgeschrieben: Um den Fundort eines infizierten Wildschweins wird im Radius von drei Kilometern ein Zaun gebaut: Kein Schwein soll mehr heraus oder hinein. In dieser Kernzone erschießen die Jäger dann alle Wildschweine. Hausschweine werden nur getötet, wenn im Stall ASP festgestellt wird.

Für gerade erst ernannte rot-schwarz-grüne Landesregierung in Brandenburg kann ASP zum ersten großen Krisenfall werden, der zu bewältigen ist. Immerhin ist zwischen den beiden zuständigen Ministerien für Gesundheit und für Landwirtschaft nicht mit viel Kompetenzgerangel zu rechnen: Beide sind in den Händen der Grünen.

Nun warten die Verantwortlichen nun auf den ersten Fall in Deutschland. Denn alle wissen: Es ist wohl nur eine Frage der Zeit.