Mann mit Mundschutz. 
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BerlinDas erste Halbjahr 2020 wird in die Geschichte der Menschheit eingehen: Mit mehr als acht Millionen bestätigten Infektionen und etwa 450.000 Todesfällen weltweit hat die Corona-Pandemie bis Mitte Juni ein Ausmaß erreicht, das Anfang des Jahres noch unvorstellbar war. Milliarden Menschen müssen sich mit erheblichen Einschränkungen ihres Lebens abfinden. Eine – vorläufige – Bilanz.

Wie alles begann – die weltweite Entwicklung:

Ihren Ausgang nimmt die Pandemie im chinesischen Wuhan, wo spätestens Anfang Dezember Fälle einer rätselhaften Lungenkrankheit auftreten. Am 9. Januar melden die Behörden, dass die Infektionen von einem neuartigen Coronavirus verursacht werden. Mitte Januar wird das Virus außerhalb Chinas nachgewiesen. Bis Ende Januar gelangt es nach Europa. In Deutschland wird ein erster Fall in Bayern bekannt. Mitte Februar erhält der Erreger den Namen Sars-CoV-2, die Lungenkrankheit heißt Covid-19.

In den folgenden Wochen breitet sich das Virus weltweit aus. Großbritannien, Italien, Spanien und Russland sind – Stand Juni – die am stärksten betroffenen Länder Europas, was die Zahl der Infizierten und Todesfälle anbelangt. Allerdings ist ein internationaler Vergleich schwierig, weil in verschiedenen Ländern unterschiedlich stark getestet wird, auch bei der Erfassung von Todesfällen gibt es erhebliche Unterschiede.

Wie beurteilten Experten die Situation in Deutschland?

Ende Januar hofft der Virologe Christian Drosten von der Charité Berlin, der deutsche Corona-Experte Nummer eins, noch auf ein rasches Ende der Epidemie. Das Virus habe sich außerhalb Chinas nicht stark verbreitet, außerdem sei der Erreger dem der schnell abgeflauten Sars-Pandemie der Jahre 2002/2003 ähnlich. Im Februar sagt dann: „Ich glaube nicht mehr daran, dass eine Pandemie vermeidbar ist.“ Was genau auf die Welt zukommt, ist damals noch nicht absehbar. „Wir sind momentan nicht in der Lage, die Dynamik des Ausbruchs zu prognostizieren“, sagt der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler.

Wie reagiert die Politik?

Die Maßnahmen, die die Politik gegen das Virus in Deutschland ergreift, sind beispiellos: Großveranstaltungen werden verboten, Museen, die meisten Geschäfte und sogar Spielplätze geschlossen, die Bundesliga stellt den Spielbetrieb ein, an den Grenzen gelten Kontrollen und Einreiseverbote. Mitte März kündigen Bayern und das Saarland an, Schulen und Kitas zu schließen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder verkündet weitere Maßnahmen, etwa weitreichende Auflagen für den Besuch von Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen.

Am 22. März werden Ansammlungen von mehr als zwei Personen, die nicht zu einem Haushalt gehören, bundesweit verboten. Die Politik gibt an, bei ihren Entscheidungen auf die Wissenschaft zu hören – doch Experten in Deutschland sind sich keineswegs einig darüber, welche Maßnahmen die richtigen sind. Drosten etwa rät noch Anfang März von einer bundesweiten Schließung von Schulen und Kindergärten ab, andere Virologen sind dafür. Diskussionen gibt es auch um eine Maskenpflicht. Kritisiert wird, dass es kein bundesweit einheitliches Vorgehen bei den Corona-Maßnahmen gibt, es ist die Rede von einem Überbietungswettbewerb.

Wie werden die Maßnahmen rückblickend beurteilt?

Ende März/Anfang April erreicht die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen ihren Höhepunkt, seitdem sinkt sie deutlich. Experten verkünden, die Maßnahmen zeigten Wirkung. Erste Lockerungen werden in Betracht gezogen und ab Mitte April nach und nach umgesetzt. Läden dürfen unter bestimmten Bedingungen wieder öffnen, die Länder einigen sich auf eine schrittweise Wiederaufnahme des Schulbetriebs ab Anfang Mai. Im öffentlichen Verkehr und im Einzelhandel soll eine Maskenpflicht einen neuerlichen Anstieg der Infektionszahlen bremsen.

Mit der Entspannung der Situation mehren sich kritische Stimmen. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sagt, schon das Verbot von Großveranstaltungen habe zu einem Rückgang der Infektionen geführt, weitere Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen hätte man vom weiteren Verlauf der Epidemie abhängig machen sollen. Auch die Maskenpflicht hält er für fraglich. Bei falscher Nutzung seien sie „ein wunderbarer Nährboden für Bakterien und Pilze“.

Die Virologin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) zieht ein weitgehend positives Fazit der Corona-Maßnahmen. „Ich denke, dass wir im Großen und Ganzen richtig gehandelt haben.“ Im Gegensatz zu Streeck hält sie die Maskenpflicht für essenziell zur Bekämpfung der Pandemie. Das RKI hält sich hinsichtlich der Maskenpflicht lange bedeckt, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht anfangs in der verbreiteten Anwendung keinen Nutzen.

Wie reagierte die Forschung?

Die Ausbreitung des Virus löst eine beispiellose Forschungsaktivität aus. Ein Test zum Nachweis der Infektion – entwickelt von Wissenschaftlern um Drosten – liegt bereits im Januar vor. Erforscht werden rund um die Welt Verbreitungswege des Virus, Infektionsverläufe, Anfälligkeiten einzelner Bevölkerungsgruppen oder der Einfluss von Gegenmaßnahmen.

Im Fokus stehen aber vor allem die Suche nach Medikamenten und die Entwicklung eines Impfstoffes. Dutzende bereits verfügbare Medikamente werden auf eine Wirkung gegen Covid-19 getestet, neue Wirkstoffe gesucht. Derzeit hat ein einziger Wirkstoff – Remdesivir – in den USA und Japan eine Sonderzulassung gegen Covid-19. Das Präparat hatte in einer Studie die Behandlungsdauer der Patienten im Krankenhaus um einige Tage verkürzt. Ob es auch die Sterblichkeit senkt, ist derzeit offen. In der EU liegt ein Zulassungsantrag bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA).

Mitte Juni werden vorläufige Studiendaten zu dem Entzündungshemmer Dexamethason bekannt. Der Wirkstoff habe die Sterberate bei Patienten, die künstlich beatmet werden, um ein Drittel gesenkt. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus spricht von „großartigen Neuigkeiten“. Für eine abschließende Beurteilung sei es aber zu früh, warnen deutsche Experten. „Bevor man das vollständige, durch unabhängige Gutachter beurteilte Manuskript nicht gesehen hat, kann man die Wertigkeit der Studie nicht beurteilen“, erklärt der Pneumologe Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Anfang Juni forschen weltweit mindestens 130 Projekte nach einem Impfstoff, etliche Substanzen werden schon klinisch getestet. Sechs Monate nach Auftauchen eines neuen Erregers ist das unglaublich schnell, veranschlagt wird üblicherweise ein Entwicklungszeitraum von rund 15 Jahren für einen Impfstoff. Möglich ist das auch deshalb, weil Forscher auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie bei der Suche nach Impfstoffen gegen verwandte Coronaviren gemacht haben, etwa die Erreger von Sars und Mers.

Zum anderen nutzen sie neue Technologien, etwa bei der Entwicklung genbasierter Impfstoffe. In Deutschland erhält das Mainzer Unternehmen Biontech im April die Genehmigung für eine klinische Studie, im Juni folgt das Tübinger Unternehmen CureVac.

Am weitesten fortgeschritten ist Mitte Juni der an der britischen Universität Oxford entwickelte Impfstoff AZD1222. Noch bevor Studien eine Schutzwirkung belegen, schließen etliche Länder – darunter Deutschland – mit dem Konzern AstraZeneca Verträge über mindestens zwei Milliarden Dosen dieses Impfstoffes ab.

Wie hat die Pandemie das System Wissenschaft beeinflusst?

Das rasche Hochfahren der weltweiten Forschungsaktivität hat nicht nur gute Seiten. „Die Pandemie hat die Schwächen des Wissenschaftsbetriebs schonungslos offengelegt“, urteilt Gerd Antes, Medizinstatistiker und ehemaliger Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums an der Universität Freiburg. Das Netzwerk setzt sich für eine evidenzbasierte – auf wissenschaftlichen Fakten beruhende – Medizin ein.

Es gebe zahlreiche Fragen – von der Herkunft des Virus, über die Übertragungswege und die Maßnahmen gegen die Ausbreitung bis hin zur Therapie –, deren Beantwortung eine gute Planung und gute Studien benötige. Noch immer gebe es dafür keine zentrale Koordinierung, weder in Deutschland noch international. „Da hapert es an jeder Stelle.“ Antes sieht die WHO in der Pflicht, mindestens eine zentrale Dokumentationsstelle zu schaffen, damit die weltweiten Aktivitäten und Forschungsergebnisse überschaubar bleiben.

Als problematisch erweist sich vor allem die Veröffentlichungspraxis: Studienergebnisse werden ohne vorherige Prüfung durch externe Gutachter auf sogenannte Preprint-Server geladen und öffentlich zugänglich gemacht. Zwar können Forscher sich so schnell über den aktuellen Wissenstand austauschen, oft geschieht das aber auf Kosten der Sorgfalt – Antes spricht von einem „Frontalangriff auf die Qualität“.

Erst kürzlich wurden zwei Studien – eine zum Medikament Hydroxychloroquin und eine zu Risiken von ACE-Hemmern – in renommierten Fachmagazinen zurückgezogen, wegen Zweifeln an der Seriosität der Datengrundlage. Virologin Brinkmann sieht die Wissenschaft in einem Dilemma: Zum einen sollten Forscher möglichst schnell Antworten auf drängende Fragen liefern, zum anderen müsse man bei der Interpretation vorläufiger Ergebnisse in der Öffentlichkeit sehr vorsichtig sein.

Haben sich die Behandlungsmöglichkeiten inzwischen verbessert?

Ein Teil der Sars-CoV-2-Infizierten erkrankt so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. „Wir wissen mittlerweile, dass es bei schweren Verläufen neben der Entzündung der Lunge häufig zu Gerinnungsstörungen kommt, die die Behandlung erschweren“, erläutert Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. „Wir behalten die Laborwerte sehr genau im Blick und behandeln dagegen von Anfang an auch prophylaktisch mit gerinnungshemmenden Medikamenten.“

Substanzielle Fortschritte kann Janssens indes nicht erkennen. „Wir haben noch immer kein Medikament in der Hand – abgesehen von Remdesivir, das einen möglichen Nutzen gezeigt hat. Ob das in der Klinik von Bedeutung ist, wird sich zeigen.“ Als „hochinteressant“ bezeichnet er die Ergebnisse zum Entzündungshemmer Dexamethason. Wenn sich die deutlich geringere Sterblichkeit bestätige, sei das ein elementarer Fortschritt.

Einige vielversprechende Ansätze bei der Suche nach Therapeutika müssten eigentlich in klinischen Studien untersucht werden, sagt Janssens. „Allerdings gehen uns jetzt – erfreulicherweise – die Patienten aus.“ Mit einem schnellen Ende der Pandemie rechnet der Intensivmediziner nicht. „Wir werden in Zukunft mit Sars-CoV-2 und Infektionen leben müssen.“ (dpa/fwt)

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